Pharmazeutische Zeitung online
Podiumsdiskussion

Von Notdienst bis Betriebsordnung

12.02.2013
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Von Daniel Rücker, Davos / Beim Pharmacon Davos sprechen Vertreter der Berufsorganisationen jedes Jahr mit den Kongressteilnehmern über die wichtigsten gesundheitspolitischen Themen auf einer Podiumsdiskussion. Dennoch war dieses Mal einiges neu.

Mit dem neu gewählten Präsidenten der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer, und seinem Vize Thomas Benkert nahmen in diesem Jahr zwei neue Gesichter erstmals auf dem Podium Platz. Als weitere Neuerung waren bei der Veranstaltung keine ehrenamtlichen Vertreter der ABDA oder des Deutschen Apothekerverbandes unter den Diskutanten. Neben Kiefer und Benkert stellten sich Hauptgeschäftsführer Sebastian Schmitz sowie die Geschäftsführer Christiane Eckert-Lill und Lutz Tisch den Fragen der Kongressteilnehmer. Diese mussten vor der Veranstaltung schriftlich abgegeben werden und wurden von BAK-Vorstand Karin Graf gesammelt und thematisch zusammengefasst.

Zu Beginn der Veranstaltung gab Schmitz einen Überblick über die aktuell wichtigsten gesundheitspolitischen Themen. Am brisantesten ist hierbei die sogenannte Datenklau-Affäre. Im Dezember war öffentlich geworden, dass der Mitarbeiter eines IT-Unternehmens in den vergangenen Jahren im Bundesgesundheitsministerium illegal Daten kopiert hatte und diese dann angeblich an einen ehemaligen Mitarbeiter der ABDA verkaufte. Hier ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft, sagte Schmitz. Neue Erkenntnisse gebe es nicht, die ABDA sei nicht von den Ermittlungen betroffen. Die Berufsorganisation nehme das Thema dennoch sehr ernst, da ein erheblicher Imageschaden für die Apotheker drohe. Deshalb habe man nun externe Experten damit beauftragt, die ABDA-internen Prozesse zu überprüfen und Compliance-Regeln für die Zukunft aufzustellen.

 

Regierung in der Pflicht

 

Unzufrieden ist Schmitz mit der Entwicklung bei der Notdienstpauschale. Die hatte die Bundesregierung im Herbst des vergangenen Jahres beschlossen, um die aus Sicht der Apotheker unzureichende Anpassung der Packungspauschale zu ergänzen. Nun verzögert sich jedoch die Einführung der Notdienstpauschale wegen verfassungsrechtlicher Bedenken aus dem Innenministerium immer weiter. Für Schmitz steht es außer Frage, dass es Aufgabe der Bundesregierung ist, dieses Problem zu lösen. Die Apotheker könnten ihren Sicherstellungsauftrag nur dann wahrnehmen, wenn sie dafür ausreichend vergütet würden. Ein Teil dieses Geldes, 120 Millionen Euro, komme von der Notdienstpauschale. Die Verfassung der Bundesrepublik könne nicht die Funktion haben, die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung zu behindern.

 

Beim Kassenabschlag wird es laut Schmitz noch einige Wochen dauern, bis der Betrag für 2013 feststeht. Die Schiedsstelle sei noch nicht vollständig besetzt. In den kommenden Tagen soll jedoch ein neuer Vorsitzender dieses Gremiums bestellt werden. Schmitz bekräftigte die Position der Apotheker, der Abschlag von 2,05 Euro sei ein Sonderopfer, dass nun ausgelaufen sei. Daran ändere auch der Druck nichts, den die Krankenkassen derzeit aufbauten.

 

Erfreulicher sieht es beim ABDA-KBV-Modell aus. Nachdem sich Kassenärzte und Apotheker mit der AOK Plus auf Eckpunkte geeinigt haben, sei nun in Sachsen und Thüringen der Weg für die Testphase frei. Die Instrumente Wirkstoffverordnung, Medikationskatalog und Medikationsmanagement sollen ab Sommer sukzessive erprobt werden.

