Pharmazeutische Zeitung online
Fertigarzneimittelseminar

Frauen, Männer und ihre Beschwerden

28.02.2011  12:29 Uhr

Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Mit dem Alter kommt die Weisheit. Das ist die eine Seite. Auf der anderen wartet eine Reihe gesundheitlicher Unannehmlichkeiten. In der Neuauflage des Fertigarzneimittelseminars gab das achte Semester der Uni Frankfurt einen Überblick über Beschwerden, die mit dem Alter assoziiert sind. Eine Auswahl.

Exemplarisch für Beschwerden, die Männer mit zunehmendem Alter oft ereilen, stand die Therapie des benignen Prostatasyndroms (BPS) auf dem Programm. Neben dem kontrollierten Zuwarten (»wachtful waiting«) stellte die Arbeitsgruppe um Ralf-Peter Schmidt unter anderem die drei konservativen Therapieoptionen vor: Phytopharmaka, α-Rezeptorenblocker und 5-α-Reduktasehemmer.

Extrakte aus Kürbissamen, Brennnesselwurzeln und Co. sind zur Therapie der Anfangsstadien zugelassen. Bis heute ist nicht einwandfrei geklärt, welcher der identifizierten Inhaltsstoffe für den Effekt verantwortlich ist. Derzeit schreibt man jedoch ß-Sitosterol dieses Potenzial zu. Diese Phytopharmaka können die typischen Miktionsbeschwerden bessern, die auf eine vergrößerte Prostata zurückzuführen sind, haben placebokontrollierte Studien gezeigt. Doch da sie weder die Ursache des BPS beheben, noch die Größe der Prostata beeinflussen, lautet ein wichtiger Hinweis im Beratungsgespräch: Bevor in der Offizin Phytopharmaka abgegeben werden, sollte der Patient seine Beschwerden vom Urologen abklären lassen.

 

Noch mit einer weiteren Ungereimtheit, die die Wissenschaft bis heute nicht geklärt hat, sehen sich die pflanzlichen BPS-Präparate konfrontiert: Dass mit der Nahrung aufgenommenes ß-Sitosterol, das quantitativ wesentlich mehr ausmacht als in einem entsprechenden Präparat, nicht wirken soll, ist unverständlich. Um diese Frage zu klären, fehlen klinische Studien.

 

Die α-Blocker Alfuzosin, Doxazosin, Tamsulosin und Terazosin haben den Vorteil, recht schnell innerhalb von wenigen Tagen Linderung zu bringen, während Phytopharmaka erst nach vier bis sechs Wochen wirken. Auch die α1-Adrenorezeptorantagonisten wirken rein symptomatisch, indem sie die glatte Muskulatur von Blasenhals, Harnröhre und der Prostata erschlaffen lassen. Der Harn fließt leichter ab, weil der intraprostatische Harnröhrenwiderstand abnimmt.

 

Was die Verträglichkeit betrifft, schneiden Doxazosin und Terazosin, die ursprünglich zur Behandlung von Hypertonie entwickelt wurden, meist schlechter ab als die Schwestersubstanzen Alfuzosin und Tamsulosin, die vornehmlich für die Urologie entwickelt wurden. Vermutlich wird durch die Subtypspezifität der beiden Letzteren auf den α1A-Rezeptor der Blutdruck kaum beeinflusst.

 

Die 5-α-Reduktasehemmer Finasterid und Dutasterid reduzieren das Volumen der Prostata um durchschnittlich 25 Prozent und verlangsamen das weitere Wachstum. Die Indikation liegt deshalb auf der Hand: Die Substanzen kommen nur zum Einsatz, wenn das Prostatavolumen deutlich erhöht ist. Finasterids und Dutasterids Manko: Ihre Wirkung ist erst nach rund einem halben Jahr zu erwarten.

 

Schnell handeln, wenn’s brennt

 

Ein typisches Frauenleiden sind Harnwegsinfektionen, umso mehr wenn während des Klimakteriums atrophische Veränderungen an Blase und Urethra eine erhöhte Sensibilität für Erkrankungen des Urogenitaltrakts mit sich bringen, arbeitete die Gruppe um Stefanie Merz he-raus.

 

Wer Symptome verspürt, sollte möglichst schnell reagieren. Erste Maßnahme ist, reichlich Tee zu trinken. Pflanzliche Aquaretika wie Brennnessel- oder Goldrutenkraut sowie Orthosiphonblätter durchspülen die Harnwege und helfen, pathogene Keime auszuleiten. Sie steigern die Harnausscheidung im Sinne einer Verdünnungsdiurese. Im Gegensatz zu Diuretika bleibt der Elektrolythaushalt unberührt. Sie wirken, indem sie die Nierendurchblutung ankurbeln, die glomeruläre Filtrationsrate steigern und die Wasserrückresorption im Sammelrohr hemmen.

 

Professor Dr. Theo Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie merkte an, dass »Harnwegsinfekte die einzige Indikation pflanzlicher Arzneimittel sind, bei der ein Tee vorzuziehen ist. Ansonsten sind standardisierte Fertigarzneimittel Mittel der Wahl«. Auch wenn die Abgabe von Blasen-Nieren-Tees in der Offizin gängige Praxis ist und Betroffene gute Erfahrungen damit gemacht haben: Die Studienlage ist eher dürftig. Und Kritiker reduzieren die Wirkung der Aquaretika auf die dadurch zugeführte Flüssigkeitsmenge.

