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Die Drohkeule

25.02.2015  09:53 Uhr

Bei jeder Masernepidemie in Deutschland packen deutsche Gesundheitspolitiker wieder die Keule aus: Sie drohen mit der Impfpflicht. Die Keule wird ein wenig geschwungen und anschließend wieder weggepackt. So läuft es wohl auch bei dem aktuellen Ausbruch der Infektionskrankheit mit bislang 574 Masernerkrankungen. Die schwarz-rote Koalition denkt wieder über eine Impfpflicht nach (Masern: Gröhe erwägt Impfpflicht).

 

2011 und 2013 hatte bereits der damalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) eine verpflichtende Impfung gefordert. So richtig weit wollen sich die Politiker aber dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Wenn die Drohung mit der Impfpflicht ernst gemeint wäre, könnte die Bundesregierung sie ja einführen. Nach dem seit 2001 geltenden Infektionsschutzgesetz, kann in bestimmten Situationen eine Impfung angeordnet werden. Die Pocken wurden auf diese Weise ausgerottet. Die geplante Elimination der Masern in Deutschland könnte eine solche Ausnahmesituation sein.

 

Eine Impfpflicht für Kleinkinder, wie sie diskutiert wird, würde das Problem aber nicht lösen. Denn bei Kleinkindern sind die Impfquoten gut. Immerhin 97 Prozent der Kinder erhalten eine einmalige Impfung gegen Masern und 92 Prozent die empfohlene zweite Dosis. Großflächige Impfverweigerung von Eltern sieht anders aus. Der geringe Prozentsatz, der seine Kinder nicht impfen lässt, hat es vielleicht schlicht vergessen oder ist ein hartnäckiger Impfverweigerer, dem auch mit Zwang schlecht beizukommen ist.

 

Größere Impflücken bestehen bei Erwachsenen zwischen 18 und 43 Jahren. Das zeigt auch der aktuelle Ausbruch. Etwa die Hälfte der Masernpatienten befindet sich in dieser Altersgruppe. Dass ein Großteil der Masernpatienten Erwachsene sind, ist schon seit Längerem bekannt. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission allen Personen, die nach 1970 geboren wurden, ihren Impfstatus zu prüfen und sich gegebenenfalls impfen zu lassen. Diese Empfehlung hat sich aber offenbar noch nicht weit herumgesprochen. Hilfreicher als eine Impfpflicht für Kinder wären daher Maßnahmen, die die Impfbereitschaft bei Erwachsenen erhöhen wie Impfpass-Checks beim Hausarzt oder in der Apotheke.

 

Fest steht, dass etwas passieren muss. Denn Deutschland hat sich gegenüber der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die Masern auszurotten. Viele andere Länder haben das geschafft. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum dies in Deutschland nicht möglich sein sollte.

Christina Hohmann-Jeddi

Ressortleitung Medizin

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