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Tag der Logopädie

Gute Therapie spricht für sich

08.04.2008  17:29 Uhr

Tag der Logopädie

Gute Therapie spricht für sich

Von Ulrike Abel-Wanek

 

Sprache ist der Schlüssel zur Bildung und bestimmt den Platz in der Gesellschaft. Wenn die richtigen Worte fehlen, können kindliche Entwicklungsstörungen, Krankheiten, aber auch Unfälle dafür verantwortlich sein. Der Europäische Tag der Logopädie will die Bedeutung erfolgreicher Sprachtherapie stärker ins Bewusstsein rücken.

 

Der fünfjährige Simon antwortet auf die Frage, warum er lieber drinnen spiele als bei dem schönen Wetter hinaus in den Sandkasten zu gehen mit »Ja«. Andere Kinder seines Alters stehen ratlos vor bestimmten Obst- und Gemüsesorten und können sie nicht benennen. Blumenkohl? Nie gehört.

 

Wachsende Spracharmut beobachten Experten bei den vier- bis fünfjährigen Vorschulkindern, sowohl bei denjenigen zugewanderter, aber auch deutscher Eltern. Grund sei, dass in den Familien nicht mehr so viel gesprochen werde, beobachten Erzieherinnen in vielen Kindertagesstätten, vielmehr ersetzten Computer und Fernsehen in den letzten Jahren zunehmend die familiären Gespräche.

 

34.000 Vierjährige von 180.000 getesteten Kindern hatten 2007 in Nordrhein-Westfalen Schwierigkeiten mit Satzbau, Wortschatz und Grammatik. Nur wenige von ihnen bekommen eine therapeutische Sprachförderung, und die erfolgt nach Expertenmeinung häufig auch noch zu spät.

 

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) bemängelt in seinem Heilmittel-Report 2008 das zu hohe Alter der logopädisch behandelten Kinder. »Bei den sprachtherapeutischen Behandlungen erreichen die Sechsjährigen einen Höchstwert: 21 Prozent aller Jungen und 14 Prozent aller Mädchen in dieser Altersgruppe haben 2006 eine Sprachtherapie erhalten.« Die Behandlung solle jedoch nicht erst beim Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule stattfinden, sondern bereits bei den Drei- bis Vierjährigen.

 

Sprache wie Moleküle

 

Gesprochene Sprache lässt sich mit einem komplexen Molekül vergleichen. Bei diesem sind zum Beispiel Struktureinheiten wie Kohlenstoffringe und bei diesen wiederum als Untereinheiten Atome, bei diesen Atomteilchen erkennbar. Ähnlich unterscheidet man bei gesprochener Sprache Sätze, Satzteile, einzelne Wörter, Wortteile, Silben und schließlich einzelne Sprachlaute. Wenn Kinder Wortteile auslassen oder ersetzen, beispielsweise »ume« statt »Blume« sagen oder »tomm« anstelle von »komm«, mag das in den Ohren Erwachsener niedlich klingen. Überwinden sie diese Phase nicht, wird es jedoch problematisch. Sie werden außerhalb der Familie nicht nur schlecht verstanden, sie bauen auch einen Wortschatz voller fehlprogrammierter Wörter auf. Zudem hängen Hören, Sprechen und Schreiben eng zusammen. In Deutschland leben etwa 200.000 lese- und rechtschreibschwache Grundschulkinder. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Schriftspracherwerb entscheidend davon abhängt, wie gut Kinder die gesprochene Sprache zuvor altersgemäß verarbeiten konnten. Frühe Defizite beim Sprechen, die nicht korrigiert werden, können maßgeblich zu einer späteren Lese-Rechtschreib-Störung beitragen.

 

Nach Unfall gehen Worte verloren

 

Bei manchen Kindern und Jugendlichen wird die Sprachentwicklung oder das Sprechvermögen aber auch abrupt unterbrochen: durch eine Hirnschädigung. Alleine durch Unfälle erleiden jedes Jahr 45.000 Kinder unter fünf Jahren eine Schädelhirnverletzung. Hinzu kommen angeborene oder während der Geburt beziehungsweise durch eine Krankheit erworbene Schädigungen.

 

Die betroffenen Kinder haben Einschränkungen beim Verstehen und Sprechen sowie beim Wortschatz- und Grammatikerwerb. Eine Besonderheit ist die kindliche Aphasie (Sprachverlust), weil sie erst nach weitgehend abgeschlossener Sprachentwicklung entsteht. Etwa 3000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sind in Deutschland jährlich hiervon betroffen.

 

Nach einer Hirnschädigung verstummen die Kinder häufig für eine bestimmte Zeit. Wenn sie wieder beginnen zu sprechen, ist ihr Wortschatz im Vergleich zu vorher deutlich eingeschränkt. Sie reden seltener, das Sprachverständnis ist gestört, und sie haben Wortfindungsprobleme. Bei Schulkindern sind zudem das Schreiben und Lesen stark beeinträchtigt. Atmung, Stimme und Artikulation lassen sich oft nur schwer koordinieren, und teilweise ist auch die Beweglichkeit von Lippen und Zunge behindert.

 

»Eine Hirnverletzung mit den beschriebenen Auswirkungen auf das Sprach- und Sprechvermögen sowie die Sprachentwicklung ist nicht nur für das Kind, sondern auch für seine Familie ein traumatisches Ereignis«, sagt die Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (dbl), Dr. Monika Rausch. »Umso wichtiger ist eine schnelle und umfassende Therapie unter Einbeziehung der Familie«. Insbesondere die Alltagskommunikation werde gefördert, um eine altersangemessene Sprachentwicklung zu erreichen, Freude am Sprechen und Selbstvertrauen zu vermitteln. Viele der Betroffenen müssen jedoch nach einem Unfall oder einer Krankheit mit reduzierten sprachlichen Entwicklungsmöglichkeiten zurechtkommen und brauchen viel Unterstützung.

Experten-Hotline am 6. März

Der Deutsche Bundesverband für Logopädie bietet am 6. März 2008, dem Europäischen Tag der Logopädie, eine bundesweite Experten-Hotline zu allen Fragen rund um das Thema »Sprach- und Sprechstörungen bei Kindern nach Hirnschädigungen« an. Die Experten sind unter der Telefonnummer 01805 333899 zwischen 17 und 20 Uhr zu erreichen.

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