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Nach Schlaganfall

Lassen SSRI Neuronen sprießen?

18.02.2013
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Von Annette Mende / Nehmen Patienten nach einem Schlaganfall Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ein, hebt das einer Metaanalyse zufolge nicht nur ihre Stimmung. Auch der Allgemeinzustand verbessert sich. Der Grund dafür ist womöglich, dass die Arzneistoffe die Bildung neuer Nervenzellen anregen.

Patienten, die nach einem Schlaganfall unter Depressionen leiden, werden häufig mit SSRI behandelt. Vor wenigen Jahren ergaben einige kleine Studien, dass nicht nur depressive Patienten von der Einnahme der Medikamente profitieren, sondern dass SSRI auch bei Patienten ohne psychische Erkrankung die Regeneration nach einem Schlaganfall verbessern. Ein Autorenteam der Cochrane Collaboration um Gillian Mead überprüfte diesen Zusammenhang in einer kürzlich publizierten Metaanalyse anhand größerer Patientenzahlen (doi: 10.1002/14651858.CD009286.pub2).

Die Forscher berücksichtigten 52 Studien mit insgesamt mehr als 4000 Teilnehmern, die zu irgendeinem Zeitpunkt während des ersten Jahres nach einem ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfall mit einem SSRI behandelt worden waren. In einigen Studien waren nur depressive Patienten untersucht worden, während andere auch Patienten ohne depressive Symptome ein­geschlossen hatten. Die Behandlungsdauer variierte von einigen Wochen bis Monaten. Fluoxetin kam mit Abstand am häufigsten zum Einsatz, daneben gab es auch Studien mit Citalopram, Escitalopram, Sertralin und Paroxetin.

 

Patienten kamen im Alltag besser zurecht

 

Auf die beiden primären Endpunkte, Abhängigkeit von anderen und Ausmaß der Behinderung, wirkten sich SSRI signifikant positiv aus. Auch das neurologische Defizit und – wenig überraschend – Stimmung und Ängstlichkeit der Patienten besserten sich unter der Antidepressiva-Einnahme. Eine Subgruppenanalyse zeigte keine Über- oder Unterlegenheit eines bestimmten Arzneistoffs. Sowohl depressive als auch nicht depressive Patienten profitierten von der Behandlung, Erstere allerdings etwas mehr.

 

Die Autoren liefern drei Erklärungsansätze für dieses Phänomen. Erstens hätten SSRI in Tierversuchen einen neurotrophischen Effekt gezeigt. Neurotrophine sind Proteine, die an der Embryo- und Organogenese beteiligt sind (lesen Sie dazu auch Neurotrophe Faktoren: Schlüsselmoleküle für Nervenzellen). Bei Erwachsenen regulieren sie die synaptische Aktivität und die Synthese von Neurotransmittern. Zudem sind sie essenziell für die Regeneration von Nervenzellen. Neben der neurotrophischen könnten SSRI laut Mead und Kollegen eine neuroprotektive Wirkung entfalten. Als dritten möglichen Grund für die regenerationsfördernde Wirkung der SSRI verweisen die Autoren auf deren adrenergen Effekt. Zu guter Letzt sei wahrscheinlich auch die antidepressive Wirkung der Arzneistoffe an dem positiven Einfluss auf den Allgemeinzustand der Patienten beteiligt, ganz einfach weil weniger depressive und ängstliche Menschen besser schliefen und daher tagsüber leistungsfähiger seien.

 

Weitere Forschung nötig

 

Da therapeutische Ansätze zur Verbesserung der Regeneration nach einem Schlaganfall angesichts von jährlich 16 Millionen Betroffenen dringend benötigt werden, sollte die Wirksamkeit von SSRI in dieser Indikation bald in einer groß angelegten Studie getestet werden, fordern die Autoren. Als Mittel der Wahl schlagen sie dafür Fluoxetin vor, weil es zu diesem Arzneistoff bereits die meisten Daten gebe und er, anders als etwa Citalopram und Escitalo­pram, nicht eine Verlängerung des QT-Intervalls als mögliche Nebenwirkung habe. Wichtig sei zudem, dass in weiteren Untersuchungen auch Patienten mit kognitiven Einschränkungen und Aphasie aufgenommen würden, da diese Patientengruppen aus bisherigen Studien meist ausgeschlossen waren. / 

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