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Schimmel

Der versteckte Krankmacher

11.02.2013
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Von Josef Rauscher / Man sieht ihn nicht, man riecht ihn meistens nicht – und doch können Sporen von Schimmelpilz wie Penicillium schwere Gesundheitsschäden verursachen. Geschulte Umwelt-Apotheker können ihn entdecken und Abhilfe schaffen: ein Beispiel aus der Praxis.

Michael K. (Name geändert) hatte sich so gefreut: »Endlich eine eigene Wohnung!«. Jetzt würde er genügend Platz haben. Doch kaum wohnte der Ingenieur einige Wochen in der Wohnung, hörte der Spaß auf: »Ich war plötzlich einfach nicht mehr gesund«, erinnert sich K. Ständig lief seine Nase, die Augen waren gereizt, der ganze Körper juckte und ein allergisches Asthma plagte den Niederbayern. Dann flammte zu allem Überfluss auch noch eine seit Jahren verschwundene Neurodermitis wieder auf.

Als K. feststellte, dass sämtliche Beschwerden im Urlaub schon nach wenigen Tagen weg waren, keimte in ihm ein Verdacht: Vielleicht liegt die Ursache seiner gesundheitlichen Beschwerden ja in der Wohnung. Er hatte zwar viel über Schimmel, Holzschutzmittel und Formaldehyd gelesen, aber ob und was davon für seine Wohnung zutraf, das wusste er nicht. Also suchte K., wieder zu Hause, einen Fachmann für Gesundheit und Umwelt auf: Den Regensburger Apotheker und Baubiologen Dieter Dollacker. Er arbeitet seit Jahren im Arbeitskreis der Umwelt-Apotheker (AAU, siehe Kasten) und führt neben Haarmineralstoff- und Wasseranalysen auch Wohngift-Untersuchungen durch.

 

Bei Letzterem ist das Vorgehen exakt standardisiert. Dollacker: »Zuerst mache ich immer eine Vor-Ort-Begehung der fraglichen Wohnung. Meistens fallen mir dort schon die ersten Anhaltspunkte dafür auf, in welcher Richtung das Problem zu suchen sein könnte.« So war es auch im Falle K.: Der erzählte Dollacker, es habe im Vorfeld in der Wohnung über ihm einen Wasserschaden gegeben. Dabei sei Wasser von oben die Wände herabgelaufen und habe sogar den Fußboden durchnässt.

Der Wasserschaden sei jedoch saniert worden. Dollacker: »Bei der Begehung habe ich zunächst nichts Außergewöhnliches festgestellt: kein Klebergeruch, kein schimmliger Kellergeruch, keine Altlasten wie Holzdecken aus den 1970er-Jahren. Aber dann ist mir aufgefallen, dass die Decke im Schlafzimmer noch mit der alten Holzverschalung aus der Zeit vor dem Wasserschaden ausgekleidet war. Außerdem gab es zwei größere, ebenfalls bereits in die Jahre gekommene Einbauschränke.«

 

Zunächst oft unsichtbar

 

Feuchtigkeit ist bekanntermaßen ein gutes Ausgangsmilieu für viele Schimmelarten. Um also abzuklären, ob eventuell ein verdeckter, zunächst nicht sichtbarer Schimmelschaden die gesundheitlichen Probleme verursachte, machte Dollacker im Schlafzimmer eine Raumluftmessung auf Schimmelsporen. Wie diese funktioniert, hat er vom Umweltbundesamt und dem TÜV Rheinland gelernt. Und sie brachte Erstaunliches zutage: die Konzentration an Aspergillus- und Penicilliumsporen war 15-mal so hoch wie in der Außenluft, die der Umwelt-Apotheker als Kontrolle ebenfalls untersucht hatte. Gerade diese beiden Schimmelpilz-Arten gelten als hoch allergen.

 

Ein klarer Fall für den Apotheker, der den Schimmelpilzleitfaden des Umweltbundesamtes zugrunde legte: Die Wohnung war mit Schimmel verseucht und eine Gesundheitsgefahr.

 

Über die Ursachen der Schimmelbildung und warum der Schimmelbefall so war, wie vorgefunden, darüber hat Apotheker Dollacker seinen Kunden K. aufgeklärt. Das Vorhandensein von Aspergillus- und Penicillium-Sporen zeigt einen Altschaden mit Trocknung an. Dagegen fanden sich keine Schimmelarten wie beispielsweise Alternaria, die auf einen aktiven, gegenwärtigen Feuchteschaden hinweisen. Auch die Außenluft hatte Dollacker auf Sporen untersucht und eine für die Jahreszeit (September) typische hohe Cladosporien-Konzentration, aber nur geringe Mengen an Aspergillus und Penicillium gefunden. Da die Cladosporien aber im Schlafzimmer nur vereinzelt zu finden waren, konnte er einen nennenswerten Eintrag von außen in das Schlafzimmer ausschließen.

