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Raucherentwöhnung

Ohne Rauch gehts auch

08.04.2008  17:22 Uhr

Pharmacon Davos 2008

Raucherentwöhnung: Ohne Rauch gehts auch

 

Bereits Winston Churchill sagte: »Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf - zu lesen.«  Wer an dieser Stelle aufhört zu lesen, verpasst Neuigkeiten zu Erfolg versprechenden Raucherentwöhnungs-Konzepten.

 

Täglich sterben in Deutschland mehr als 300 Menschen an den Folgen des Rauchens - mehr als 110.000 Todesopfer im Jahr. Schätzungen zufolge sind rund 40 Prozent der Raucher in Deutschland, etwa 6,8 Millionen Menschen, tabakabhängig. »Unter den drei Risikofaktoren Alkohol, Adipositas und Rauchen ist Letzteres der empfindlichste Gesundheitsparameter«, erklärte Professor Dr. Walter Schunack, Berlin. Denn Analysen zufolge nimmt das Rauchen die dominierende Position ein, was Letalität, verlorene Lebensjahre, Krankenhauskosten und Gesamtkosten anbelangt. Aufgrund des hohen gesundheitlichen Risikos (Tabakrauch kann Schädigungen an fast allen Organen verursachen; insgesamt sind darin mehr als 70 krebserzeugende Inhaltsstoffe enthalten) ist die Behandlung der Tabakabhängigkeit für Schunack die wichtigste Präventionsmaßnahme.

 

Methoden wie die Rauchfrei-Spritze, das Ausreden der Lust am Rauchen per Sechs-Stunden-Seminar nach Allen Carr oder die Aversionstherapie, das heißt Rauchen bis einem übel wird, sind sicher keine probaten Mittel zur Entwöhnung. Unter den nicht medikamentösen Therapien konnte bisher nur die Verhaltenstherapie einen gewissen Nutzen nachweisen, so Schunack.

 

Bei den medikamentösen Methoden besitzt die Nicotin-Ersatztherapie den höchsten Stellenwert, da die Produkte nicht verschreibungspflichtig sind. Beratungsbedarf besteht trotzdem.

 

Schunack informierte, dass eine Metaanalyse von 123 Studien kürzlich gezeigt hat, dass alle Nicotinersatzpräparate die Abstinenzrate signifikant erhöhen. Pflaster, Kaugummi oder Tabletten: Zwischen den einzelnen Darreichungsform gab es dagegen keine signifikanten Wirkunterschiede. Die Wahl des Präparates richtet sich nach dem Rauchverhalten. Aus Pflastern flutet das Nicotin eher langsam, dafür aber kontinuierlich an. Sie eignen sich für Raucher, die in regelmäßigen Abständen zur Zigarette greifen. Die Behandlungsdauer mit Pflastern sollte maximal zwei bis drei Monate andauern, jeden Morgen sollte der Patient ein neues Pflaster auf eine andere unbehaarte Körperstelle kleben.

 

Da das Nicotin aus den Kaugummis deutlich schneller anflutet, eignen diese sich besser, um das spontane Verlangen nach einer Zigarette zu unterdrücken. Studienergebnisse zeigen, dass die 4-mg-Dosierung deutlich wirksamer ist als die 2-mg-Tablette. Apotheker sollten den Patienten unbedingt erklären, wie die Kaugummis zu kauen sind: Am besten ein- bis zweimal Kauen im Backenzahnbereich, nach 30 Sekunden auf die andere Seite wechseln und dann wieder ein- bis zweimal kauen. Bei zu schnellem und häufigen Kauen drohen dagegen Übelkeit und Sodbrennen.

 

Nicotin-Lutschtabletten müssen ebenfalls regelmäßig zwischen beiden Seiten der Mundhöhle gewechselt werden, um Schleimhautläsionen zu vermeiden. Unter keinen Umständen darf der Patient sie hinunterschlucken oder zerkauen.

 

»Fragen Sie Ihre Patienten, wann sie die erste Zigarette nach dem Aufstehen rauchen«, empfahl Schunack. Für Raucher, die später als 30 Minuten nach dem Aufstehen zum Glimmstängel greifen, reichen die 2-mg-Tabletten. Wer schon früher die erste Zigarette anzündet, ist mit den 4-mg-Tabletten am besten bedient.

 

Zielgruppen für Sublingualtabletten mit Nicotin sind Zahnprothesenträger und Raucher mit einer Kaugummi-Aversion. »Wenn der Betroffene wieder anfängt zu rauchen, muss eine Nicotin-Ersatztherapie wegen des Vergiftungsrisikos sofort beendet werden«, betonte Schunack.

 

Als verschreibungspflichtige Varianten stehen das Amphetamin-Derivat Bupropion und seit 2007 der Wirkstoff Vareniclin, ein partieller Agonist an neuronalen α4β2-nicotinergen Acetylcholinrezeptoren, in Deutschland zur Verfügung. Gegenüber Placebo sind die Abstinenzraten nach einem Jahr für die Behandlung mit diesen beiden Wirkstoffen noch größer als für die Nicotin-Ersatztherapie, sagte der Referent. Allerdings gilt es bei beiden Wirkstoffen einige Dinge zu beachten. So dürfen beide Stoffe zum Beispiel nicht bei Rauchern unter 18 Jahren eingesetzt werden. Im Falle des Bupropions ist zudem das Interaktionspotenzial groß. Das gilt vor allem bei der Kombination mit Substanzen, die die Krampfschwelle senken wie ZNS-gängige H1-Antihistaminika und Theophyllin sowie bei der gleichzeitigen Einnahme von CYP2D6- beziehungsweise CYP2B6-Inhibitoren.

 

Abschließend formulierte Schunack noch ein weiteres, tragendes Argument, um Menschen vom Rauchen abzubringen. »Nichtraucherküsse schmecken besser!«

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