Pharmazeutische Zeitung online
Nahrungsmittelintoleranzen

Keine Angst vor Milch und Früchten

08.02.2010
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Hohmann / Milch, Obst und Gemüse gehören zu den Grundnahrungsmitteln. Dennoch sind sie für einen Teil der Bevölkerung »unverträglich«. Doch mit einigen Tricks können sich Betroffene vollwertig ernähren, ohne auf allzu viel verzichten zu müssen.

»Lebensmittelunverträglichkeiten« ist ein sehr schwammiger Begriff, unter dem alle nachteiligen Reaktionen auf Nahrung zusammengefasst werden. Diese haben ganz unterschiedliche Ursachen und werden leicht durcheinandergeworfen. Bei der toxischen Reaktion, der klassischen Lebensmittelvergiftung, reagiert der Körper auf giftige Inhaltsstoffe im Essen, etwa in verdorbenen Speisen.

Sie verläuft bei allen Personen mehr oder weniger gleich. Auf individuellen Empfindlichkeiten hingegen beruhen die nicht-toxischen Reaktionen, zu denen die Lebensmittelallergien zählen (siehe dazu Lebensmittelallergien: Mit Vorsicht und Verstand essen, PZ 04/2010). Von diesen abzugrenzen sind die nicht-allergischen Unverträglichkeiten, die ebenfalls wieder verschiedene Ursachen haben können wie Enzymdefekte, Malabsorption oder Pseudoallergien.

 

Defekte Enzyme

 

Seltene Formen einer enzymatischen Intoleranz sind zum Beispiel die Saccharose-, Galactose- oder Fructoseintoleranz, alles vererbte Stoffwechselerkrankungen, die sich schon sehr früh beim Kind bemerkbar machen und lebensbedrohliche Symptome verursachen. Ähnlich dramatisch verläuft auch eine angeborene Lactoseintoleranz, dem vererbten Mangel des Enzyms Lactase. Wenn er nicht früh erkannt wird, kann er zu schweren Wachstumsstörungen und Gehirnschäden führen. Patienten mit diesen vererbten Stoffwechselstörungen müssen die betreffenden Substanzen ihr Leben lang strikt meiden. Die Ernährungsberatung von Betroffenen beziehungsweise deren Eltern gehört daher in die Hand von Fachkräften.

 

Deutlich häufiger und weniger dramatisch sind dagegen die sogenannten erworbenen Intoleranzen, die von der angeborenen Form zu unterscheiden sind. Zwei Drittel der Weltbevölkerung weisen zum Beispiel eine erworbene Milchzuckerunverträglichkeit auf. Die Intoleranz beruht auf einem normalen physiologischen Vorgang: Während Säuglinge das Enzym produzieren, um Milch verdauen zu können, nimmt die Enzymmenge nach dem Abstillen immer mehr ab. In Asien und Afrika ist dies der Normalfall. Hier vertragen etwa 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung keinen Milchzucker. In Deutschland hält die Lactaseproduktion aufgrund einer Mutation auch bis ins Erwachsenenalter an, weshalb die Mehrheit der Bevölkerung Milchzucker vertragen kann. Hier tritt die Intoleranz nur bei 15 Prozent auf.

 

Bei einem Lactasemangel kann das Disaccharid Lactase nicht in ausreichendem Maß in seine Bestandteile Glucose und Galactase gespalten und somit auch nicht im Dünndarm absorbiert werden. Es gelangt dann in größeren Mengen in den Dickdarm, wo es von Darmbakterien zu Milchsäure, Essigsäure und Kohlendioxid verstoffwechselt wird. Als Folge treten die typischen Symptome der Lactoseintoleranz auf: spontane Durchfälle, Blähungen, Bauchdrücken bis zu kolikartigen Bauchschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen. Zum Teil können auch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit, Schwindel oder innere Unruhe hinzukommen.

 

Bei Verdacht auf Lactoseintoleranz kann die Diagnose durch eine Eliminationsdiät getestet werden. Hierfür meidet der Betroffene etwa eine Woche lang konsequent alle lactosehaltigen Nahrungsmittel und überprüft, ob die Beschwerden nachlassen. Hinweise gibt auch der Expositionstest, bei dem nach mehrtägigem Lactoseverzicht ein Glas Wasser mit etwa 50 g gelöstem Milchzucker getrunken wird: Setzen die Symptome nach einigen Stunden ein, handelt es sich vermutlich um eine Lactoseintoleranz. Bestätigen lässt sich die Diagnose durch verschiedene, recht aufwendige medizinische Tests wie den H2-Atemtest (Zusatzinformationen finden Sie im Glossar), Blutzuckertest oder seit Neuerem einen spezifischen Gentest.

 

Kein vollständiger Verzicht

 

Wer unter Lactoseintoleranz leidet, muss ein Leben lang eine lactosearme Kost einhalten. Meist ist es nicht nötig, vollständig auf Milchzucker zu verzichten, da in der Regel gewisse Mengen des Zuckers vertragen werden. Wie groß diese Menge ist, muss jeder Betroffene individuell austesten.

