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Pille danach

Aktuelle Situation und Entwicklungen

07.03.2006  10:53 Uhr

Pille danach

Aktuelle Situation und Entwicklungen

von Andrea Hämmerlein und Martin Schulz, Berlin

 

Ziel einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und des pro familia Bundesverbands zur »Pille danach« war es, den Kenntnisstand zur hormonellen Postkoitalverhütung zu verbessern. Dies vor allem im Hinblick auf die vielfach diskutierte rezeptfreie Abgabe der »Pille danach« durch öffentliche Apotheken.

 

Dr. Helena von Hertzen, Leiterin des Department of Reproductive Health and Research der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gab eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand der Pille danach. Die WHO stufe die hormonelle Postkoitalverhütung auf Basis der Substanz Levonorgestrel (Duofem® und andere) als eine sichere und gutverträgliche Methode ein, die in Abhängigkeit von der Zeit (< 72 h) nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr das Schwangerschaftsrisiko effektiv reduziert.

 

Dr. Sibil Tschudin (Universitätspital Frauenklinik Basel, Schweiz) und Dr. Anja Guttinger (Queens Medical Research Institute Edinburgh, UK) berichteten über die Erkenntnisse und positiven Erfahrungen mit der Abgabe der Pille danach in den Apotheken. In beiden Ländern ist die Pille danach in der Apotheke rezeptfrei erhältlich ­ seit 2001 in UK und seit 2002 in der Schweiz. Für die Freigabe und den zusätzlichen Vertrieb in der Apotheke sprach die niederschwellige Zugänglichkeit und Schnelligkeit sowie Anonymität, mit der Frauen die Pille danach bekommen können. Die rezeptfreie Abgabe ist in beiden Ländern an die Bedingung geknüpft, dass sie nur durch einen geschulten Apotheker persönlich (»pharmacist only«) und nach einem eingehenden, leitliniengeführten Beratungsgespräch abgegeben werden darf. Seit Einführung der neuen Abgabemöglichkeit hat in beiden Ländern eine Verlagerung der Abgabe der Pille danach von den Notfallambulanzen/Polikliniken hin zu den Apotheken stattgefunden. Laut einer Umfrage wählten 2003/2004 in England 27 Prozent der Frauen die Apotheke als Bezugsquelle für die Pille danach. In der Schweiz wurden nach dem Beratungsgespräch nur 4 von 1000 Frauen von der Apothekerin oder dem Apotheker an den Arzt verwiesen.

 

Die Pille danach ist mittlerweile in 13 weiteren europäischen Ländern rezeptfrei erhältlich. Ebenso in Kanada, Australien, Neuseeland und verschiedenen Staaten Amerikas. Studiendaten zeigen dabei, dass die Zufriedenheit mit der Abgabe und Beratung in der Apotheke von den Frauen hoch eingeschätzt wird. Aktuell gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sich das Kontrazeptionsverhalten durch das Angebot verschlechtert. Allerdings wirkt sich die Freigabe der Pille danach offensichtlich nicht wesentlich auf eine Reduktion in der Zahl der Schwangerschaftsabbrüche aus.

 

Angelika Hessling und Mechthild Paul von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) stellten die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten repräsentativen Frauenbefragung vor. Analysiert wurden hier die Kenntnisse zur Pille danach, die Einstellung zur Notfallverhütung und die Erfahrungen der Anwenderinnen. Eine der wesentlichen Aussagen dazu war, dass das Wissen zur Pille danach nicht nur unter den Frauen, sondern auch unter Apothekern und Ärzten gering beziehungsweise nicht auf dem neuesten Stand ist. So wird die Pille danach vielfach noch mit der früher gebräuchlichen Yuzpe-Methode (Estrogen/Gestagen-Kombinationspräparate) in Verbindung gebracht, die mit wesentlich mehr Risiken behaftet ist.