 

Aber auch alle Fragen des Kunden zu den Gesundheitsgefahren, die sich aus dem vorgefunden Schimmelbefall ergeben, konnte der Umwelt-Apotheker beantworten. Schimmelpilz-Allergien sind zwar weniger häufig als Pollen- oder Milbenallergien, aber die Symptome von K. passten zu den Symptomen, die durch Schimmelpilze wie Aspergillus ausgelöst werden, nämlich eine laufende Nase ähnlich wie bei Heuschnupfen, und asthmatische Anfälle. Antihistaminika und Cortison brachten zwar etwas Linderung, aber hilfreicher ist es, die Ursachen für die Probleme zu beseitigen.

 

Sanierung durch Fachleute

 

Also zog Dollacker einen erfahrenen Sanierungsbetrieb hinzu, und dann ging die Suche nach der oder den Schimmelsporen-Quellen los. Die Demontage der ehemals durchfeuchteten Holzdecke brachte schnell zutage, dass die Decke der »Übeltäter« war. Ihre Latten waren in vielen Bereichen komplett mit Schimmelrasen überzogen. Im Decke-Wand-Bereich waren mehrere Stellen komplett befallen und auch hinter einem der Einbauschränke war eine Wand mit schwarzem »Rasen« überzogen. Aber auch unter der neuen, bau­biologisch wegen ihres Weichmachergehalts bedenklichen Vinyltapete, fand Dollacker an verschiedenen Stellen massive Schimmelbeläge. Die befallenen Gegenstände mussten aus der Wohnung entfernt werden, dann wurde alles desinfiziert, gereinigt und mit Kalkputz und Mineralsilikatfarben fachmännisch saniert.

 

Die Geschichte von K. hat dennoch ein glückliches Ende: Der Besitzer konnte vier Wochen später in eine schimmelfreie Wohnung zurückkehren. Eine Kontrollmessung der Luft nach Abschluss der Schimmelsanierung hatte ergeben, dass die bedenklichen Sporen verschwunden waren. Und auch die Beschwerden waren weg, die Medikamente nicht mehr nötig.

 

Rechtsverbindliches Regelwerk fehlt

 

Ein rechtsverbindliches Regelwerk speziell für die Durchführung der Messungen und Bewertung von Schimmelpilz- und anderen Belastungen in Innenräumen gibt es derzeit in Deutschland nicht. Für die Qualitätskontrolle der Innenraumluft in öffentlichen Gebäuden sind Gesundheitsämter, Untersuchungsämter, Bau-, Umwelt- und Schulämter zuständig. Des Weiteren sind von der Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL im VDI und DIN) und der Arbeitsgruppe »Messplanung und Messverfahren für biologische Luftverunreinigungen« Empfehlungen erarbeitet worden. Diese Empfehlungen haben die Umwelt-Apotheker, die hauptsächlich Privaträume ihrer Apothekenkunden untersuchen, übernommen und ihren Raumbegehungen, Messungen und Ergebnisbewertungen zugrunde gelegt.

 

Die Praxis der letzten Jahre zeigt besonders beim Altbaubestand des sozialen Wohnungsbaus anhaltenden Schimmelpilzbefall. Oft beginnt es aber auch nach einer Sanierung zu schimmeln, vor allem dann, wenn in einem Altbau zwar die Fenster erneuert, aber die Wände nicht zusätzlich gedämmt wurden. Wenn die Bewohner dann auch noch zu wenig lüften, führt die hohe Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit kalten Wänden (und warmen Fenstern) oft dazu, dass sich Feuchtigkeit an der Wand niederschlägt und es, auch in Neubauten, zu schimmeln beginnt. Wie gefährlich der Schimmel ist, kann nur ein Fachmann im Einzelfall beurteilen. Nach dem Gesetz über die Bauordnung im Sinne des § 8 Abs. 1 (GBI, Teil 1 Nr. 50 v. 13.8.90) kann bei einer nachgewiesenen gesundheitlichen Gefährdung zum Beispiel durch Schimmelpilzbefall der Vermieter durch das Bauordnungsamt veranlasst werden, die belastete Wohnung zu sanieren.

 

Über die Schuldfrage sind sich Mieter und Vermieter erfahrungsgemäß oft uneins, weshalb der Streit bei Schimmel-Schäden, Wertminderungen und gesundheitlichen Gefährdungen oft vor Gericht ausgetragen wird. Bauliche Mängel sind im Verantwortungsbereich des Vermieters. Aber Mieter sollten ihr Nutzungsverhalten kritisch hinterfragen. Auch da können Umwelt-Apotheker wie Dollacker ihren Kunden konkrete Tipps an die Hand geben. /

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