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Atemwegserkrankungen

Stellenwert pflanzlicher Arzneimittel

08.04.2008  17:22 Uhr

Pharmacon Davos 2008

Atemwegserkrankungen: Stellenwert pflanzlicher Arzneimittel

 

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Andreas Schapowal beschränkte sich bei seinem Vortrag auf vier pflanzliche Arzneimittel. Zu diesen präsentierte er die Studienlage.

 

Seit einigen Jahren können Schweizer versuchen, pflanzlich gegen Heuschnupfensymptome vorzugehen. Im Juni 2003 erhielt Ze 339, ein Extrakt aus Blättern der Pestwurz (Petasites hybridus), in der Schweiz die Zulassung bei allergischer Rhinitis. An den dafür erforderlichen Forschungsarbeiten hatte sich auch Privatdozent Dr. Andreas Schapowal beteiligt. Der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde praktiziert nicht weit von Davos, in Landquart. Auf dem diesjährigen Pharmacon hielt er einen Vortrag über den Stellenwert pflanzlicher Arzneimittel bei der Therapie von Atemwegserkrankungen.

 

»Petasides-hybridus-Blätter enthalten spezielle Sesquiterpene, sogenannte Petasine«, sagte er. »Sie hemmen dosisabhängig die Biosynthese von Leukotrienen, die sonst zu allergischen Reaktionen beitragen.« Die Wirksamkeit des Extrakts belegen drei randomisierte, verblindete, kontrollierte klinische Studien mit 131, 186 beziehungsweise 330 Teilnehmern. Demnach reguliert Ze 339 typische Symptome der allergischen Rhinitis wie laufende Nase, Niesen und Juckreiz herunter. Schapowal sagte: »In den Studien zeigte es sich Placebo signifkant überlegen und den chemischen Antihistaminika Cetirizin und Fexofenadin in therapeutisch wirksamen Dosen nicht unterlegen.« Die Pflanzen für das schweizerische Medikament Tesalin® entstammen kontrolliertem Anbau. Der Blatt-Extrakt enthält keine lebertoxischen Pyrrolizidinalkaloide, wie sie in Petasites-Wurzeln vorkommen.

 

Bei Atemwegsinfekten handelt es sich Schapowals Ansicht nach um unterschätzte, oft aber auch unnötig mit Antibiotika behandelte Krankheiten. Pflanzliche Arzneimittel nannte er eine »gute Therapieoption«. Allerdings ging er nicht näher auf die Wirkweise der Ätherisch-Öl-, Saponin-, Schleimstoff- und schweißtreibenden Drogen ein. Als Fertig-arzneimittel bei akuten und chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen und Atemwege nannte er Sinupret® und Gelomyrtol®. Letzteres sei mukolytisch, sekretolytisch, sekretomorisch, antioxidativ, entzündungshemmend, antimikrobiell und bronchospasmolytisch. Mehrere klinische Studien belegten die Wirksamkeit.

 

Sinupret, ein Kombinationspräparat aus Extrakten von Enzianwurzel, Schlüsselblumenblüten, Ampferkraut, Holunderblüten und Eisenkraut, verfüge über antivirale, antibakterielle, entzündungshemmende und sekretolytische Eigenschaften. »Eine Metaanalyse der bestehenden klinischen Studien von 2006 bestätigt klar die Wirksamkeit bei akuter und chronischer Sinusitis.«

 

Ausführlich widmete sich Schapowal dem Extrakt EPs 7630 (Umckaloabo®) aus den Wurzeln der südafrikanischen Heilpflanze Pelargonium sidoides. Als wirksame Inhaltsstoffe nannte er Cumarine und Gerbstoffe mit den Grundbausteinen Catechin und Gallussäure. »Der Extrakt bewirkt eine Immunmodulation, die unter anderem die Abwehr von Viren verbessert.« In-vitro-Untersuchungen belegten eine vermehrte Synthese von Botenstoffen des Immunsystems, darunter verschiedener Interleukine und Interferone. Die vermehrte Produktion von Stickstoffmonoxid bewirke eine allgemeine Aktivierung von Immunzellen, diejenige des Tumornekrosefaktors α (TNFα) einen Schutz von Körperzellen vor schädlichen Einflüssen. Schapowal sagte: »Eine 2006 erschienene Untersuchung deutet darauf hin, dass EPs 7630 seine immunmodulatorischen Effekte nur in Gegenwart eines Infektionserregers ausübt, also bei Bedarf.« Andere In-vitro-Studien belegten unter anderem einen sekretolytischen und einen mäßigen antibakteriellen Effekt.

 

Als Nachweis der klinischen Wirksamkeit präsentierte Schapowal zwei randomisierte, doppelblinde Studien an insgesamt fast 500 Patienten. Sie liefen jeweils über sieben Tage und berücksichtigten die Leitsymptome der akuten Bronchitis, nämlich Husten, Auswurf, Nebengeräusche, Brustschmerzen und  Atemnot. In beiden Untersuchungen zeigte sich EPs 7630 am dritten wie auch am siebten Tag dem Placebo deutlich überlegen. Jeweils eine Studie mit einem ähnlichen Design und vergleichbaren Ergebnissen liege auch für die akute Rhinopharyngitis (»common cold«), Sinusitis maxillaris (Entzündung der Oberkieferhöhle) und Tonsillopharyngitis (Letztere bei Kindern und nicht durch Streptokokken verursacht) vor. »Für die Zulassung auf diesen Gebieten müssen noch weitere Studien erfolgen«, sagte er. Derzeit besteht sie nur bei akuter Bronchitis.

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