 

Häufig ist es ausreichend, eine lactosearme Diät mit einer Lactosezufuhr von 8 bis 10 g täglich einzuhalten, um beschwerdefrei zu bleiben. Das ist in etwa die Hälfte der Lactosezufuhr, die bei einer vollwertigen Ernährung nach den »10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)« erreicht wird. Bei schwerer Ausprägung der Intoleranz kann es auch nötig sein, sich lactosefrei zu ernähren, das heißt weniger als 1 g Lactose täglich zu sich zu nehmen.

 

Der Zucker ist außer in Milch und deren Erzeugnissen auch in Nahrungsmitteln enthalten, denen Milch oder Lactose zugesetzt wurden (eine Liste zum Lactosegehalt von Lebensmitteln finden Sie im Glossar). Hierzu zählen Brühwürste, fettreduzierte Wurstsorten, Fertigsoßen, Suppen, zum Teil auch Brot und andere Backwaren. Hier hilft ein Blick auf die Zutatenliste, um versteckte Lactose zu erkennen. Relativ unproblematisch dagegen ist Käse. Da Lactose während des Reifungsprozesses abgebaut wird, sind fast alle Schnitt-, Hart- und Weichkäsesorten nahezu lactosefrei. Sie enthalten weniger als 1 g Milchzucker pro 100 g.

 

Eine Gefahr, die bei einer lactosearmen Diät besteht, ist, dass die Calciumzufuhr zu gering ausfällt. Betroffene sollten daher ihre Calciumzufuhr im Auge behalten und ihren Bedarf von etwa 1000 mg täglich über Schnitt- oder Hartkäse, lactosefreie Milch und Milchprodukte, calciumreiche pflanzliche Lebensmittel wie Brokkoli, Fenchel, Spinat, Grünkohl oder auch Orangen decken. Zudem trägt Mineralwasser mit einem Calciumgehalt von mehr als 150 mg Calcium pro Liter zur Versorgung bei.

Lactose in Arzneimitteln

Wichtig für Apotheker ist, dass Lactose als Hilfsstoff in Tabletten meist unproblematisch ist (siehe dazu Intoleranz: Lactose als Hilfsstoff in Arzneimitteln, PZ 18/2009). Da in der Regel eine Restaktivität der Lactase auch bei Personen mit Intoleranz vorhanden ist, werden die geringen Mengen Milchzucker in Arzneien vertragen. Eine Tablette enthält nur selten mehr als 200 mg Milchzucker, was etwa der Menge in einem Esslöffel Kuhmilch entspricht. In Einzelfällen kann es aber nötig sein, auf lactosefreie Arzneimittel auszuweichen. Wenn dies nicht möglich ist, kann der Betroffene das lactosehaltige Medikament zusammen mit Lactase-Präparaten einnehmen, die das fehlende Enzym ersetzen. Diese Präparate sind auch hilfreich, wenn Betroffene es nicht ausschließen können, dass Milchzucker im Essen vorhanden ist, etwa bei Restaurantbesuchen oder Einladungen zum Essen, oder wenn sie »sündigen« wollen.

Eine ebenfalls weitverbreitete Unverträglichkeit ist die Fructosemalabsorption, die der Lactoseintoleranz in den Punkten Symptome, Diagnostik und Therapie stark ähnelt. So zählen zu den Beschwerden Bauchschmerzen, Blähungen, breiige, zum Teil übel riechende Stühle und Durchfall. Ursache ist hier ein Defekt im Transportsystem GLUT 5, das den Einfachzucker Fructose vom Darmlumen in die Dünndarmzellen transportiert. Bei eingeschränkter Transportkapazität gelangen größere Mengen Fructose in den Dickdarm, wo sie von der Darmflora zu Wasserstoff, Kohlendioxid und kurzkettigen Fettsäuren abgebaut wird, was die beschriebenen Symptome verursacht. Da der Zuckeraustauschstoff Sorbit das gleiche Transportsystem benutzt, verschlechtert die Sorbitzufuhr die Beschwerden. Dagegen verstärkt Glucose die Aktivität des Transportes, weshalb Saccharose (Haushaltszucker), die jeweils aus einem Molekül Glucose und Fructose besteht, meist gut vertragen wird.

 

Bauchgrimmen durch Fruchtzucker

 

Wegen der Ähnlichkeit der Symptome wird eine Fructosemalabsorption häufig mit einem Reizdarmsyndrom verwechselt. Um die Diagnose einer Fruchtzuckerunverträglichkeit zu sichern, werden wie bei der Lactoseintoleranz ebenfalls eine Eliminationsdiät, ein Provokationstest und ein H2-Atemtest herangezogen. Bei einer gesicherten Diagnose müssen Betroffene auf besonders fructose- und sorbithaltige Lebensmittel verzichten. Da meist noch eine Restaktivität des Transportersystems vorhanden ist, werden geringe Mengen Fructose vertragen. Wie groß die sein dürfen, muss bei jedem Patienten individuell ermittelt werden. Hierfür ist zuerst eine Eliminationsdiät einzuhalten, bei der weitestgehend auf fructose- und sorbithaltige Nahrungsmittel verzichtet wird, bis die Beschwerden abklingen. Dann kann durch schrittweise Erhöhung der Fruchtzuckerzufuhr die persönliche Toleranzschwelle ermittelt werden. Meist werden Lebensmittel mit einem Fructosegehalt von 1 bis 5 g pro 100 g Lebensmittel vertragen. Bei manchen Betroffenen reicht es aus, auf besonders fructosehaltige Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Trauben oder Pflaumen zu verzichten. Sorbithaltige Früchte sollten als Letztes in den Speiseplan eingeführt werden. Zudem ist individuell zu überprüfen, ob andere Zuckeraustauschstoffe wie Mannit, Isomalt oder Xylit ebenfalls Probleme bereiten.

