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DAK-Gesundheitsreport

Seelische Leiden nehmen zu

22.02.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Sprunghaft gestiegen sind im vergangenen Jahr Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen. Seelische Störungen traten 2010 so gehäuft auf wie noch nie, wie der Gesundheitsreport der DAK zeigt. Die Probleme beginnen bereits in jungen Jahren.

Der Krankenstand so niedrig wie seit Jahren, dafür ein alarmierender Anstieg bei psychischen Erkrankungen: So lautet kurz und knapp die Quintessenz des jährlichen Gesundheitsreports der DAK, den die Krankenkasse in Berlin vorstellte. Im Durchschnitt waren die Versicherten im vergangenen Jahr 12,5 Kalendertage krankgeschrieben, 53,7 Prozent meldeten sich 2010 überhaupt nicht krank. Die Studie, für die das Berliner IGES Institut die Daten von 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten auswertete, errechnet daraus einen gemittelten Krankenstand von 3,4 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr blieb dieser Wert unverändert, überhaupt hat er sich seit einem Jahrzehnt auf einem nahezu konstanten Niveau eingependelt. »Die Legende von der Konjunkturabhängigkeit des Krankenstandes lässt sich empirisch nicht belegen«, sagte Prof. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK.

In den vergangenen Jahren brach erst die globale Wirtschaftskrise über Deutschland herein, 2010 folgte ein signifikantes Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent. Laut klassischer Lehre hätten die Krankschreibungen aus schierer Jobangst erst drastisch fallen müssen, um dank zunehmender wirtschaftlicher Sicherheit wieder zu steigen. Entgegen dieser kruden Theorie des Blau­machens gab es zumindest nach DAK-Daten keine spektakulären Verschiebungen zu beobachten.

 

Demgegenüber hat sich in der Verteilung der Diagnosen doch einiges getan. Für jeden fünften Fehltag sind Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems verantwortlich – bereits im Vorjahr die häufigste Ursache. Darunter fällt beispielsweise die Volkskrankheit Nummer eins: Rückenschmer­zen. 16 Prozent der Fehltage wurden mit Erkrankungen der Atemwege begründet – deutlich weniger als 2009, weil keine vergleichbaren Grippewellen auftraten. Im Gegensatz dazu stieg der Anteil an Verletzungen deutlich an auf 14 Prozent. Laut Studie ist dies vor allem auf die vereisten und rutschigen Bürgersteige zu Jahresbeginn zurückzuführen, die eine Häufung von Stürzen verursachten.

 

Komplexer zu begründen und besorgnis­erregend ist, dass mittlerweile 12 Prozent – etwa ein Achtel – der Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Nach den Daten der DAK ist dieser Wert seit 1998 kontinuierlich gestiegen und hat inzwischen das doppelte Niveau erreicht. Schlimmer noch: Im Vergleich zu 2009 gab es bei den Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen einen Sprung um 13,5 Prozent. »Das ist aber nicht immer eine schwere Depression«, erläuterte Dr. Hans-Peter Unger, Psychiatrie-Chefarzt am Asklepios-Klinikum Hamburg-Harburg.

 

Belastungen in jungen Jahren

 

Allein 3,9 Prozent der Fehltage wurden 2010 durch eine depressive Episode verursacht. In diesem Anstieg mag sich dann doch niederschlagen, dass wirtschaftliche Verlust- und Existenzängste den Bürgern auf die Gesundheit schlagen. Unger und Rebscher wiesen allerdings auch darauf hin, dass psychische Erkrankungen gesellschaftlich immer stärker wahrgenommen würden und das zu einer stärkeren statistischen Sichtbarkeit führe.

 

Schon in jungen Jahren sind viele Versicherte Belastungen ausgesetzt, die später in psychische Erkrankungen münden können. Das zeigen die Abschnitte in der Studie, die sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit jungen Arbeitnehmern zwischen 18 und 29 Jahren befassen. 26 Prozent von ihnen klagen über zu hohen Arbeits- und Zeitdruck, 17 Prozent über Konkurrenzkämpfe unter Kollegen. Bemerkenswerterweise fühlen sich nur 6 Prozent bei der Arbeit über-, fast 60 Prozent jedoch unterfordert. »Auch Unterforderung kann arbeitsbedingten Stress ausmachen«, so Unger. Ein Fünftel der Befragten empfindet den Arbeitsalltag als sehr belastend.

 

Erstaunlich hoch erscheinen in Teilen die Leiden allein der jungen Arbeitnehmer: 48 Prozent haben gelegentlich Muskelverspannungen, 30 Prozent Kopfschmerzen, ein Fünftel Konzentrationsprobleme. Jeweils um die 15 Prozent sind bei der DAK schon mit Motivationsproblemen, Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden registriert. Die große Gruppe der Studenten ist in der Auswertung nicht erfasst, weil sie im Krankheitsfall nicht unbedingt eine Krankschreibung benötigen.

 

Rebscher führte den Anstieg an seelischen Störungen unter anderem auf den steigenden Leistungsdruck bereits in der Schulzeit, unstete Lebensplanungen, Parallelarbeit in verschiedenen Jobs und die ständige Erreichbarkeit im Mobilfunk- und Internetzeitalter zurück. / 

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