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Therapietreue

Die Pillendose im Zahn

09.02.2010  15:37 Uhr

Von Martina Janning, Berlin / Technische Geräte können Patienten dabei unterstützen, ihre Medikamente einzunehmen. Die aktuellen Entwicklungen reichen von elektronischen Erinnerungssystemen per Telefon bis zu neuartigen Darreichungsformen – zum Beispiel als Zahnprothese.

Gerade ältere Menschen vergessen oft, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen. Technische Hilfsmittel können das verhindern und so die Compliance verbessern. Beim dritten Ambient-Assisted-Living-Kongress in Berlin stellten Forscher verschiedene Verfahren vor. Ambient Assisted Living (AAL) beschäftigt sich mit Assistenzsystemen.

Ein einfaches Modell, um die Therapietreue von Patienten zu stärken, basiert auf einem Mobiltelefon. Sobald der Nutzer das Handy aufklappt, ist das Telefon aktiv. Dann meldet er sich mit einer Identifikationskarte beim Erinnerungssystem an, indem er eine kleine Karte berührt. Dort ist hinterlegt, wann der Patient seine Arzneien einnehmen muss.

 

Zur Erinnerung kräht ein Hahn

 

Bestätigt der Nutzer zu den definierten Zeitpunkten die Einnahme seiner Medikamente nicht, erinnert ihn das System durch einen Signalton und eine SMS an sein Versäumnis. Das funktioniert ganz gut, hat eine kleine Studie des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien ergeben, die Mario Drobics in Berlin vorstellte.

 

Von den 14 Nutzern im Alter von 55 bis 86 Jahren kamen zwei Drittel mit dem Erinnerungssystem sehr gut klar. Besonderen Gefallen fanden die Patienten Drobics zufolge an dem Signalton, der einem krähenden Hahn glich. Ihr Hauptkritikpunkt war, dass die erinnernde SMS nur einmal gesendet wurde. AIT-Mitarbeiter Drobics räumte ein, dass noch einige technische Aspekte zu lösen sei, bis das System für jeden Menschen einfach zu bedienen ist.

 

Andere Verfahren gehen übers Erinnern weit hinaus und verabreichen dem Patienten Medikamente selbstständig. Solche mikrotechnischen Systeme stießen bei Arzneimittelherstellern auf großes Interesse, berichtete Stephan Messner vom Institut für Mikro- und Informationstechnik der Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung in Villingen-Schwenningen und sprach von einem regelrechten Trend in der Pharmaindustrie. Denn neue Darreichungsformen seien eine Möglichkeit, auslaufende Patente für Arzneimittel zu verlängern.

 

Zudem entstünden bei den neuen biotechnologischen Arzneimitteln oft Probleme, wenn der Körper sie über den Magen-Darm-Trakt aufnimmt, wie dies bei klassischen Medikamenten meist der Fall ist. Das lässt sich umgehen, indem die Wirkstoffe über die Schleimhaut im Mund in den Organismus gelangen.

 

Dies ist das Prinzip von »IntelliDrug« und »BuccalDose«, die Messner in Berlin vorstellte. Bei IntelliDrug handelt es sich um eine Zahnprothese, die mit einem Arzneiwirkstoff gefüllt ist. Sie gibt eine vorher per Fernbedienung eingestellte Dosis automatisch ab. Die Prothese ist so klein, dass sie in zwei künstliche Backenzähne passt. Im Idealfall müssen keine Zähne gezogen werden, die meisten Menschen haben im Bereich der Weisheitszähne genug Platz für die Prothese.

 

So funktioniert es

 

IntelliDrug besteht aus einer Kammer für das Medikament, einem Ventil, zwei Sensoren und elektronischen Komponenten. Batterien sorgen für Energie. Und so funktioniert es: Über eine Membran gelangt Speichel in die Kammer, löst einen Teil des festen Arzneimittels auf und baut einen osmotischen Druck auf, der die Medikamentenlösung aus dem Reservoir befördert.

 

Im Mund nehmen die Schleimhäute der Wangen das Medikament auf. Zwei Sensoren überwachen, wie viel Wirkstoff in den Körper gelangt: Je nach Messergebnis öffnet oder schließt die Elektronik ein Ventil und steuert so die Dosierung. Ist der Wirkstoff aufgebraucht, sendet die Elek­tronik ein Signal an die Fernbedienung, und der Patient weiß, dass es Zeit fürs Nachfüllen ist.

 

Das geht einfach, da das Wirkstoffdepot wie eine Schublade in den künstlichen Zahn geschoben wird. Der Arzt verklebt die Prothese, damit sie nicht wackelt oder he­rausfällt.

 

Eine Studie zeigte, das IntelliDrug die Bioverfügbarkeit des verabreichten Medikaments bis zum 25-Fachen erhöht. »Der Weg durch die Schleimhaut ist effektiver als über den Magen-Darm-Trakt«, sagte Messner. Das Verfahren soll chronisch Kranken wie Alzheimerpatienten, aber auch Drogenabhängigen das regelmäßige Einnehmen ihrer Medikamente erleichtern. Während IntelliDrug immer wieder verwendet werden kann, ist BuccalDose ein Einmalartikel. Diese Zahnprothese gibt rund 24 Stunden lang das enthaltene Arzneimittel ab.

 

Über den Weg der Haut arbeitet das Verfahren ChronoPaDD. Das Einwegpflaster wird vorm Schlafengehen aufgeklebt. Dabei verletzen winzige Mikronadeln die Haut und ermöglichen dem Wirkstoff, in den Körper einzudringen. Das geschieht während der Nacht und zeitverzögert. ChronopaDD soll zum Beispiel Rheumapatienten helfen, Morgensteifheit zu überwinden, berichtete Messner. Die Idee: Abends klebt der Patient das Wirkstoffpflaster auf, und morgens kann er ohne Beschwerden aufstehen. /

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