 

 

 

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung.

Die nächste Folge zum Thema »Zöliakie«

erscheint in PZ 08 und ist bereits am Montag, dem 22. Februar, online verfügbar unter »Zum Thema«.

Dort finden Sie auch eine Übersicht der bereits erschienenen Beiträge.

Fructose kommt in allen Obstarten sowie in obsthaltigen Lebensmitteln wie Fruchtjoghurt, Müsliriegel, Marmeladen, Fruchtsäften oder Wein vor. Zudem sind in Honig und in einigen Gemüsesorten wie Zwiebel, Rot- und Weißkohl, Karotten oder Artischocken größere Mengen an Fructose enthalten. Für Betroffene stehen entsprechende Listen über den Fructosegehalt von Lebensmitteln von der DGE oder anderen Institutionen zur Verfügung (siehe auch Glossar). Um nicht alle Früchte vom Speiseplan streichen zu müssen, kann man Traubenzucker auf Obst streuen oder es mit einem Milchprodukt zusammen verzehren, um es bekömmlicher zu machen. Gemüse ist in gekochter Form meist besser verträglich. Trotz Malabsorption sollten täglich fünf Portionen Obst und Gemüse zu sich genommen werden, um die Vitamin- und Mineralstoffzufuhr zu decken.

Bei der Ernährung ist auch auf den Sorbitgehalt der Nahrungsmittel zu achten (siehe dazu Glossar). Die Substanz kommt natürlicherweise in einigen Obstsorten wie Aprikose, Pfirsich, Pflaume oder Birnen vor. Es ist außerdem vielen Produkten als Zuckeraustauschstoff zugesetzt, vor allem Diabetikerprodukten, kaloriereduzierten Süßigkeiten oder Fertiggerichten. Zudem kann es auch in Zahnpasta und Arzneimitteln vorhanden sein. Um die Fructose- und Sorbitaufnahme möglichst gering zu halten, sollten bevorzugt naturbelassene, selbst hergestellte Speisen, statt Fertigprodukten gegessen werden. Gerade bei Fertigprodukten müssen Betroffene die Zutatenliste sorgfältig durchlesen und auf die verschiedenen Bezeichnungen achten, hinter denen sich Fructose und Sorbit verstecken können (siehe Kasten).

Zutatenliste lesen

Fructose kann sich hinter folgenden Bezeichnungen verbergen: Fruchtzucker, Inulin, Fructoligosaccharid, Zuckeraustauschstoff, Maisstärkesirup. Zuckeraustauschstoffe sind unter folgenden Begriffen zu finden: Sorbit (E 420), Mannit (E 421), Isomalt (E 953), Maltit (E 965), Laktit (E 966), Xylit (E 967) und Zuckeralkohol.

Ein Problem, das bei einer Fructosemalabsorption auftreten kann, ist eine Unterversorgung mit Vitamin C, Folsäure oder Zink. Die Vitamin-C-Aufnahme kann man sichern, indem man fünf Portionen Obst und Gemüse, je nach persönlicher Verträglichkeit, pro Tag verzehrt. Gute Vitamin-C-Quellen mit relativ geringem Fructosegehalt sind zum Beispiel Mandarinen, Erdbeeren, Brokkoli, Fenchel, Kartoffeln und Grünkohl. Folsäure steckt zum Beispiel in Leber, Vollkornprodukten, Weizenkeimen, Spinat, Rosenkohl und Grünkohl. Da Vollkornprodukte und Kartoffeln nicht nur Vitamine, sondern auch Zink liefern, sollten sie häufig auf dem Speiseplan stehen. Gute Zinklieferanten sind außerdem Fleisch, Leber, Sojabohnen, Nüsse und Milchprodukte. Trotz der Malabsorption sollten Betroffene versuchen, sich möglichst vollwertig nach den 10 Regeln der DGE zu ernähren. Ein gewisser Fructosekonsum ist dabei zulässig. /

Literatur

DGE-Infothek: Essen und Trinken bei Lactose­intolernaz (2008).

DGE-Infothek: Essen und Trinken bei Fructosemalabsorption (2008).

Biesalski, H.-K., Ernährungsmedizin, Georg Thieme Verlag (2004).

Fritzsche, D., Nahrungsmittel-Intoleranzen, Gräfe und Unzer Verlag (2009).

 

Mehr von Avoxa