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Nintedanib

Dreifach gegen Lungenkrebs

04.03.2014
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Von Annette Mende, Berlin / Nintedanib ist ein neuer Wirkstoff, für den Boehringer Ingelheim die Zulassung beim fortgeschrittenen nicht kleinzelligen Lungenkarzinom beantragt hat. Der Dreifach-Tyrosinkinase-Hemmer wurde bei einer Pressekonferenz des Herstellers am Rande des Deutschen Krebskongresses in Berlin vorgestellt.

Nicht kleinzellige Lungenkarzinome (NSCLC) machen etwa 85 Prozent aller Lungenkrebsfälle aus. Je nachdem, von welcher Gewebeart der Tumor ausgeht, unterscheidet man verschiedene Formen. In je etwa 40 Prozent der Fälle sind Zellen des Drüsengewebes (Adenokarzinom) beziehungsweise des Plattenepithels entartet, in circa 20 Prozent der Fälle andere Gewebearten.

 

Eine genetische Analyse des Tumors kann eine zielgerichtete Therapie ermöglichen und ist daher mittlerweile Standard. Es gibt verschiedene Trigger wie Mutationen des vaskulären epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors (VEGFR) oder der anaplastischen Lymphomkinase (ALK). »Bei den Adenokarzinomen ist in etwa der Hälfte der Fälle die Treibermutation bekannt. Bei den Plattenepithelkarzinomen ist der unbekannte Teil etwas größer und beträgt etwa zwei Drittel«, sagte Dr. Nicolas Dickgreber vom Mathias-Spital in Rheine.

 

Zielgerichtete Therapien

 

Mit Gefitinib und Afatinib bei VEGFR-Mutation beziehungsweise Crizotinib bei ALK-Mutation sind bereits ziel­gerichtete Wirkstoffe zugelassen, die jedoch für das Gros der Patienten ohne eine eindeutige Treibermutation nicht infrage kommen. Diese sollen als Erst­linienbehandlung eine platinhaltige Chemotherapie erhalten; als Zweit­linientherapeutika stehen Docetaxel, Pemetrexed oder Erlotinib zur Verfügung. »In der Rezidivsituation gab es für diese Patienten seit fast zehn Jahren keine Fortschritte in der Überlebensrate«, so Dickgreber.

 

Unter Nintedanib, dem neuen Angio­kinase-Hemmer von Boehringer Ingelheim, zeigte sich nun erstmals seit Langem ein – wenn auch geringer – Überlebensvorteil bei vorbehandelten Patienten mit Adenokarzinom, wie Privatdozent Dr. Martin Reck von der LungenClinic Großhansdorf ausführte. Nintedanib blockiert gleichzeitig drei Klassen von Rezeptor-Tyrosinkinasen: VEGFR 1 bis 3, Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor (FGFR) 1 bis 3 sowie plättchenabhängiger Wachstumsfaktor-Rezeptor (PDGFR) α und β. Diese drei Signalwege spielen eine zentrale Rolle bei der Ausbildung neuer Blut­gefäße und deren Erhaltung (Angio­genese) durch den Tumor.

 

Wirksamkeit und Verträglichkeit des neuen, oral verfügbaren Wirkstoffs wurden im Rahmen der LUME-Lung-1-Studie mit 1314 vorbehandelten Pa­tienten mit fortgeschrittenem NSCLC getestet. Die Teilnehmer erhielten Docetaxel plus randomisiert entweder Nintedanib oder Placebo. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben, daneben wurden die Gesamtüberlebenszeit und die Lebensqualität bestimmt.

 

Patienten mit Adenokarzinomen bildeten die größte Subgruppe, doch war die Studie nicht auf eine bestimmte Histologie beschränkt. »Das ist insofern bemerkenswert, als Therapeutika, die am Gefäßsystem angreifen, bislang Patienten mit Plattenepithelkarzinom nicht gegeben werden dürfen«, erklärte Reck. So komme etwa Bevacizumab aufgrund eines erhöhten Blutungsrisikos für diese Patientengruppe nicht infrage.

 

Progressionsfreies Überleben verlängert

 

Die LUME-Lung-1-Studie erreichte laut Reck ihren primären Endpunkt; das progressionsfreie Überleben war unter Docetaxel plus Nintedanib unabhängig von der Tumorhistologie mit 3,4 Monaten signifikant länger als unter Docetaxel allein (2,7 Monate). Beim Gesamtüberleben war der Unterschied mit 10,1 versus 9,1 Monaten bezogen auf die Gesamtpopulation nicht signifikant, in der Subgruppe der Patienten mit Adenokarzinom dagegen schon (12,6 versus 10,3 Monate). Besonders Patienten, die entweder überhaupt nicht auf die Erstlinientherapie ansprachen oder bei denen der Tumor sehr rasch danach weiter fortschritt, scheinen Reck zufolge von der Therapie mit Nintedanib zu profitieren.

 

Häufigste Nebenwirkungen waren gastrointestinale Beschwerden und Leberenzymerhöhungen, die aber laut dem Mediziner durch supportive Therapien oder Dosisreduktion reversibel beziehungsweise gut beherrschbar waren. Das Blutungsrisiko war zwar bei Patienten mit Plattenepithelkarzinom höher als bei denjenigen mit Adenokarzinom, doch gab es keinen Unterschied zwischen Prüf- und Kontrollarm.

 

Die Zulassung ist dennoch ausschließlich zur Behandlung von Patienten mit Adenokarzinom beantragt. Ausschlaggebend dafür dürfte allerdings nicht das Blutungsrisiko gewesen sein, sondern die geringere Auswirkung auf die progressionsfreie Überlebenszeit bei Patienten mit Plattenepithelkarzinom. /

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