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Hildegard von Bingen

Renaissance eines Lebensstils

07.03.2018
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Von Jennifer Evans, Berlin / Einer Frau aus dem Mittelalter gelingt es, moderne Menschen für ihre Medizin zu begeistern. ­Einige Ansichten der Hildegard von Bingen lassen sich tatsächlich in die heutige Zeit übertragen, sagt die Allgemeinmedizinerin Dr. Ilse Zilch-Döpke bei einem Vortrag in der Berliner Urania.

Malerin, Komponistin, Heilerin, Theologin, Äbtissin und Prophetin – Hildegard von Bingen war ein Multitalent. Zu ihren Lebzeiten (1098 bis 1179) machte sie sich aber auch als »erste deutsche Ärztin und Naturforscherin einen Namen. Sie erteilte Kaisern und Päpsten Rat und Weisung und kritisierte und formte die mittelalterliche Theologie durch ihre Erkenntnisse mit«, so Zilch-Döpke.

 

Wellness-Trend 2018

 

Heute sind vor allem die naturkundlichen Schriften der Klosterfrau, darunter ihre Kräuter- und Mineralienkunde sowie ihre Gesundheitslehren, bekannt und gefragt. Ihre Erkenntnisse hat sie in Werken wie »Causae et curae« und »Physica« festgehalten. Es ging von Bingen im Wesentlichen darum, die natürlichen Heilkräfte der Natur und die von Lebensmitteln zu nutzen. Zur Gesundheitsförderung gehörte für sie aber auch, »die Seele zu reinigen« und stets in einem harmonischen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein, Arbeit und Muße sowie Bewegung und Entspannung zu leben.

 

Viele Hotels werben mittlerweile mit Kurzurlauben und Fastenwochen nach den Lebensregeln der Hildegard von Bingen. Solche Auszeiten gehören laut Touristikbranche zu den größten Wellness-Trends im Jahr 2018. Die einstige Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters empfahl bespielweise, viel gedünstetes Gemüse zu essen, Fisch und Fleisch hingegen nur in Maßen zu verzehren. Dinkel hielt sie für das beste Getreide, weil die Körner kraftvoll und leicht verträglich sind. Außerdem war sie überzeugt, dass Dinkel die Seele des Menschen mit Heiterkeit erfüllt. Auch Gewürze wie Ingwer, Galgant oder Fenchel gehörten auf ihren Speiseplan. Viele Rezepte der gesundheitsbewussten Küche lehnen sich heute wieder an ihre damaligen Kochanleitungen an. Diese Trends werden nach Zilch-Döpkes Ansicht jedoch der wirklichen Tiefe der Persönlichkeit der Hildegard von Bingen nicht gerecht. Sie sieht die derzeitige Anziehungskraft der Frau aus dem Mittelalter in deren bereits damals modernen Gedankengut begründet.

 

Hildegard von Bingens Auffassung von Krankheit beispielsweise sei für ihre Zeit ungewöhnlich gewesen, so die Referentin. »Sie wusste, dass Wohlbefinden physische Heilung und seelisches Heil umfasst. Und diese nicht nur eng verbunden waren, sondern von einem fließenden Energiestrom abhängen.« Diesen Strom bezeichnete die Klosterfrau als »Sancta Viriditas«, die Grünkraft, die alles erneuert. Aufgrund ihres ganzheitlichen Menschenbildes sah sie auch die Aufgaben eines Mediziners eher darin, sich einem Patienten ganzheitlich zu widmen und nicht allein seine Krankheiten zu behandeln. Ein Ansatz, der ganz ähnlich in der Ayurveda oder der Traditionellen Chinesischen Medizin zu finden ist. »Diesem Gedanken versuchen wir auch in der Psychotherapie und Psychosomatik Rechnung zu tragen«, sagt Zilch-Döpke, die auch Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie ist. In der Hektik der täglichen Hausarztpraxis fände dieser Aspekt aber leider viel zu wenig Berücksichtigung.