In der anschließenden Fragerunde der Kongressteilnehmer war erwartungsgemäß die Apothekenbetriebsordnung ein wesentliches Thema. Unzufrieden sind viele Apotheker mit dem Aufwand, den die Plausibilitätsprüfung für Rezepturen den Apothekern beschert. Selbst bei Tees sei diese notwendig. ABDA-Geschäftführerin Eckert-Lill machte den Apothekern wenig Hoffnung auf Änderungen. Die Regelung stamme aus dem Gesundheitsministerium. Dort plane man keine Korrekturen. Grundsätzlich sei die Prüfung von Rezepturen auf Sinnhaftigkeit auch wichtig und nicht neu. Das Problem seien vor allem die Dokumentationspflichten. Daran lasse sich jedoch derzeit wenig ändern.

 

Einheitliche Regeln

 

Generell wünschten sich die Apotheker bundesweit einheitliche Regelungen bei Rezeptur und Defektur. Ob es diese geben wird, blieb aber bei der Diskussion offen. BAK-Präsident Kiefer zeigte sich zumindest vorsichtig optimistisch. Amtsapotheker und Pharmazieräte wollten ganz sicher Rezeptur und Defektur erhalten und strebten deshalb praxisnahe Lösungen an.

 

Gleich mehrere Kongressteilnehmer griffen die Behauptung von Politikern auf, die ABDA habe bislang keine eigenen Vorstellungen zur Notdienstpauschale entwickelt. Schmitz dementierte dies entschieden. Man habe auf der Arbeitsebene mit dem Bundesgesundheitsministerium Lösungen diskutiert. Ganz bewusst hätten sich die Apotheker aber auf keine bestimmte Lösung festgelegt. Ansonsten wäre ihnen womöglich vorgeworfen worden, mit dieser Festlegung Alternativen zu blockieren.

 

Schmitz ist weiterhin davon überzeugt, dass die Apotheker das zugesagte Geld erhalten werden. Die Gebühr könne auch rückwirkend bezahlt werden. Die Vergütung des Notdienstes werde wahrscheinlich bei 180 bis 200 Euro liegen.

 

Kiefer machte deutlich, dass die Geduld der Apotheker bei der Einführung der Pauschale begrenzt sei. Wenn es in den nächsten Tagen keinen Fortschritt gebe, sei für den 28. Februar ein bundesweiter Aktionstag geplant. An diesem sollten möglichst viele Apotheken teilnehmen. Womöglich sei es der Startschuss für eine langfristige Aktion.

 

Unzufrieden zeigten sich Kongressteilnehmer mit der Anpassung der Packungspauschale um 25 Cent. Diese Kritik teilten sie mit dem Podium. BAK-Vizepräsident Benkert bezeichnete die Erhöhung als vollkommen unzureichend. Auf der anderen Seite müsse man aber sehen, dass es nach langer Stagnation ein Schritt in die richtige Richtung gewesen sei.

 

Dauerthema Rabattverträge

 

Ein Dauerthema bleiben die Rabattverträge. Hier gibt es weiterhin Beschwerden in Bezug auf die Verfügbarkeit der Medikamente und deren Qualität. Kiefer konnte seinen Kollegen wenig Hoffnung machen, dass die Kassen in absehbarer Zeit auf Rabattverträge verzichten werden. Die Einsparungen seien zu hoch. Deshalb werde es trotz der Lieferprobleme weiterhin Exklusivverträge mit nur einem Hersteller geben. Den Apothekern bleibe jedoch das Instrument der pharmazeutischen Bedenken, das immer dann angewendet werden sollte, wenn Patienten davon profitierten.

 

Eine klare Absage kam vom Podium zum Wunsch aus dem Auditorium, pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA) eine Vertretungsbefugnis zu erteilen. Die Geschäftsführer Eckert-Lill und Tisch warnten vor solchen Überlegungen. Wenn PTA Apotheker vertreten dürften, dann machten sich Apotheker mittelfristig selbst überflüssig. Es sei ganz klar, dass Apotheker mit ihrem Hochschulstudium mehr könnten als das übrige Apothekenpersonal.

 

Gute Chancen sieht Schmitz für eine nicht mehr ganz neue Forderung der Apotheker. Derzeit verhandeln Apotheker und Krankenkassen über die Retaxierung von Rezepten auf null. Bis zum Sommer könnte es eine Lösung geben, die solche Retaxierungen zumindest sehr selten macht. Vollständig werde man sie wohl nicht ausschließen können, da die Kassen bei besonders schweren Fehlern von Apotheken womöglich berechtigt seien, die Zahlung komplett zu verweigern. /

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