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Bessere Darmkrebs-Vorsorge durch neue Techniken

08.04.2008
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Bessere Darmkrebs-Vorsorge durch neue Techniken

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Die Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll, aber unbeliebt. Sanftere Methoden der Darmbetrachtung könnten in Zukunft helfen, Hemmschwellen abzubauen.

 

Auf einer Pressekonferenz zum »Darmkrebsmonat März 2008« sagte Professor Dr. Friedrich Hagenmüller, Hamburg, dass er große Hoffnungen nicht nur in Video-Kapseln und Möglichkeiten der virtuellen Darmbetrachtung, sondern auch in angenehmere neue Koloskopieverfahren setzt.

 

So verwies Hagenmüller auf Endoskopie-Systeme, die aus einem Endoskopschaft mit elektrohydraulischer Endoskopspitze inklusive Kamerakopf und einem Stülpschlauch bestehen. Sie sind auch ohne Sedierung schmerzarm. Der Stülpschlauch wächst bei der Vorwärtsfahrt durch den Darm. Durch einen umgekehrten Stülpprozess verkleinert er auf der Rückfahrt die Arbeitslänge. Die Endoskopspitze kann sich um 180 Grad in jede Richtung bewegen und passt sich schlangenartig dem natürlichen Verlauf des Dickdarms an. Das Einmalkoloskop wird durch Handsteuerung bedient. Der Arzt verfolgt die Anatomie des Kolons auf dem Monitor. »Erste Anwendungen am Menschen zeigen, dass dieses System praktikabel ist«, sagte Hagenmüller.

 

Der Gastroenterologe schilderte des Weiteren schluckbare drahtlose Videokapseln, die sich zur Diagnostik von Dünndarmerkrankungen bereits bewährt haben. Derzeit werde untersucht, ob diese auch zur Untersuchung des Dickdarms im Rahmen von Vorsorgemaßnahmen geeignet sind. Die Kapseln enthalten zwei Videokameras, die bei ihrer Reise durch den Darm alle Details der Darmschleimhaut sichtbar machen. Dank der hohen Bildqualität können bereits kleinste Krebsvorstufen erkannt werden. Nach Abschluss der Untersuchung verlässt die Endoskopiekapsel den Körper auf natürlichem Weg. Pilotstudien, so Hagenmüller, lassen den Schluss zu, dass circa 75 Prozent aller Darmpolypen mit diesem System zu erkennen sind.

 

Videofilm des Darminneren

 

Als weitere medizinische Neuentwicklung nannte der Referent das »Aer-O-Scope«. Eine Videokapsel wird wie ein Zäpfchen in den After eingeführt und, an einem Kabel hängend, mithilfe eines Luftstroms im Dickdarm auf- und abwärts bewegt, um einen Videofilm des Darminneren zu erzeugen. Diese Technik ermöglicht eine 360-Grad-Ansicht des Dickdarms. Sie bringe mit sich, dass diese Untersuchung zukünftig auch von der Arzthelferin oder der Krankenschwester durchgeführt werden kann. Der ebenfalls sich in Prüfung befindliche »Omni-Vision-Panoramic-View« als Teil des Aer-O-Scope-Systems erlaube Seiten- und Rückblicke auch in die Falten des Darms.

 

In sehr guter diagnostischer Qualität könne das Innere des Darms auch mithilfe der Computertomografie untersucht werden. Die Kernspintomografie habe diesen diagnostischen Standard noch nicht erreicht, berge aber Entwicklungspotenziale, die sie zur Früherkennung von Polypen geeignet erscheinen lassen. Zudem geht sie ohne Strahlenbelastung einher. »Welche Methode das Rennen macht, wird nicht zuletzt von ihrer Praktikabilität, Akzeptanz und Bezahlbarkeit abhängen. Allein eine größere Vielfalt des Methodenangebots wird die Teilnahme an Vorsorgemaßnahmen jedoch auf jeden Fall fördern«, zeigte sich Hagenmüller überzeugt.