 

Sprechende Medizin

 

Wie sehr sich kranke Menschen tatsächlich nach mehr Zuspruch und Aufklärung seitens der Ärzte sehnen, beweist eine Umfrage der Techniker Krankenkasse. Demnach wünschen sich mehr als 95 Prozent der Befragten, dass hierzulande die sogenannte sprechende Medizin gestärkt wird. Eine Rolle mag dabei auch die Zunahme seelisch bedingter Krankheiten spielen, die im Praxisalltag mehr Zeit für intensive Gespräche erfordern. Seit 2007 hat sich die Anzahl der Verordnungen von Antidepressiva verdoppelt – allein für erwerbstätige TK-Versicherte gingen 2016 knapp 23 Millionen entsprechende Präparate über den HV-Tisch. Nach Angaben der Kasse ist oft Stress die Ursache für eine medikamentöse Behandlung des Nervensystems. Knapp 40 Prozent der erwerbstätigen Umfrageteilnehmer gaben nämlich an, nie richtig abschalten zu können – selbst im Urlaub nicht.

 

»Mentales Software-Upgrade«

 

Das Bedürfnis nach Ruhe, Entschleunigung und Einfachheit kommt offensichtlich nicht von ungefähr. Insbesondere Auszeiten im Kloster inklusive Schweigephasen boomen seit einigen Jahren, im Kloster Maria Laach in der Vulkaneifel übernachten jedes Jahr rund 8000 Besucher. Ganze Reiseführer widmen sich Kurzurlauben dieser Art. Das Bedürfnis moderner Menschen, durch Kontemplation oder Meditation wieder zur inneren Balance zwischen Spannung und Entspannung zu finden, deckt sich mit den medizinischen Lehren der Hildegard von Bingen. Ihrer Auffassung nach gehörten zum Heilungsprozess von Körper und Seele auch eine entspannende Umwelt sowie Spiritualität. Teil des Erfolgs der »Seelenreinigung« und der Erneuerung des Energiestroms war für die mittelalterliche Klosterfrau, die sogenannte Geisteshaltung des Staunens zu trainieren. Ziel dabei war, Menschen dazu zu bringen, sich wieder auf ihre inneren Kräfte und Möglichkeiten zu besinnen. Heute würden wir von Achtsamkeit sprechen. Ein Mega-Trend, wie Zukunftsforscher Matthias Horx unlängst bekräftigte. Achtsamkeit bedeute, in einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt zu lernen, sich neu auf sich selbst zu besinnen. Er glaubt, da-raus folge schließlich die tiefere Erkenntnis, dass die Welt gar nicht so komplex sei. Man mache sich mit dieser Haltung frei von dem durch den Geist konstruierten Stress. Es sei »gewissermaßen ein Upgrading unserer mentalen Software« und ein »Wiederentdecken des Selbst«.

 

Untrennbar damit verbunden ist das Vertrauen in die eigenen Selbstheilungskräfte. Ein Punkt, den Hildegard von Bingen stets in anderen zu stärken suchte. Der Gedanke steckt laut Zilch-Döpke in dem Satz der berühmten Äbtissin: »Menschen mit überanstrengten Augen sollen hinausgehen auf eine grüne Wiese und sie lange anschauen. Das Grün der Wiese macht die Augen wieder sauber und klar.«

 

Gedanken wie Arzneien

 

Dass Gedanken und Gefühle wie Arzneien wirken können, bezweifelt selbst die zeitgenössische Wissenschaft nicht. Tobias Esch etwa, Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten-Herdecke, veröffentliche im vergangenen Jahr das Buch »Der Selbstheilungscode«. Er ist überzeugt davon, dass der Körper sich teilweise selbst heilen kann. Der Patient müsse nur die Werk- zeuge kennen und lernen sie anzu- wenden. Diese Werkzeuge ähneln denen der mittelalterlichen Kloster-frau auffällig genau: ausgewogene Enährung, weniger Stress und dafür mehr Achtsamkeit gegenüber Körper und Geist. /

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