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COPD

Der Verfall kommt schleichend

08.04.2008  17:22 Uhr

Pharmacon Davos 2008

COPD: Der Verfall kommt schleichend

 

Im Verlauf der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD geht Lungengewebe unwiederbringlich verloren. Der Prozess lässt sich mit einer frühzeitigen Therapie verlangsamen. Doch viele Betroffene nehmen die Warnzeichen nicht ernst.

 

Ein »ausgezeichnetes Modellprojekt der schweizerischen Apotheker« erwähnte der Lungenarzt Professor Dr. Michael Pfeifer von der Klinik Donaustauf der  Universität Regensburg in seinem Vortrag auf dem Pharmacon Davos. Die Kollegen hätten Spirometer angeschafft, damit Lungenfunktionsmessungen durchgeführt und viele Fälle der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD aufgespürt. »Womöglich wüssten die Betroffenen sonst immer noch nicht um ihre lebensbedrohliche Krankheit«, sagte Pfeifer. »Oft banalisieren sie die frühen Symptome Husten und Auswurf. Und selbst wenn die Belastungsatemnot als führendes Symptom hinzukommt, fühlen sich viele vollkommen gesund.« Deshalb lohne es sich unbedingt, Apothekenkunden mit diesen Warnzeichen den Arztbesuch zu empfehlen.

 

Weltweit leiden durchschnittlich 5 bis 10 Prozent aller Menschen an COPD. »Anders als die meisten Volkskrankheiten, nimmt sie bezüglich Morbidität und Mortalität zu«, sagte Pfeifer. So sei in den USA von 1963 bis 1998 die Zahl der Todesfälle durch COPD um 163 Prozent gestiegen. »Als wichtigster Risikofaktor gilt das Rauchen, aber auch Kohlenstaub und andere organische Verbrennungsprodukte.« Sie lösen bei den Betroffenen eine Verlegung (Obstruktion) der Atemwege und eine chronische Entzündungsreaktion aus. Letztere zerstört in ihrem Verlauf Lungengewebe, sodass dort kein Austausch von Sauerstoff gegen Kohlendioxid mehr stattfindet. An die Stelle des abgebauten Gewebes treten immer größere Lufteinschlüsse (Emphyseme). Gemäß einer Definition der »Global Initiative for chronic obstructive lung disease« (GOLD) verläuft eine COPD progredient und führt zu irreversiblen Schäden. »Das Lungengewebe der Betroffenen wird sich nie wieder normalisieren«, sagte Pfeifer. »Und auch das Fortschreiten des Zerstörungsprozesses lässt sich nicht aufhalten - aber mit der richtigen Behandlung deutlich verlangsamen.« 

 

Der GOLD-Leitlinie zufolge sollen Betroffene Rauchen und andere Risikofaktoren meiden und  Schutzimpfungen gegen Pneumokokken und Grippe bekommen. Ferner benötigen sie regelmäßige Schulungen im Umgang mit der Erkrankung und ein gezieltes Bewegungsprogramm. »Trainierende COPD-Patienten waren früher unvorstellbar«, sagte Pfeifer. »Doch heute belegen aussagekräftige Studien, dass tägliches körperliches Training Atemnot, Lungeninfektionen sowie stationäre Behandlungen vermindert und die Lebensqualität verbessert.«

 

Neben diesen allgemeinen Maßnahmen erfolgt gemäß GOLD-Leitlinie eine medikamentöse Therapie. Sie richtet sich nach dem Schweregrad der COPD, der in erster Linie spirometrisch bestimmt wird. Patienten der leichtesten Stufe benötigen nur eine inhalative Bedarfsmedikation, um bei einem akuten Anfall von Luftnot die Atemwege zu weiten. Dazu dienen kurzwirksame β2-Sympathomimetika oder Anticholinergika. Bei Schweregrad 2 kommt eine Dauertherapie mit  langwirksamen inhalativen Bronchodilatatoren hinzu. Zur Verfügung stehen derzeit die β2-Sympathomimetika Salmeterol und Formoterol sowie das Anticholinergikum Tiotropium. Pfeifer zitierte eine Studie, wonach die beiden Substanzklassen kombiniert deutlich besser wirken. Erst bei Stufe 3 (also viel später als bei Asthma) erfolgt eine Dauermedikation mit inhalativen Glucocorticoiden. »Schwer kranke Patienten der Stufe 4 benötigen zusätzlich eine Sauerstofflangzeittherapie oder Beatmung, mitunter sogar eine Lungentransplantation.«

 

Daneben gibt die GOLD-Leitlinie Anweisungen zur Behandlung akuter  Lungeninfektionen (Exazerbationen), die bei den meisten COPD-Patienten mehrfach jährlich auftreten und Atemnot und Auswurfmenge erheblich steigern. Bei Zeichen einer bakteriellen Infektion sollten Antibiotika zum Einsatz kommen (vorwiegend Penicilline, Cephalosporine; bei Nichtansprechen Fluorchinolone). Daneben können Ärzte die inhalative bronchienerweiternde Therapie intensivieren, eine Beatmung einleiten und bis zu 14 Tage lang systemische Glucocorticoide einsetzen.

 

Doch die chronische Entzündung und die Unterversorgung mit Sauerstoff können sich auch auf andere Organe auswirken. »COPD gilt neuen Studien zufolge als wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Herzinfarkt«, sagte Pfeifer. »Etwa 30 Prozent der Patienten entwickeln zusätzlich eine Herzinsuffizienz.« Auch Komplikationen bei Operationen, Osteoporose, Muskelschwäche und Depressionen träten häufig auf. »COPD gilt nicht länger als bloßes Lungenleiden«, sagte Pfeifer. »Als systemische Erkrankung erfordert sie eine umfassende, fachübergreifende Behandlung.«

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