 

Derzeit bleibe die Koloskopie Goldstandard in der Früherkennung von Darmkrebs und vor allem von Darmkrebsvorstufen. Entgegen herrschender Vorurteile sei sie nicht schmerzhaft, zumal auf Wunsch auch Hypnotika gegeben werden. »Patientenbefragungen zeigen, dass Angst vor der Koloskopie unangebracht ist«, unterstrich Dr. Arno Theilmeier, Mönchengladbach. »Im Oktober 2002 als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen zur Früherkennung kolorektaler Tumore für Versicherte ab 55 Jahren eingeführt, ist die Darmspiegelung die effektivste Möglichkeit der Vorsorge«, betonte er. Die Mehrzahl der Patienten erlebe die Untersuchung an sich nicht als unangenehm. Hingegen werde die Darmreinigungs-Prozedur im Vorfeld von vielen als belastend empfunden. Diese Vorbereitung zur eigentlichen Untersuchung stellt ein großes Hindernis für die breite Akzeptanz der Vorsorgekoloskopie bei den Anspruchberechtigten dar.

 

Darm muss sauber sein

 

Auch bei den beschriebenen Innovationen bleibt eine Darmreinigung im Vorfeld unumgänglich. Ein ideales Abführmittel sollte den Darm von jeglichen Stuhl- und Flüssigkeitsresten befreien, die Darmmukosa nicht schädigen, einfach einzunehmen sein, vom Patienten gut vertragen werden und keine relevanten Nebenwirkungen beziehungsweise Elektrolytverschiebungen verursachen. Ein solches ideales Abführmittel existiert bisher nicht. In Deutschland kommen im wesentlichen Polyethylenglykol-Elektrolyt- beziehungsweise Natriumphosphat-basierte Lösungen zum Einsatz. Vor dem Hintergrund der teilweise sehr heterogenen Studienlage sieht die Sektion »Endoskopie« der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) Vorteile bei der Verwendung der PEG-basierten Lösungen.

 

Insbesondere das große Volumen an salzhaltiger Flüssigkeit, sprich: vier Liter, die getrunken werden müssen, mindert die Compliance der Patienten. Da der Ascorbinsäure abführende Effekt zugeschrieben werden, wurde eine PEG-basierte Lösung mit Zusatz von Vitamin C (Moviprep®) entwickelt, die seit Kurzem auch in Deutschland zugelassen ist und für den Routineeinsatz empfohlen wird. Bei der Kombinationslösung von PEG und Vitamin C sind Trinkmengen von zwei Litern ausreichend. Diese Art der Darmreinigung sei der Qualität der Standard-Reinigung mit vier Litern PEG-Lösung nicht unterlegen. Generell könne sowohl für die Vorbereitung mit Natriumphosphat als auch für die mit PEG-Lösung eine Splitting-Dosierung (zwei Liter am Abend vor der Untersuchung, zwei Liter am Morgen der Untersuchung) empfohlen werden.

 

An Darmkrebs erkranken in Deutschland laut aktuellen Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts pro Jahr circa 73.000 Menschen, 28.000 sterben jährlich daran. Damit ist Darmkrebs der zweithäufigste Krebs bei Männern und bei Frauen. Von 2003 bis 2006 nahmen circa 2,3 Millionen Bundesbürger an der Vorsorgedarmspiegelung teil. »Zu wenig«, konstatierten die Referenten. Insbesondere Männer gelten als »Vorsorgemuffel«. Nur etwa 20 Prozent gehen zur Früherkennung. Das ist besonders fatal angesichts der Tatsache, dass sie im Schnitt sechs Jahre früher erkranken als Frauen und auch entsprechend früher sterben. Bei Männern in der Hauptzielgruppe der 55- bis 70-Jährigen werden bei Vorsorgedarmspiegelungen fast doppelt so viele unmittelbare Darmkrebs-Vorstufen diagnostiziert wie bei Frauen. Darmkrebs ist der einzige Krebs, der durch Früherkennung zu fast 100 Prozent vermeidbar und heilbar ist.

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