 

Dr. Knut Hoffmann vom Berufsverband der Frauenärzte berichtete aus Sicht der gynäkologischen Praxis. Die Frauenärzte sehen die rezeptfreie Abgabe der »Pille danach« in den Apotheken als äußerst problematisch an. Bemängelt wird, dass »auf Grund fehlender Erfahrung und Ausbildung die notwendige Beratung über die Anwendung der Pille danach und deren rezeptfreie Abgabe durch den Apotheker nicht in Schnellkursen erlernbar sei«. Ferner sei kaum vorstellbar, dass irgendeine Art der Beratung im mit Kunden gefüllten Apothekenraum oder durch den vergitterten Nachtdienstschalter der Apotheke stattfinden kann. Als weiteres Problem sah der Referent mögliche Versorgungsengpässe am Wochenende in der Apotheke an.

 

Fazit

 

Die Effektivität und Überlegenheit der Pille danach sind auf Basis des Wirkstoffes Levonorgestrel gegenüber der Yuzpe-Methode zweifelsfrei belegt. Wesentliche Nebenwirkungen oder Kontraindikationen gibt es nicht. Eine Verbesserung des Informationsgrades sowohl der Ärzte und Apotheker wie auch der Frauen zur Pille danach ist anzustreben. Von der Mehrheit der Anwesenden - mit Ausnahme der Vertreter des Berufsverbandes der Frauenärzte - ­ konnte der Eindruck gewonnen werden, dass sie die rezeptfreie Abgabe der Pille danach begrüßen würden. Der Berufsverband der Frauenärzte stimmte weiteren Gesprächen unter den Fachkreisen ausdrücklich zu. Ihr Interesse besteht vor allem in der Organisation einer gemeinsamen bundesweiten Informations- und Aufklärungskampagne.

Literatur

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Bissell, P., Savage, I., Anderson, C. A qualitative study of pharmacistsí perspectives on the supply of emergency hormonal contraception via patient group direction in the UK. Contraception. 73 (2006) 265-70.

Anderson, C., Blenkinsopp, A. Community pharmacy supply of emergency hormonal contraception: a structured literature review of international evidence. Hum Reprod. 21 (2006) 272-84.

Raine, T. R. et al. Direct access to emergency contraception through pharmacies and effect on unintended pregnancy and STIs: a randomized controlled trial. JAMA. 5;293 (2005) 54-62.

Anderson, C., Bissell, P. Using semi covert research to evaluate an emergency hormonal contraception service. Pharm World Sci. 26 (2004 ) 102-106.

Bacon, L. et al. Training and supporting pharmacists to supply progestogen-only emergency contraception. J Fam Plann Reprod Health Care. 2003 Apr;29(2):17-22. Erratum in: J Fam Plann Reprod Health Care. 29 (2003 ) 159.

 

Hintergrundinformation

Hexal hat beim BfArM die Aufhebung der Verschreibungspflicht für Levonorgestrel für die Indikation Notfallkontrazeption beantragt.

Der Sachverständigenausschuss Verschreibungspflicht des BfArM hat im Jahr 2003 den Sachverhalt geprüft und sich für die Aufhebung der Verschreibungspflicht ausgesprochen. Das Bundesministerium für Gesundheit ist Verordnungsgeber. Dem Ministerium obliegt damit die Aufgabe, die Verordnungsänderung vorzubereiten und in den parlamentarischen Beratungsprozess zu geben. Änderungen der Verordnung bedürfen der Zustimmung des Bundesrates. Bisher wurde eine Verordnungsänderung für Levonorgestrel nicht in den Bundesrat eingebracht. Vor kurzem wurde das Präparat Duofem (2 Tabletten à 750 µg Levonorgestrel) durch Unofem (1 Tablette à 1,5 mg Levonorgestrel) ersetzt, da in Studien die bessere Wirksamkeit einer einmaligen Einnahme ohne Steigerung der Nebenwirkungen nachgewiesen wurde.

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