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Metabolisches Syndrom

Stoffwechsel in Schieflage

15.02.2011
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Überernährung ist eine der Haupttodesursachen in der westlichen Welt. Denn Übergewicht bleibt selten allein – das Überangebot an Fett und Glucose bringt den gesamten Stoffwechsel durcheinander. Insulinresistenz, Hypertonie und Dyslipidämie stellen sich ein und schaden dem Herz-Kreislauf-System.

Er war der King of Rock ’n’ Roll: Elvis Presley. 1935 als Sohn armer Eltern in Tupelo, Mississippi, geboren, stieg er in den 1950er-Jahren zum weltberühmten Musiker und Schauspieler auf. 1977 starb er, stark übergewichtig und krank, nach offiziellen Angaben an Herzversagen. »Elvis litt am metabolischen Syndrom«, sagte Professor Dr. Dieter Steinhilber von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit seinem Frankfurter Kollegen Professor Dr. Theo Dingermann stellte er das Krankheitsbild am Beispiel von Elvis Presley vor.

In einem ungewöhnlichen Doppelvortrag brachten die Referenten den Zuhörern das Leben des King mit vielen Musikeinspielungen näher. Sie stellten Elvis als schüch­ternen, stotternden Jugendlichen vor, der mit seinem späteren Reichtum und seiner Berühmtheit nicht richtig umgehen lernte, bis zur Selbstaufgabe großzügig war und schließlich das Maß für Grenzen verlor. Legendär ist seine Liebe für Erdnussbutter-Bananen-Sandwiches, von denen er zehn bis zwölf pro Tag aß. Die ungesunde Ernährungsweise ließ ihn fettleibig werden und brachte seinen Stoffwechsel zum Entgleisen, so Dingermann.

 

Die physiologischen Zusammenhänge des Krankheitsbil­des stellte Steinhilber vor. Beim metabolischen Syndrom kommen Fettleibigkeit, Insulinresistenz, Bluthochdruck und Dyslipidämie zusammen. Ausgangspunkt sind eine hyperkalorische Ernährung und das daraus resultierende Übergewicht. Das Fettgewebe, vor allem das am Bauch, ist sehr stoffwechselaktiv: Es setzt eine große Menge Fettsäuren frei, die den Lipidstoffwechsel durcheinander- bringen und die Aufnahme von Glucose in die Muskelzellen verringern, weil diese nun Fettsäuren als Energielieferanten nutzen können. Dieser Effekt wird noch durch ebenfalls von Fettzellen freigesetzte Faktoren wie Resistin, TNF-α und andere Zytokine verstärkt, die die Insulinresistenz fördern, indem sie das Insulinsignal schwächen. Die Insulinwirkung auf die Leber und die Muskulatur lässt nach, die Glykogenolyse und die Gluconeogenese werden gefördert. Dadurch kommt es zur Hyperglykämie, mit entsprechend schädlicher Wirkung auf die Gefäße.

 

Aber Insulin ist nicht nur ein Speichersignal für Glucose, sondern auch für Fett, sagte Steinhilber. Fällt das Signal weg, wird die Lipolyse im Fettgewebe gesteigert und es werden vermehrt freie Fettsäuren freigesetzt. Die Konzentrationen von VLDL und LDL steigen an. Diese Dyslipidämie kann dann zur Atherosklerose führen. Die zunehmende Insulinresistenz versucht der Körper mit einer gesteigerten Insulinproduktion auszugleichen. Bei vielen Betroffenen erschöpfen die β-Zellen der Bauchspeicheldrüse aber mit der Zeit, und ein manifester Diabetes Typ 2 entsteht.

 

Der zunehmenden Insulinresistenz kann mit der Gabe von Glitazonen entgegengewirkt werden, erklärte Steinhilber. Diese binden an den nukleären Rezeptor PPAR-γ, der über die Steuerung der Genexpression wichtige Stoffwechselvorgänge steuert. Die Expression von TNF-α und anderen Insulinresistenz-fördernden Mediatoren aus den Fettzellen wird reduziert, während die Expression der Glucose-Transporter GLUT-4 und GLUT-1 gesteigert wird. Zudem wird die Speicherfunktion der Fettzellen hochreguliert. Seit Rosiglitazon vom Markt genommen wurde, ist Pioglitazon das einzige verfügbare Glitazon. Das Biguanid Metformin, eines der ältesten oralen Antidiabetika, verbessert die Glucoseaufnahme in die Muskelzellen und hemmt die Gluconeo­genese.

 

Die wichtigste therapeutische Maßnahme sei aber die Gewichtsreduktion, sagte Steinhilber. »Am besten, man geht an die Ursache, und zwar je früher, desto besser.« Da keine effizienten medikamentösen Maßnahmen zur Verfügung stünden, sei eine Diät unumgänglich. Zudem seien vermehrte körperliche Aktivität, eine Ernährungsumstellung und Verzicht auf Nikotin und Alkohol wichtige Maßnahmen, um den entgleisten Stoffwechsel wieder in den Griff zu bekommen. Ein gesunder Lebensstil kann mögliche Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems hinauszögern. Elvis ist das nicht gelungen.

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