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Analgetikapackungen

Bayer sieht keinen Anlass für Begrenzung

08.02.2010  15:15 Uhr

Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Dass von gängigen apothekenpflichtigen Analgetika in ein paar Monaten nur noch die kleinste Packung ohne Rezept über den HV-Tisch gehen soll, will die Bayer AG nicht so einfach hinnehmen.

»Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine Begrenzung. Doch wir haben etwas gegen die Stigmatisierung einer ganzen Arzneimittelklasse«, sagte Privatdozentin Dr. Marianne Petersen-Braun, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung für das OTC-Sortiment des Konzerns, vor Journalisten. Die vom Sachverständigenrat für Verschreibungspflicht befürwortete Packungsbegrenzung für rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel schaffe ungerechtfertigtes Misstrauen bei Patienten, die eigentlich verantwortungsbewusst mit der Arzneimitteleinnahme umgehen.

Die gelebte Praxis und die zum Teil seit Jahrzehnten praktizierte Abgabe von Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Co. ohne Rezept gebe dem Pharmakonzern Recht. »Für Acetylsalicylsäure gibt es keinen einzigen Hinweis auf Missbrauch.« Verschiedene apothekenbasierte Anwendungsbeobachtungen stellen dem Verantwortungsbewusstsein der Anwender immer wieder ein gutes Zeugnis aus; danach sind die Patienten in der Lage, ihre rezeptfreien Analgetika therapiegerecht und bedarfsorientiert einzusetzen. So wurde etwa die für Acetylsalicylsäure geltende maximale Tagesdosierung von 3 g einer Metaanalyse* von über 9000 Anwendern immer unterschritten und die maximale Behandlungsdauer von vier Tagen zuverlässig eingehalten. Für Petersen-Braun ist deshalb klar: »Für die vorgesehene Packungsbegrenzung gibt es keinen Anlass. Der deutsche Patient ist im Umgang mit Arzneimitteln extrem zurückhaltend.«

 

Mitte Januar hatte sich der Sachverständigenrat für Verschreibungspflicht dafür ausgesprochen, dem Bundesgesundheitsministerium eine Packungsgrößenbegrenzung für folgende OTC-Analgetika vorzuschlagen: Dann soll es Acetylsalicylsäure-haltige Präparate ohne ärztliche Verordnung nur noch in einer Packungsgröße bis zu maximal 10 g Wirkstoff geben. Für 50er- und 100-er-Packungen müsste dann ein Rezept vorliegen. Von Ibuprofen-haltigen Arzneimitteln dürften laut Empfehlung nur noch die maximal 8-g-Packungen in der Sichtwahl liegen. Für die 50er-Packungen der 200-mg- und 400-mg-Dosierungen müsste dann ein Rezept vorgelegt werden. Diclofenac-haltige Schmerzmittel dürfen dann maximal 500 mg Arzneistoff enthalten. Apothekenpflichtige Phenazon- und Propyphenazon-haltige Packungen sollen wie Acetylsalicylsäure-haltige Medikamente auf 10 g Wirkstoff begrenzt werden.

 

Hintergrund dieser Empfehlung ist die Packungsgrößenbeschränkung von Paracetamol auf 10 g im letzten Jahr. Mit der neuen Empfehlung würden alle bislang rezeptfrei erhältlichen Analgetika gleich behandelt werden. »Wenn alles so bleiben würde, wie es ist, könnte der Eindruck erweckt werden, dass ein Arzneimittel sicherer ist als ein anderes«, versuchte Dr. Bernd Eberwein vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller und Mitglied des Ausschusses für Verschreibungspflicht, die Beweggründe für den Vorschlag zu erklären.

 

Therapiedauer als Kriterium

 

Wenn schon eine Begrenzung angestrebt wird, dann soll nach den Vorstellungen von Bayer die Therapiedauer als Kriterium der Vereinheitlichung herangezogen werden. Anstatt die Packungen gängiger Analgetika auf 20 Stück ohne Rezept zu begrenzen, sei es sinnvoller, deren Packungsgröße auf 10 Tagesdosen festzusetzen. Dann wären beispielsweise bei einer maximalen Tagesdosis von 3 g Acetylsalicylsäure 60 500-mg-Tabletten pro Packung ohne Rezept erhältlich. Diese 10-Tagesdosen-Regelung gelte zum Beispiel auch für den Wirkstoff Naproxen.

 

»Wir wollen Packungsgrößen, die bedarfsgerecht sind. Aus verschiedenen Umfragen ist bekannt, dass Patienten ihr Analgetikum für verschiedene Indikationen einsetzen. Deshalb wollen wir, dass sich die Patienten bis zu einem gewissen Grad im richtigen Maß selbst damit versorgen können. Arzneimittelsicherheit ist eine Frage der Apothekenpflicht und nicht der Packungsgröße«, ist Petersen-Braun überzeugt. Die Beratungsleistung der Apothekenmitarbeiter zahle sich hier aus. Dem Sachverständigenrat für Verschreibungspflicht lagen diese Überlegungen vor. Ein Antrag in diese Richtung fand allerdings keine Mehrheit.

 

Ob die neuen Empfehlungen die Kriterien für eine Rezeptpflicht überhaupt erfüllen, wagt Bayer zu bezweifeln. Denn nach dem Arzneimittelgesetz gibt es drei verschiedene Kategorien, die eine Verschreibungspflicht bedingen: So sind alle neuen Arzneimittel nur gegen ärztliche Verordnung zu bekommen. Und auch wenn die Anwendung eines Arzneimittels mit besonderen Risiken verbunden ist oder ein gewisses Missbrauchpotenzial damit verbunden ist, muss ein Rezept vorliegen. »Das Kriterium der Gleichstellung ist nicht darunter«, gab auch Eberwein zu bedenken. Die endgültige Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums wird vermutlich im Juni fallen. Bis dahin will Bayer die Zeit nutzen, auf diese Ungereimtheiten aufmerksam zu machen.

 

Skepsis bei Verbrauchern

 

Nicht nur die Industrie, auch ein Großteil der Verbraucher scheint noch Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Begrenzung der Packungsgrößen zu haben. Darauf lässt zumindest eine von Bayer beauftragte Umfrage schließen. Das Marktforschungsunternehmen GfK Health Care befragte in der zweiten Januarhälfte rund 1000 Verbraucher sowie 150 Apotheker und 100 PTA. Danach lehnen 55 Prozent der Verbraucher eine Beschränkung der Packungsgrößen ab, 35 Prozent halten sie für sinnvoll. Laut Umfrage bevorzugen sechs von zehn Patienten beim Kauf von Schmerzmitteln eine Beratung. Drei Viertel von ihnen will Informationen zu Nebenwirkungen und zur Dosierung, 67 Prozent zur Anwendungsdauer und 57 Prozent zu Wechselwirkungen und Kontraindikationen.

 

In der Apothekerschaft fiel das Ergebnis ähnlich aus: 68 Prozent der Apotheker und 61 Prozent der PTA halten die Begrenzung für nicht sinnvoll. 29 beziehungsweise 34 Prozent befürworten den Vorschlag des BfArM. /

 

*) Gessner, U., Petersen-Braun, M.: Metaanalyse: Aspirin bewährt sich unter Alltagsbedingungen, Pharm Ztg. 27 (2008) 68-72.

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