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STIKO-Impfungen

Das empfohlene Pflichtprogramm

12.02.2013
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Kleine Kinder vertragen Impfungen besser als ältere. Eltern sollten daher Immunisierungen ihres Babys, die für die ersten Lebens­monate empfohlen sind, nicht auf die lange Bank schieben. Doch auch Erwachsene sollten regelmäßig einen Blick in ihren Impf­ausweis werfen und fällige Standard-Impfungen nachholen.

Je früher man impft, desto besser: Professor Dr. Ulrich Heininger vom Universitäts-Kinderspital Basel machte das an einem Fallbeispiel mehr als deutlich. Das Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut berichtete von einem Fall aus seiner Klinik, in dem ein sechs Monate alter Säugling aufgrund einer Infektion mit Haemophilus influenzae vom Typ b (Hib) an einer akuten eitrigen Meningitis erkrankte.

Trotz Antibiotikatherapie blieben bei diesem Kind eine Innenohr-Taubheit und ein Hydrocephalus zurück, also eine krankhafte Erweiterung von Flüssigkeitsräumen im Gehirn, die umgangssprachlich als Wasserkopf bezeichnet wird. »Diese schwerwiegenden Folgen hätten verhindert werden können, wenn das Kind, wie von der STIKO empfohlen, im Alter von zwei Monaten gegen Hib geimpft worden wäre«, so Heininger. Die Eltern des Kindes gaben an, dass sie mit der Impfung hätten warten wollen, um ihr Kind zu schonen.

 

Damit Eltern nicht aus Unwissenheit Impfungen für ihren Nachwuchs versäumen, sind Ärzte in Deutschland gesetzlich dazu verpflichtet, über die Impfempfehlungen der STIKO aufzuklären. »Wer das nicht tut, macht sich strafbar«, sagte Heininger. Die Entscheidung pro oder kontra Immunisierung liege dann allerdings bei den Erziehungsberechtigten, da es in Deutschland, anders als in einigen anderen europäischen Ländern, keine Impfpflicht gebe. »Ich persönlich glaube, dass das der richtige Ansatz ist. Überzeugen ist immer besser als verpflichten«, so Heininger.

 

Pflicht und Kür

 

Apotheker sieht der Mediziner als wichtige Partner in der Impfberatung. Sie könnten etwa Eltern auch auf andere sinnvolle Impfungen hinweisen, die nicht offiziell von der STIKO empfohlen würden. »Unsere Empfehlungen haben Minimalcharakter, sind also gewissermaßen nur die Pflicht. Die Kür wäre beispielsweise, wenn junge Eltern sich zusätzlich selbst gegen Influenza impfen ließen, um die Ansteckungswahrscheinlichkeit ihres Kindes mit dieser Infektionskrankheit zu senken«, so Heininger.

 

Aufgabe der STIKO ist es, Impfempfehlungen für die obersten Landesgesundheitsbehörden zu erstellen. »Die meisten Bundesländer übernehmen diese Empfehlungen eins zu eins«, informierte Heininger. Unter www.stiko.de lässt sich ein Link zu den aktuellen Impfempfehlungen der STIKO finden. Darin ist zum Beispiel seit wenigen Jahren auch die Empfehlung zu finden, dass sich alle Erwachsenen nochmal gegen Keuchhusten impfen lassen sollten. Denn Pertussis kann man mehrmals im Leben bekommen. Der Schutz durch eine Impfung oder eine natürlich durchgemachte Infektion lässt Heininger zufolge schnell nach. Wie der Referent informierte, ist Keuchhusten vor allem für junge Säuglinge wegen möglicher Apnoen sehr gefährlich. Zudem gibt es bei dieser Infektion keinen Nestschutz. Viele Säuglinge stecken sich bei infizierten Erwachsenen an. Heiniger zufolge infiziert ein Erkrankter durchschnittlich drei bis vier andere Menschen mit Keuchhusten. Zudem gelte, wer länger als zwei Wochen hustet, hat eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, dass es sich um Keuchhusten handelt.

 

Pertussis-Impfung für alle

 

Nachdem die STIKO schon seit Längerem empfohlen hatte, alle Kontaktpersonen von Säuglingen zu impfen, hat sie diese Empfehlung auf alle Erwachsenen ausgeweitet. Da kein Einzelimpfstoff gegen Pertussis erhältlich ist, kann diese Impfung nur in Kombination mit anderen anstehenden Impfungen erfolgen. Die STIKO empfiehlt daher jetzt, bei der nächsten fälligen Impfung gegen Tetanus und Diphtherie, die alle zehn Jahre zur Auffrischung oder im Rahmen der Tetanusvorbeugung nach Verletzungen empfohlen ist, einmalig zusätzlich auch gegen Pertussis zu impfen. Das hat Heininger zufolge zweifachen Nutzen: erstens direkten Schutz der Geimpften und zweitens indirekten sogenannten Herdenschutz von Säuglingen.

 

Im Allgemeinen hält Heininger die STIKO-Empfehlungen im europäischen und globalen Vergleich für fortschrittlich. Bei der Rotavirus-Schluckimpfung sind uns aber einige Länder, etwa Belgien, Finnland und Norwegen, voraus. Ausdrücklich lobte er in diesem Zusammenhang auch die Sächsische Impfkommission, die – wie die genannten Staaten und anders als die STIKO – bereits ab der vollendeten sechsten Lebenswoche die orale Impfung gegen Rotaviren empfiehlt. Sachsen ist damit das einzige Bundesland, das die STIKO-Empfehlungen nicht zu 100 Prozent übernimmt.

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