Pharmazeutische Zeitung online
Medizingeschichte

Ähnliche Sorgen, andere Methoden

14.02.2012  17:36 Uhr

Ob Knochen, Gelenke oder Bänder: Mit Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates hatte die Menschheit schon immer zu kämpfen. Ein Überblick über die Geschichte des Kongressthemas mit ausgewählten Beispielen und prominenten Opfern.

»Der Zauberberg« von Thomas Mann ist der »Tuberkulose-Roman« schlechthin. Er spielt in einem Davoser Lungensanatorium. Die Lungentuberkulose, die sogenannte Schwindsucht, ist häufig die erste Assoziation beim Thema Tuberkulose. Professor Dr. Beat Rüttimann, Zollikon, stellte eine weniger bekannte, früher aber sehr gefürchtete Variante vor: die Tuberkulose der Knochen und Gelenke. Heute hierzulande praktisch verschwunden, spielte sie im 19. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. »Wenn es nicht gelang, die Patienten absolut ruhigzustellen, zum Beispiel in einem Gipsbett, schrien sie vor Schmerzen«, so Rüttimann. Ab 1886 behandelte der Engadiner Arzt Oscar Bernhard die tuberkulösen Fisteln und Geschwüre und die geschlossenen Tuberkulosen mit Sonnenlicht-Exposition, der sogenannten Heliotherapie. Die Erfolge gaben ihm recht. Zwei Drittel der Patienten konnten geheilt werden, bei einem weiteren Viertel verbesserte sich zumindest der Krankheitszustand.

 

Dank Impfung hat man eine andere gefürchtete Erkrankung in unseren Breiten so gut wie ausgerottet: die Kinderlähmung (Polio, Poliomyelitis). Gegen die auftretenden Muskellähmungen war und ist man meistens machtlos. »Es gibt Hinweise, zum Beispiel Abbildungen auf alten griechischen Vasen, dass es sich um eine sehr alte Infektionskrankheit handelt, die immer mal wieder sporadisch oder endemisch aufgetreten ist«, informierte Rüttimann. Dem Orthopäden zufolge kam es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Epidemie und Polio wurde zur wichtigsten Lähmungserkrankung. Ein prominentes Opfer einer solchen Epidemie war der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt.

 

Während Krankheitsbilder wie Polio oder Misswuchs (zum Beispiel Skoliose oder rachitische Deformitäten) im Laufe des 20. Jahrhunderts in ihrer Bedeutung abnahmen, traten andere Erkrankungen stärker in den Vordergrund. Dazu zählen degenerative Erkrankungen, Tumoren und Knochenerkrankungen. Rüttimann informierte, dass auch der französische Maler Henri de Toulouse-Lautrec an einer Knochen- und höchstwahrscheinlich an einer Stoffwechselkrankheit litt. Diese bedingten die Frakturen an beiden Oberschenkeln, seinen Zwergwuchs und möglicherweise seinen frühen Tod. Toulouse-Lautrec starb 1901 im Alter von 36 Jahren.

 

Auch von degenerativen Erkrankungen waren die Menschen immer schon betroffen. Bereits im 18., häufiger jedoch ab Mitte des 19. Jahrhunderts, schritt man bei Gelenkerkrankungen zur Resektion. »Die Gelenkausschneidungen erfolgten immer mit dem Ziel, Amputationen vermeiden zu können«, sagte Rüttimann. Das Ergebnis solcher Resektionsbehandlungen war ein Schlottergelenk oder aber eine Versteifung. Instabilität oder Versteifung sollten sich durch eine Interpositionsplastik verhindern lassen. Der Mediziner informierte, dass man viele Stoffe dafür ausprobiert habe, etwa Wachs, Elfenbein oder Schweinsblase. Schließlich mündete das in den Einbau von Kunstgelenken oder Endoprothesen. Innerhalb der Gelenkchirurgie wurde die Prothetik zu einem nicht mehr wegzudenkenden Pfeiler.

 

Während heutzutage das diabetische Fußsyndrom und die periphere arterielle Verschlusskrankheit die wichtigsten Ursachen für Amputationen sind, war im Mittelalter der Hauptanlass dafür der Ergotismus, also die Vergiftung mit Mutterkornalkaloiden. Sie trat als Folge des Verzehrs von Nahrungsmitteln auf, die mit Mutterkorn verunreinigt waren. »Schutzpatron der Betroffenen ist der Heilige Antonius«, so Rüttimann. Daher spricht man auch vom Antoniusfeuer. Heute spiele die Krankheit nur noch eine untergeordnete Rolle. Mutterkornalkaloide und Derivate davon werden heute noch zum Beispiel in der Geburtshilfe oder bei Migräne eingesetzt.

 

Hexenschuss, das Kreuz mit dem Kreuz oder Ischias: Heute leiden sehr viele Menschen unter Rückenbeschwerden. Der aufrechte Gang wird dafür verantwortlich gemacht. Demzufolge hätten auch unsere Vorfahren schon zeitweilig unter Rückenschmerzen leiden müssen. Dazu schweigt sich die Medizingeschichte allerdings aus, so Rüttimann. Waren die Menschen früher möglicherweise weniger schmerzanfällig oder einfach härter im Nehmen?

Mehr von Avoxa