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Töten statt impfen

21.02.2006
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Vogelgrippe

Töten statt impfen

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Die Vogelgrippe hat Deutschland erreicht. Nun beginnt ein Streit, wie die Reaktion auf die Seuche aussehen soll. Ist Impfen oder Keulen sinnvoller? Für beide Alternativen gibt es Befürworter und scharfe Kritiker.

 

Nach ersten Fällen von Vogelgrippe auf der Insel Rügen, hat das Virus H5N1 am Wochenende auch das Festland erreicht. Für ganz Vorpommern gilt nun der Katastrophenalarm. Mehr als 80 Wildvögel sind nach Angaben des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) bislang positiv auf den gefährlichen Erreger H5N1 getestet worden, die meisten davon stammen aus Rügen.

 

Bislang haben sich nur Wildtiere infiziert. Jetzt gilt es vor allem, ein Überspringen des Virus auf Nutztiere zu verhindern. »Jeder Eintrag des Erregers in die Nutztierhaltung erhöht automatisch die Gefahr für den Menschen«, sagte Verbraucherschutzminister Horst Seehofer bei einer Regierungserklärung. Solange kein Nutzgeflügel infiziert ist, bestehe kaum eine Ansteckungsgefahr für Menschen. Wichtigste Maßnahme, um das Geflügel zu schützen, sei die Stallpflicht. Außerdem wurden Drei-Kilometer-Schutzzonen rund um die Fundorte von H5N1-infizierten Vögeln eingerichtet, in denen strenge Hygienevorschriften gelten. Um eine weitere Verbreitung des Erregers zu verhindern, wird zusätzlich großzügig gekeult. In fünf Betrieben auf Rügen wurde das gesunde Hausgeflügel vorsorglich getötet. Die Tiere von fünf weiteren Höfen in der Umgebung sollen folgen. Eine Impfung des Geflügels lehnt Seehofer dagegen ab.

 

Am Thema Geflügelimpfung scheiden sich derzeit die Geister. Während einige Experten befürchten, eine Impfkampagne könnte verheerende Folgen haben, sehen andere in ihr eine wichtige und ethisch vertretbare Maßnahme zur Eindämmung .

 

Ein Argument der Impfgegner ist die komplizierte Logistik. Denn die meisten der derzeit verwendeten Vakzine gegen Vogelgrippe sind inaktivierte Vollvirus-Impfstoffe, die jedem Tier einzeln injiziert werden müssen. Bei manchen Geflügelarten dauert es bis zu drei Wochen, bis sich der Impfschutz vollständig ausgebildet hat. Manche Arten benötigen auch zwei Dosen im Abstand von mehreren Wochen. Dies stellt für große Betriebe mit bis zu 10.000 Tieren ein erhebliches logistisches Problem dar.

 

Das von Kritikern am häufigsten genannte Argument gegen eine Geflügelimpfung sind die so genannten stillen Infektionen. Keine der derzeit verfügbaren Vakzine schützt Geflügel vollständig vor der Vogelgrippe. Die Tiere erkranken zwar nicht schwer, sie infizieren sich aber mit dem Virus und scheiden diesen auch aus. Dadurch stellen sie eine Infektionsquelle für andere Tiere dar. Die Befürchtung von Epidemiologen ist daher, dass sich das Virus unbemerkt in geimpften Populationen ausbreiten und auch auf Wildvögel überspringen kann. Dann wäre der Erreger nicht mehr auszurotten.

 

Das Hauptproblem hierbei sei, dass geimpfte von erkrankten Tieren nicht zu unterscheiden seien, wird häufig behauptet. Dies trifft allerdings nur auf alte Impfstoffe zu. Diese so genannten Homolog-Impfstoffe enthalten inaktivierte Viren desselben Stammes, der den Ausbruch verursacht. Eine Unterscheidung von infizierten und geimpften Tieren ist auf serologischer Ebene daher nicht möglich. Eingesetzt wurden solche Vakzine nach Angaben der Welttiergesundheitsorganisation (OIE) in Mexiko und Pakistan, wo die Impfkampagnen den Ausbruch aber nicht unter Kontrolle bringen konnten.

 

Die neueren Heterolog-Impfstoffe enthalten ebenfalls inaktivierte Influenza-Viren, allerdings von einem anderen Stamm als der kursierende Erreger. Das Impfvirus ist zwar vom selben HA-Subtyp (Hämagglutinin), unterscheidet sich aber im NA-Subtyp (Neuraminidase). So kann man zum Beispiel bei einem Ausbruch von H5N1 das Geflügel mit inaktivierten H5N3-Viren impfen. Die Tiere sind dann gegen alle H5-Varianten geschützt. Mit dem Nachweis von Antikörpern gegen N3 können dann aber geimpfte und infizierte Tiere unterschieden werden.

 

Diese auch als Marker-Impfstoffe bezeichneten Vakzine wurden laut OIE schon mehrfach erfolgreich eingesetzt, so zum Beispiel in Minnesota. Auch in Italien wurden zwischen 2000 und 2002 einige Geflügelbestände bei Ausbrüchen von H7N1 mit einer Vakzine gegen H7N3 geimpft. Ein Jahr nach den Impfungen war kein zirkulierendes Virus mehr nachweisbar, sodass die EU-Kommission die Handelbeschränkungen für Frischfleisch aufhoben. In Hongkong konnte ebenfalls ein H5N1-Ausbruch mit Massenimpfungen sämtlicher Geflügelbestände zusammen mit strengen Hygienevorschriften und Töten aller infizierten Tiere unter Kontrolle gebracht werden.

