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Pharmazie der kurzen Wege

28.01.2014
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Von Verena Arzbach, Mainz / An der Johannes-Gutenberg- Universität (JGU) in Mainz studieren angehende Pharmazeuten in familiärer Atmosphäre, die Ausbildung ist gleichzeitig modern und besonders praxisnah. Die pharmazeutische Forschung in Mainz profitiert vor allem von der Vernetzung und engen Kooperation mit anderen Fachrichtungen.

Etwa 550 Studenten sind in Mainz im Studiengang Pharmazie eingeschrieben. Pro Semester nehmen zwischen 40 und 50 ein Pharmaziestudium auf, die Semester sind also relativ klein. Das sehen die Studentinnen Verena Simon, Maike Nehler und Lena Diede überwiegend positiv. »Im Semester herrscht ein guter Zusammenhalt. Das ganze Institut ist überschaubar, der Kontakt zwischen Professoren und Studenten ist ausgesprochen gut, der Umgang sehr familiär«, sagt Diede. Auch Juniorprofessor Dr. Peter Wich, der seit April 2012 im Bereich Medizinische/Pharmazeutische Chemie forscht, lobt eine Atmosphäre der »kurzen Wege und offenen Türen«.

 

Kurz sind die Wege im Mainzer Institut auf jeden Fall, denn die gesamten Fachrichtungen der Pharmazie sind in einem einzigen Gebäude untergebracht. Und nicht nur das: Vor vier Jahren hat sich das ehemalige pharmazeutische Institut mit dem Institut für Biochemie zusammengeschlossen. Aus beiden wurde das gemeinsame Institut für Pharmazie und Biochemie – Therapeutische Lebenswissenschaften. Man wollte mit dem Zusammenschluss eine Brücke bauen zwischen chemischen Fächern und der Medizin, erklärt Professor Dr. Bernd Epe, Leiter der Abteilung Pharmakologie und Toxikologie. Denn die Pharmazieprofessoren an der JGU legen großen Wert auf Interdisziplinarität: Nicht nur die pharmazeutischen Ausbildungsinhalte sollen bestmöglich miteinander vernetzt werden, auch in der Forschung liegt der Fokus auf Kooperationen mit anderen Instituten.

 

Es mag sein, dass die Lage der Universität die gute Vernetzung der verschiedenen Institute begünstigt, denn als einzige deutsche Universität ihrer Größe vereinigt die JGU nahezu alle Einrichtungen auf einem Campus nahe der Innenstadt. Auch die Fachhochschule sowie Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute für Chemie und Polymerforschung, das Helmholtz-Institut und das Institut für Molekulare Biologie sind hier zu finden.

 

Starker Praxisbezug

 

Eine Brücke zur Praxis schlägt die Universität Mainz in besonderem Maße im Fach Klinische Pharmazie. Dessen Leiterin Professor Dr. Irene Krämer ist zugleich Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin in Mainz – ein Modell, das zwar in anderen europäischen Ländern etabliert ist, an deutschen Universitäten jedoch noch in den Kinderschuhen steckt. »Als Teacher Practitioner kann ich meine Erfahrung aus der Arbeit in der Krankenhausapotheke direkt in der Lehre einbringen und den Studenten aktuelle und wirklich relevante Themen nahebringen«, lobt Krämer das Konzept. In der seit dem Wintersemester 2010/2011 eigens am Institut eingerichteten Trainingsapotheke mit Computern, aktueller Apothekensoftware und modernen Datenbanken bekommen die Studenten Einblick in die Arbeit einer öffentlichen Apotheke. Sie trainieren Patienten­gespräche zur ärztlichen Verordnung und zur Selbstmedikation und erarbeiten in Gruppen die Pharmazeutische Betreuung ausgewählter Patientengruppen. Auch die Betreuung je eines internistischen und chirurgischen Patienten in der Klinik ist Teil der Ausbildung in Klinischer Pharmazie.

 

Im Rahmen des sogenannten virtuellen Praktikums erarbeiten die Studenten in kleinen Gruppen außerdem eine Projektarbeit zu ausgewählten Themen, beispielsweise zur Pharmazeutischen Betreuung eines Marcumar®-Patienten oder zum Thema Sondenernährung. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit halten die Studenten unter anderem per Videokamera fest, beispielsweise als nachgestellte Beratungssituation in der Trainingsapotheke. »Die für die Studenten neue Beratungssituation und den Kontakt mit dem Patienten schon im Stu­dium intensiv zu üben, ist eine tolle Sache. Die Studenten lernen dabei sehr viel«, sagt Krämer. Auch weitere beratungsintensive, praxisrelevante Themen stehen auf dem Programm: In Seminaren testen die Studenten zum Beispiel selbst verschiedene Inhalatoren, Peak-Flow-Meter und Insulinpens. Das Konzept kommt auch bei den angehenden Pharmazeuten gut an. Sie fühlen sich durch die Lehre in der Klinischen Pharmazie gut auf die Praxis vorbereitet: »Das Praktikum und die Seminare der Klinischen Pharmazie sind sicher eines der Highlights im Studium. Die Geräte selbst auszuprobieren und die Beratung in der Apotheke zu üben, das bringt wirklich viel«, sagt Studentin Simon.