 

Neues gab es zu den Blättern der Bärentraube, zu hören: Seit Generationen lernen Pharmaziestudenten im Beratungsgespräch darauf hinzuweisen, den Harn mithilfe der Ernährung schwach basisch einzustellen, um die Wirksamkeit des pflanzlichen Mittels sicherzustellen. Doch das scheint nach neueren Erkenntnissen nicht nötig zu sein. So heißt es in der entsprechenden Fachinformation, dass »der Wirkstoff Arbutin in der Leber enzymatisch gespalten wird und Hydrochinonkonjugate entstehen. Diese werden als nicht toxische Verbindungen über den Urin ausgeschieden und dort von eventuell vorhandenen Bakterien aufgenommen. Die Konjugate werden dann dort wieder in die aktiven Formen gespalten. Demnach ist die Wirksamkeit des Produktes nicht abhängig von der Notwendigkeit zur Alkalisierung des Harns«.

 

Hart ging Dingermann mit der Effektivität dieses pflanzlichen Arzneimittels ins Gericht. »Die Mär vom pflanzlichen Antibiotikum ist heute nicht mehr tragbar. Bei einer Krankheit, die so stark rezidiviert, muss ein Antibiotikum schnellstmöglich zum Einsatz kommen.« So empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin zu Harnwegsinfektionen eine Kurzzeit-Antibiose für drei Tage. Die Referentin nannte Trimethoprim und Nitrofurantoin als Arzneistoffe der ersten Wahl. Die Kombination von Trimethoprim mit Sulfamethoxazol (Cotimoxazol) wirkt nicht besser als die Monosubstanz. Zu bedenken ist: Der Selektionsdruck für resistente Keime ist gar höher als bei der Verwendung der Monosubstanz. Angesichts der immer schlechteren Resistenzlage ein wichtiges Auswahlkriterium für die beiden erst genannten Arzneistoffe.

 

Für einen gewissen Prozentsatz der Frauen sind Harnwegsinfektionen wie ein Bumerang; in unregelmäßigen Abständen kommen die Symptome immer wieder zurück. Für solche Fälle erlebt in den vergangenen Jahren der Cranberry-Extrakt einen Boom. Was ist dran? Experimentelle Untersuchungen mit Extrakten dieser nordamerikanischen Preiselbeere lassen vermuten, dass die enthaltenen Proanthocyanidine die Adhäsion von speziellen E-coli-Stämmen am Uroepithel verhindern. Die Substanzen wirken zudem antioxidativ und stärken das lokale Abwehrsystem. Der Extrakt würde somit einen initialen Schritt im Infektionsgeschehen stören. Erste klinische Studien bestätigen diesen Effekt; die Infektionsrate konnte gesenkt werden. Bislang bezeichnet die Leitlinie den Cranberry-Effekt derzeit dennoch als »nicht ausreichend« belegt.

 

Mehr Schaden als Nutzen

 

Mehrheitlich Frauen ereilt das Schicksal einer Osteoporose. Die Hormonersatztherapie ist heute nicht mehr die Therapie erster Wahl bei dieser Stoffwechselerkrankung des Knochens. Zu risikobehaftet ist die Langzeiteinnahme von Hormonen, machte Jessica Schütz in ihrem Vortrag klar. Studien zeigten, dass die Hormongabe über mehrere Jahre das Risiko für Brustkrebs, Endometriumkarzinom und kardiovaskuläre Probleme deutlich erhöht. Vor allem die Kombination von Estrogen und Progesteron treibt das Mammakarzinomrisko bei Frauen mit Uterus drastisch um 100 Prozent in die Höhe. Da die Risiken deutlich den Nutzen überwiegen, sieht man die Hormonersatztherapie heute eher als Second-Line-Therapie, nämlich dann, wenn zusätzlich schwerwiegende menopausale Beschwerden bestehen.

 

Zur alleinigen Osteoporosetherapie kommen nicht hormonelle Präparate zum Einsatz, wobei die Bisphosphonate am häufigsten verordnet werden. Alendronat, Risedronat und Ibandronat sind die derzeit zugelassenen Vertreter dieser Substanzklasse, die die Knochendichte erhöhen und die Rate osteoporotisch bedingter Frakturen senken.

 

Die relativ komplizierten Einnahmevorschriften der oralen Bisphosphonate (nüchtern eine halbe Stunde vor dem Frühstück zusammen mit einem Glas Wasser in aufrecht stehender Körperhaltung einzunehmen) lassen an der Compliance zu wünschen übrig. Und auch die Tatsache, dass Arzneiformen für die einmal wöchentliche Einnahme und für Ibandronat eine Einmonatstablette zur Verfügung stehen, hat die Therapietreue nicht wesentlich verbessert. Nach Schütz´ Ausführungen könnte dieses Problem durch die Gabe von intravenösen Bisphosphonaten umgangen werden.

 

Unter den SERM, den selektiven Estrogen-Rezeptor-Modulatoren, hat Raloxifen Konkurrenz bekommen. Seit Mitte Dezember 2010 ist Bazedoxifen (Conbriza®) auf dem Markt. In Brust und Gebärmutter wirken die SERM als Estrogen-Antagonisten, im Knochen als Agonisten. Die Knochenresorption wird somit vermindert und die Spiegel biochemischer Marker des Knochenumbaus werden auf das prämenopausale Niveau gesenkt. Das erhöht die Knochendichte. Raloxifen und vermutlich bald auch Bazedoxifen ist leitliniengemäß für jene postmenopausale Frauen vorgesehen, welche weder vegetative Symptome noch ein erhöhtes Hüftfrakturrisiko haben. / 

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