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Dachmarke Globalisierung

13.03.2006  09:49 Uhr

Dachmarke Globalisierung

Während der Wahlkampf in einigen Bundesländern die Krankenkassen mehr als 120 Millionen Euro kosten wird, strebt der Darmstädter Merck-Konzern nach Höherem - und greift nach der Schering AG (Seite 44). Rund 15 Milliarden Euro will sich das nach eigenen Angaben älteste Pharmaunternehmen der Welt den Deal kosten lassen. Und damit wird man noch nicht einmal auskommen.

 

Über den Sinn oder Unsinn solcher Fusionen mögen Analysten trefflich streiten. Ob Schering und Merck zueinander passen und - noch wichtiger - zueinander finden, sei dahingestellt. Wichtig ist und bleibt die Erkenntnis, dass im nationalen wie internationalen Geschäft die Zeit der Fusionen nicht vorbei ist. Es wird gut verdient und trotzdem konsolidiert; meist in der Annahme, dass die Effizienz noch weiter gesteigert werden könne, um in den nächsten Jahren noch mehr Ertrag zu generieren. Es ist viel Musik drin im weltweiten Pharmamarkt.

 

Allerdings klingt die Musik nicht für alle gleichermaßen gut. Für manche sind es schräge, schrille Töne. So geht in Berlin die Angst um, dass Schering ausbluten könnte, dass die Einsparungen, die Merck mit 500 Millionen Euro beziffert, komplett zu Lasten der Berliner gehen könnten. Jobs sind in Gefahr bei solchen Fusionen. Jobs, von denen mancher glaubte, sie seien gerade erst richtig sicher geworden. Denn Schering hat seine Rosskur erst vor kurzem abgeschlossen. Viele Mitarbeiter mussten gehen, und nun steht der nächste Aderlass an.

 

Während sich Konzerne fit machen für eine Zukunft unter der Dachmarke der Globalisierung, kapituliert die deutsche Politik vor sich selbst. Während noch charmant über die Föderalismusreform debattiert wird, blockiert der Bundesrat kurzerhand das AVWG (Seite 8). Da steckt ein bisschen Lobbyismus dahinter, aber noch viel mehr Wahlkampfkalkül. Die Ministerpräsidenten Oettinger, Böhmer und Beck haben nur ihre Wiederwahl am 26. März im Fokus. 120 Millionen Euro weniger Einsparungen für die Gesetzliche Krankenversicherung interessieren da nicht. Es ist bemerkenswert, was sich Versicherte alles bieten lassen.

 

Schadenfreude dürfte zu früh kommen, auch wenn das AVWG unsinnig ist. Denn die Rechnung, die uns die Bundesländer einbrocken, bezahlen Versicherte und Leistungserbringer spätestens Anfang 2007. Denn es ist kaum zu erwarten, dass sich diese Koalition angesichts der von den Ländern durchgesetzten Eigeninteressen auf eine große Reform verständigen wird. Die wäre aber dringend geboten, um das System zukunftsfest zu machen. Der erste Testballon aus dem Schmidt-Ministerium zeigt, in welche Richtung es gehen könnte (Seite 10). Die Reaktionen machen aber auch deutlich, wie dünn die Luft ist für den Umbau der GKV.

 

Kommt dieser Umbau nicht, dann müssen im kommenden Jahr schon Milliarden Euro finanziert werden. Von den Versicherten, die dann dank der Mehrwertsteuererhöhung erst recht weniger in ihrer Haushaltskasse haben und von den Leistungserbringern, die vom AVWG und dessen Folgen gebeutelt werden.

 

Merck und Schering zeigen, wie schnell sich die Dinge verändern können ­ wenn man nur will. Während sich die Hersteller in immer größeren Einheiten am Markt platzieren, duckt sich die Politik. Sie flieht aus ihrer Verantwortung. Ändert sich das nicht schon bald, ist es aus mit dem schönen Schein des Sozialstaats. Dann läuft's auch hier unter der Dachmarke Globalisierung.

 

Thomas Bellartz

Leiter der Hauptstadtredaktion

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