Steckbrief:

Universität Mainz

Die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige Volluniversität des Landes Rheinland-Pfalz und zählt mit rund 36 500 Studierenden zu den zehn größten deutschen Universitäten. Sie wurde im Jahr 1477 gegründet, kurz nach dem Tod ihres Namensgebers, des Erfinders des Buchdrucks. 1946 wurde die Universität nach 150-jähriger Pause von der damaligen französischen Besatzungsmacht neu eröffnet. Rund 4150 Wissenschaftler, darunter 540 Professoren, lehren und forschen in mehr als 150 Instituten und Kliniken. Die Fächer der Pharmazie sind alle in einem Gebäude untergebracht, dem Institut für Pharmazie und Biochemie – Therapeutische Lebenswissenschaften. Zum Wintersemester 2012/2013 waren rund 550 Studenten im Fach Pharmazie eingeschrieben.

Moderne Methoden

 

»Den Studenten eine moderne Ausbildung bieten«, das will auch Professor Dr. Thomas Efferth, der die Abteilung Pharmazeutische Biologie leitet. Seine Vorlesung zum Thema Krebsbiologie und Krebspharmakologie für Studenten der Pharmazie, Medizin und anderer Fachrichtungen greift daher das Konzept des E-Learnings auf. Das bedeutet, dass die gesamte Vorlesung als Video im Netz abrufbar ist. Am Ende der Vorlesungsreihe können die Studenten zum Erwerb des Scheins ebenfalls online eine Klausur bearbeiten. Das Konzept erfreut sich bei den Studenten großer Beliebtheit, bislang besuchen pro Semester etwa 350 Studenten die Vorlesung. Daher sollen demnächst Vorlesungen zu den Themen »Molekularbiologie biogener Arzneistoffe« sowie »Molekulare Medizin« das elektronische Angebot erweitern. Auch im Fach Pharmazeutische Chemie setzen die Mainzer Professoren auf moderne Lehrmethoden: Hier bietet Juniorprofessorin Dr. Ruth Brenk eine Vorlesung und einen Kurs in computergestützten Methoden des Wirkstoffdesigns an.

 

Der Pharmazeutische Biologe Efferth hat auch ein PhD-Programm entwickelt, an dem mittlerweile ein Großteil der Doktoranden der Pharmazie teilnimmt. Das Programm beinhaltet den Besuch wissenschaftlicher Vorträge externer Dozenten sowie fachfremde Seminare, beispielsweise zu Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre oder zum Anfertigen wissenschaftlicher Paper oder Poster. Für die Teilnahme an einzelnen Veranstaltungen erhalten die Teilnehmer Credit Points, ab einer bestimmten Punktzahl folgt ein Zertifikat – ein echter Bewerbervorteil, findet Efferth. Außerdem sind einige Pharmazie-Doktoranden am internationalen PhD-Programm des Instituts für Molekulare Biologie (IMB) zum Thema »Dynamics of Gene Regulation, Epigenetics and DNA Damage Response« beteiligt.

 

Masterstudiengang Biomedizinische Chemie


Deutschlandweit einzigartig bietet die Universität Mainz den Bachelorstudiengang sowie den im November 2013 neu eingerichteten Masterstudiengang Biomedizinische Chemie an. Der Studiengang hat einen großen Pharmazie-Anteil, Pharmazeutische und Medizinische Chemie werden als Pflichtfächer gelehrt. 

Daneben bietet das pharmazeutische Institut den Studenten Radiopharmazeutische Chemie, Pharmakologie und Toxikologie oder Pharmazeutische Biologie als Wahlpflichtfächer an. Das Studium hat jedoch einen eindeutig chemischen Schwerpunkt, es steht nicht in Konkurrenz zum Staatsexamensstudiengang.

 

»Die Biomedizinische Chemie ist eine Bereicherung für das pharmazeutische Institut«, betont Juniorprofessor Wich. »Wir sind gerade im Bereich der Chemie in Mainz sehr flexibel und breit aufgestellt.« Die Inhalte des Studiums sollen vor allem Verständnis schaffen für chemische Abläufe in Zellen und im Körper, unter anderem bei der Entstehung von Krankheiten. Die Ergebnisse chemischer Forschung sollen dabei praxisrelevant vermittelt werden. Die Absolventen des Studiengangs sollen später vorwiegend im Bereich der Arzneistoffforschung und -entwicklung arbeiten.