 

Dass eine Vakzinierung eine Vogelgrippe-Epidemie verhindern kann, selbst wenn nicht alle Tiere geimpft sind, zeigt auch eine aktuelle niederländische Studie. Forscher um Jeanet van der Goot vom Institut für Tierseuchenkontrolle in Lelystad untersuchten die Übertragung von Influenzaviren des Subtyps H7 an geimpften und ungeimpften Hühnern. Ungeimpfte Tiere, die gezielt mit dem Erreger infiziert wurden, starben an der Erkrankung. Auch alle zu diesen Tieren in den Käfig gesetzten Hühner infizierten sich und verendeten. Doch wenn geimpfte Tiere ein oder zwei Wochen nach der Vakzinierung mit dem Virus infiziert wurden, erkrankten sie nicht und überlebten. Ihre Virus-Ausscheidungsrate war außerdem so gering, dass sich keines der zu ihnen in den Käfig gesetzten ungeimpften Hühner mehr ansteckte. Dies berichteten die Forscher im November 2005 in der Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences« (10.1073/pnas.0505098102). Eine rechtzeitige Impfung verhindert also die gefürchtete heimliche Ausbreitung des Virus in geimpften Populationen.

 

Ein Problem stellen aber die Unterschiede in der Qualität der Geflügelvakzine dar, schreiben die Virologen Robert Webster und Diane Hulse vom St. Jude Childrenís Research Hospital in Memphis in der Fachzeitschrift »Nature« (Band 435, Seite 415). Schlechte Impfstoffe verhindern zwar eine Erkrankung, senken aber nicht die Virussekretion und somit die Ansteckungsfähigkeit. Daher war Keulen lange Zeit die bevorzugte Alternative. Doch Geflügelimpfstoffe von hoher Qualität, wie sie für Hühner vorhanden sind, können die Übertragung der Viren verhindern.

 

Scharfe Kontrollen notwendig

 

Stille Infektionen sind durch verschiedene Monitoring-Systeme zu überwachen. Die einfachste Methode sind so genannte Sentinel-Vögel. Diese ungeimpften gesunden Tiere werden inmitten eines geimpften Bestandes gehalten. Erkranken die Vögel an Geflügelpest, zeigt dies an, dass der Erreger im Bestand zirkuliert. Aufwendiger und teurer als diese Methode ist dagegen die serologische Überwachung. Beim Einsatz von Heterolog-Impfstoffen können Antikörpertests erkrankte Tiere von geimpften unterscheiden. Diese Tests sind laut Angaben des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) aber ungenau. Gerade bei einer hohen Probenzahl sei daher mit einem erheblichen Anteil fraglicher Ergebnisse zu rechnen. Außerdem sind die Testverfahren umständlich und bisher nicht in Form kommerzieller Systeme erhältlich.

 

Deutlich einfacher machen rekombinante Impfstoffe die Unterscheidung von geimpften und infizierten Tieren. Eine entsprechende Lebend-Vektor-Vakzine auf der Basis eines rekombinanten Geflügelpocken-Virus existiert bereits. Für den Impfstoff wurde ein Geflügelpocken-Virusstamm so verändert, dass er Hämagglutinin vom H5-Subtyp exprimiert. Mit dieser Vakzine geimpfte Tiere produzieren keine Antikörper gegen das virale Nukleoprotein, das alle Influenza-Viren besitzen und das mit einfachen Tests nachzuweisen ist. In China und Mexiko wird die rekombinante Vakzine in geringerem Umfang bereits eingesetzt. In der EU ist sie nicht zugelassen. Das FLI arbeitet seit Jahren an einem derartigen Impfstoff. In absehbarer Zeit werde er aber nicht auf den Markt kommen, erklärte der Leiter des Instituts, Thomas Mettenleiter.

 

Derzeit ist in der EU kein Geflügelimpfstoff zugelassen. Doch gemäß der EU-Direktive 2005/94/EEC kann jedes Mitgliedsland selbst entscheiden, Vakzinierungen als zusätzliche Bekämpfungsmaßnahme einzuführen und Impfstoffe zu verwenden.

 

Für sinnvoll hält das FLI eine Impfung in Endemiegebieten, in denen die Veterinärsysteme und die lokale Infrastruktur von der Tierseuche überfordert sind. Prophylaktische Impfungen könnten hier nicht nur neue Ausbrüche in Geflügelbeständen verhindern, sondern auch das Kontaktrisiko für den Menschen verringern. In seuchenfreien Regionen dagegen verschlechtern prophylaktische Impfungen die Kontrolle wegen der erschwerten Identifizierung von infizierten Tieren.

 

Die Debatte um den Sinn von Geflügelimpfungen hat natürlich auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Weil sich geimpfte und infizierte Tiere kaum unterscheiden lassen, dürfen nach derzeitiger Rechtslage geimpfte Tiere nicht in den Handel. Einfuhrsperren der Handelspartner und Exporteinbußen sind die Folge. Außerdem leben in Deutschland fast 70 Millionen Hühner, Gänse, Enten und Puten, wobei kaum ein Huhn älter als ein Jahr wird. Über viele Jahre gerechnet, übersteigen somit die Kosten regelmäßiger Impfungen die für Notfall-Schlachtungen im seltenen Seuchenfall bei weitem.

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