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Säuglingshaut

Was sie zu etwas Besonderem macht

12.02.2014  10:03 Uhr

Wichtige physiologische und strukturelle Reifungsvorgänge der Haut erfolgen erst postnatal. Die Haut von Säuglingen ist daher in den ersten Monaten für spezifische Verletzungen besonders anfällig.

»Die Basalzellschicht verläuft unmittelbar nach der Geburt noch nahezu pa­rallel zur Hautoberfläche«, erläuterte Professor Dr. Peter Höger, Hamburg. Erst danach kommt es zur dermo-epidermalen Vernetzung dieser Schichten, die die mechanische Belastbarkeit der Haut gewährleistet. Bis zur vollständigen Ausprägung der Vernetzung könne die Epidermis durch Scherkräfte leicht von der Dermis getrennt werden, warnte er. So kann es zu Ablederungsverletzungen kommen, wenn zum Beispiel Pflasterverbände unsachgemäß entfernt werden. Auch sei im Neugeborenenalter das Risiko von Dermatosen mit Blasenbildung wie Lues, Mastozytose und Skabies erhöht.

 

Wollwachs und Urea gehören nicht auf Wickeltisch

 

Nicht gestillte Kinder haben eine trockenere Haut als gestillte, berichtete Höger weiter und verwies auf die Bedeutung des Stillens für die Gesundheit der Säuglingshaut. Die Talgdrüsen des Feten sind bereits von der 19. Schwangerschaftswoche an funktionsfähig und tragen zur Bildung der Vernix caseosa, der sogenannten »Schmiere«, auf der Haut des Neugeborenen bei. Post partum führen die über die Muttermilch übertragenen Androgene bei gestillten Kindern zu einer verlängerten und verstärkten Stimulation der Talgdrüsen. »Die Neugeborenenakne ist sichtbarer, jedoch physiologischer Ausdruck der frühen postnatalen Stimulation von Talgdrüsen«, betonte Höger. Nach dem Abstillen endet diese Stimulation. Die Talgdrüsen treten in eine Ruhephase ein, die bis zur Pubertät anhält.

 

Früh- und Neugeborene haben außerdem eine im Vergleich zum Körpergewicht große Körperoberfläche. Gleichzeitig ist ihre Fähigkeit zur Vasokonstriktion und somit Minderung der Wärmeabstrahlung noch nicht ausgereift. Höger warnte daher vor einem Abfall der Körpertemperatur, wenn Eltern im Umgang mit ihrem Kind keine Sorgfalt walten lassen. Bei extremem Wärmeverlust könne es zur Azidose und intrazerebralen Hämorrhagien kommen.

 

Aus demselben Grund ist die transkutane Resorptionsfähigkeit der Haut erhöht. Die dünnere Epidermis und dicht stehenden Talgdrüsen verstärken den Effekt. Eindringlich warnte Höger vor der Anwendung topischer Wirkstoffe wie Salicylsäure (metabolische Azidose, Krampfanfälle, Tod), Clioquinol (neurotoxisch), Hexachlorophen (Enzephalopathie), Neomycin (oto- und nephrotoxisch), Calcipotriol (Hypercalciämie) und Alkohol (neuro- und hepato­toxisch). Aufgrund der im Säuglings­alter erhöhten transkutanen Penetra­tion seien diese Wirkstoffe absolut kontraindiziert. Der pädiatrische Dermatologe betonte, dass jedoch auch »Wollwachs, Urea, Oliven- und Sonnenblumenöl beziehungsweise Sonnenschutzmittel ein Problem darstellen« und nicht auf den Wickeltisch gehören. »Die gesunde Säuglingshaut braucht keine Therapie und muss nicht regelmäßig gefettet werden.«

 

Keine dubiosen Therapien

 

Es verbiete sich außerdem von selbst, den kindlichen Organismus durch dubiose Therapiestrategien wie Zinksubstitution zu belasten, erläuterte Höger. So sei es sei Nonsens, einem atopischen Ekzem, einer Psoriasis, Akne vulgaris oder etwa rezidivierenden Infektionen durch Behebung eines vermeintlichen Zinkmangels entgegensteuern zu wollen. »Wird ein atopisches Ekzem diagnostiziert, so muss die hier angesagte Therapie unter fachärztlicher Aufsicht konsequent und professionell durchgeführt werden«, betonte der Referent. Betroffene Kinder liefen ansonsten Gefahr, »seelische Narben« zu behalten.

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