 

Zum Ende jedes Semesters verabschiedet das Mainzer Institut nach dem zweiten Staatsexamen 30 bis 40 Absolventen. Stolz sind die Mainzer Pharmazeuten besonders auf die großen Examensfeiern, die am Ende jedes Semesters stattfinden. Neben einer offiziellen Zeugnisübergabe und der Auszeichnung der besten Studenten stehen externe Gastvorträge auf dem Programm, auch der Präsident der rheinland-pfälzischen Landesapothekerkammer spricht ein Grußwort. Die Feiern seien besonders bei den Studenten sehr beliebt, erzählt Efferth. Der Bezug zum Mainzer Institut bleibe bei vielen Absolventen auch nach dem Staatsexamen lange erhalten, das zeigten zahlreiche erfolgreiche Alumni-Veranstaltungen. Aber nicht nur der gute Kontakt zu Studenten und Ehemaligen liegt den Professoren am Herzen. 

In Mainz lege man auch großen Wert auf die Nachwuchsförderung, berichtet der Pharmazeutische Technologe Professor Dr. Peter Langguth. Im Rahmen der Ferien-Aka­demie bietet das Institut beispielsweise einwöchige Schnupperkurse für Gymnasiasten an. Die Herstellung von Rezep­turen im Labor oder Führungen im botanischen Garten der Universität sollen Schülern die Pharmazie näherbringen und sie für das Studienfach begeistern. »Um einem Nachwuchsproblem zu entgehen, wollen wir möglichst früh mit der Förderung anfangen«, sagt Langguth. Ein einwöchiges Schnupperstu­dium vermittle den Schülern anschaulich, was auf sie später im Studium zukommt. /

Pharmazeutische Forschung in Mainz

Die Themen der wissenschaftlichen Forschung der Mainzer Pharmazie sind vielfältig. Zu den Arbeitsschwerpunkten der pharmazeutisch-chemischen Arbeitsgruppen zählen Nanomaterialien zur therapeutischen Anwendung (Juniorprofessor Dr. Peter Wich), strukturbasiertes Wirkstoffdesign (Juniorprofessor Dr. Ruth Brenk), Protease-Inhibitoren und antiinfektive Wirkstoffe (Professor Dr. Tanja Schirmeister) sowie therapeutische Nukleinsäuren und RNA-Modifikationen (Professor Dr. Mark Helm). Die Abteilung Pharmakologie und Toxikologie unter der Leitung von Professor Dr. Bernd Epe hat einen toxikologischen Forschungsschwerpunkt: Der Arbeitskreis beschäftigt sich vor allem mit oxidativen DNA-Schädigungen und ihrer Rolle bei der Entstehung von Krebs und anderen Krankheiten. Die Arbeitsgruppen der Pharmazeutischen Biologie legen ihren Fokus auf die Aufklärung von Wirkmechanismen neuer Naturstoffe, mit denen Resistenzmechanismen von Tumoren überwunden werden können. Weitere Schwerpunkte sind die Pharmakogenomik und die Wirkmechanismen von Naturstoffen der traditionellen Medizin (Professor Dr. Thomas Efferth). Die Pharmazeutische Technologie hat ihren Forschungsschwerpunkt bei neuen Trägersystemen und dem Transport von Arznei­stoffen durch Membranen (Professor Dr. Peter Langguth). Professor Dr. Irene Krämer, Leiterin des Fachbereichs Klinische Pharmazie und Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin, beschäftigt sich mit Untersuchungen zur Compliance und zum Einfluss Pharmazeutischer Betreuung auf Therapie­ergebnisse.

 

Die Vernetzung spielt bei der Mainzer Forschung eine große Rolle. So sind die Pharmazie-Professoren mit ihren Arbeitsgruppen Teil einiger Forschungskooperationen, beispielsweise des im Oktober 2013 neu eingerichteten Sonderforschungsbereichs »Nanodimensionale polymere Therapeutika für die Tumortherapie« (SFB 1066) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner der JGU arbeiten in diesem Rahmen gemeinsam mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung an einer neuen nanopartikelbasierten Tumortherapie. Die DFG wird im Jahr 2014 außerdem ein Graduiertenkolleg zum Thema »Life Science, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung« einrichten. Das interdisziplinäre Kolleg mit Beteiligung der Pharmazeutischen Biologie soll sich mit der Frage beschäftigen, wie neue Möglichkeiten der Biomedizin, beispielsweise technologisch assistierte Reproduktion oder intensiv­medizinisch begleitetes Sterben, zu Grenzerfahrungen des menschlichen Lebens führen können.

 

Eine entscheidende Rolle hat die Mainzer Pharmazie auch beim Forschungsschwerpunkt Arzneistoff-Membrantransport und -Targeting (SAMT). Ziel ist die Entwicklung und Optimierung neuer Wirkstoff-Transportstoff-Komplexe. Neben den Pharmazeuten arbeiten Mediziner, Biologen und Biochemiker sowie Chemiker der JGU und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung gemeinsam an SAMT. Die Wissenschaftler entwickeln neue Materialien und prüfen deren Eignung als Trägerstoffe (mehr unter www.samt.uni-mainz.de).

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