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Ausstellung in Frankfurt

Gesundheitsamt im Wandel der Zeit

06.12.2017
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Von Angela Kalisch / Das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Zu diesem Anlass informiert eine Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte über das städtische Gesundheitswesen im Wandel der Zeit – mit einem besonderen Schwerpunkt auf dessen Rolle im Nationalsozialismus.

Mitten in der Frankfurter Innenstadt, nur wenige Meter entfernt von der hektischen Betriebsamkeit der Einkaufsmeilen und mit Blick auf Bankentürme und Goethe-Denkmal steht seit Ende August ein grauer Bus aus Beton.

Eine eigene Haltestelle gibt Auskunft über seine Bedeutung: Es handelt sich um ein mobiles Denkmal, das hier Station macht, um das Thema »Euthanasie im Nationalsozialismus« direkt in das Zentrum der Mainmetropole und den Alltag ihrer Bewohner und Besucher zu bringen. Mit grau gestrichenen Postbussen waren in den Jahren 1940/1941 im Rahmen der »Aktion T4« Tausende Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Tötungsanstalten wie Hadamar bei Limburg transportiert worden.

 

Das Denkmal der grauen Busse ist Teil einer Veranstaltungsreihe der Stadt Frankfurt anlässlich des hundertsten Geburtstags des Gesundheitsamts. 1917 war das Amt eher zufällig und nebenbei gegründet worden. Der schlechte Gesundheitszustand der Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkriegs, vor allem durch Unterernährung, hatte es erforderlich gemacht, dem bis dahin einzigen städtisch tätigen Arzt weitere Mitarbeiter zur Seite zu stellen.

 

Verantwortung der Wissenschaft

 

Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte das neu gegründete Gesundheitsamt das Ziel, das kommunale Gesundheitswesen zentral zu organisieren und vor allem Kinder und Jugendliche bestmöglich zu versorgen. »Gesundheit für alle« galt als Maßstab des liberalen Geistes der Weimarer Republik. Kaum an der Macht, begannen die Nationalsozialisten jedoch mit der sogenannten Gleichschaltung der Ämter. Unlieb­same Mitarbeiter, zuerst jüdische und sozialdemokratische, wurden ersetzt, so auch in den Gesundheitsämtern. Das Recht des Einzelnen auf individuelle Gesundheit wich der Propaganda ­eines gesunden Volkskörpers unter sozial­darwinistischen und rassehygienischen Gesichtspunkten. Die Gesundheitsämter wurden strategisch dazu genutzt, Bevölkerungsdaten in einer Erbkartei zu sammeln, und bald schon überzog ein Netz an Informationen das gesamte Land.

Pest und Spott

Schon seit dem Mittelalter hatte es in Frankfurt ein öffentliches Gesundheitswesen gegeben, wie die Ausstellung »Auf Herz und Nieren« im Institut für Stadtgeschichte zeigt. Urkundlich erwähnt sind ein Mediziner im städtischen Dienst im Jahr 1381 und die erste Apotheke schon 1343. In einer von Handelsbeziehungen geprägten Stadt wie Frankfurt hatte man früh die Notwendigkeit erkannt, sich um die Gesundheit der Bewohner zu kümmern. Im 14. Jahrhundert stand beispielsweise die Bekämpfung der Pest im Mittelpunkt der Bemühungen um eine allgemeine Gesundheitsversorgung, wenngleich aufgrund von Unkenntnis mit mäßigem Erfolg. Noch bis ins 18. Jahrhundert existierten nur vage Vermutungen darüber, dass unreine Luft und eine schlechte Lebensführung einen Einfluss auf die Verbreitung von Krankheiten haben könnten. Ohne bakteriologisches Wissen waren die als Riechkommission verspotteten Mediziner in ihrem Bemühen um Hygienemaßnahmen auf verlorenem Posten. Der Durchbruch kam mit der Entdeckung von Krankheitserregern und der Entwicklung von Impfstoffen zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die durch Infektionserkrankungen verursachte Sterblichkeits­rate konnte erheblich gesenkt werden. Dennoch formierte sich rasch auch Widerstand: der erste Kongress der Impfgegner fand bereits im Jahr 1911 statt.

Nach 1945 konnten auch im Frankfurter Gesundheitsamt Wissenschaftler, die aktiv an den Verbrechen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beteiligt waren, ihre Karriere fortsetzen. In den 1980er-Jahren wurde zudem bekannt, dass im Max-Planck-Institut noch immer Hirnpräparate zu Forschungszwecken genutzt wurden, die von Euthanasie-Opfern stammten. Der Wert des Studienmaterials wog in den Augen der Wissenschaftler offenbar schwerer als mögliche ethische Bedenken gegen ihre Verwendung. Erst auf Druck von kritischen Historikern, die einen würdigen Umgang mit den Organen der NS-Opfer forderten, kam es zu einer Bestattung der Präparate. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, am Rande eines Gräberfelds, auf dem mehr als 300 Urnen von NS-Euthanasie-Opfern aus Frankfurt und Umgebung beigesetzt sind, mahnt eine Tafel an die Verantwortung der Wissenschaft.

 

Moderner Dienstleister

 

Als eines der größten Gesundheits­ämter in Deutschland ist die Frankfurter Einrichtung heute ein moderner Dienstleister in einer weltoffenen, internationalen Stadt mit ihren sich ständig wandelnden Herausforderungen. Im Kampf gegen wechselnde Krankheiten von Syphilis über Tuberkulose bis hin zu Aids spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen im Laufe der Zeit wider. Als weiterer Schwerpunkt muss die innovative und fortschrittliche Drogenpolitik der Stadt hervorgehoben werden. Diese und andere Meilensteine der Arbeit des Gesundheitsamtes zeigt die interessante Ausstellung »Auf Herz und Nieren«, die noch bis Mai 2018 zu sehen ist. Ein umfang­reiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Exkursionen ergänzt das Konzept der Ausstellung.

 

Den Initiatoren der Veranstaltungsreihe war es ein wichtiges Anliegen, die Rolle der Stadt Frankfurt und ihres Gesundheitswesens während der Zeit des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt zu rücken, da eine intensive wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas noch immer ausstehe. Bis Ende Mai 2018 steht das Denkmal der grauen Busse noch in Frankfurt. Wenn es die Stadt dann wieder verlässt, bleibt zu hoffen, dass nicht auch die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte wieder aus dem Alltag verschwindet. /

 

Die Ausstellung »Auf Herz und Nieren. Geschichte des Frankfurter Gesundheits­wesens« ist noch bis zum 19. Mai 2018 zu sehen im Institut für Stadtgeschichte, Im Karmeliterkloster, Münzgasse 9, 60311 Frankfurt am Main. Eintritt frei.

 

www.stadtgeschichte-ffm.de

www.die-grauen-busse-frankfurt.de

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