Pharmazeutische Zeitung online
Lebensmittelsicherheit

Mediale und andere Krisen

31.01.2012
Datenschutz bei der PZ

Von Annette Mende, Berlin / Dioxin in Eiern, EHEC-Erreger auf Salatsprossen, multiresistente Keime in Fleischproben: Die Sicherheit unserer Lebensmittel hat in jüngster Zeit immer wieder für medialen Wirbel gesorgt. Nicht alle diese Skandale waren auch aus wissenschaftlicher Sicht echte Krisen.

Wer heute im Supermarkt ein Hähnchenfilet kauft, kann sich sehr sicher sein, dass er mit dem Verzehr desselben nicht seine Gesundheit gefährdet. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Sicherheit leistet in Deutschland seit zehn Jahren das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Anlässlich dieses Jubiläums sprachen in Berlin Experten des BfR über Lebensmittelskandale der Vergangenheit und Krisen, mit denen wir möglicherweise in Zukunft rechnen müssen.

 

Risiken frühzeitig erkennen

 

»Lebensmittel in Deutschland sind sicher. Dennoch müssen wir stets auf mögliche Zwischenfälle vorbereitet sein«, sagte Professor Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR. Aufgabe des von ihm geführten Instituts ist es unter anderem, mögliche Risiken in Lebens- und Futtermitteln frühzeitig zu erkennen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Die Frage, was ein gesundheitliches Risiko ist, werde dabei von Verbrauchern und Wissenschaftlern häufig unterschiedlich beantwortet.

Wie sehr hier die Meinungen auseinandergehen können, hat gerade erst eine Umfrage des BfR gezeigt. Darin wurde deutlich, dass sich die Verbraucher in Deutschland weiterhin vor Dioxinen in Lebensmitteln mehr fürchten als vor EHEC-Keimen. »Und das, obwohl die Überschreitungen der Dioxin-Höchstmengen in Eiern, Geflügel und Schweinefleisch aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt keine gesundheitliche Gefährdung darstellten. Dagegen hatte die EHEC-Krise mehr als 50 Todesfälle zur Folge und war der größte Lebensmittel-bedingte bakterielle Ausbruch, den es seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gegeben hat«, sagte Hensel.

 

Im Verlauf jeder Krise gebe es eine Interaktion zwischen Presse und Öffentlichkeit auf der einen Seite sowie wissenschaftlichen Institutionen wie dem BfR auf der anderen Seite. Da könne ein Ereignis, je nachdem wie es dargestellt werde, eben auch zur Krise gemacht werden – manchmal auch zur medialen Krise.

 

Das zeigt sich gerade in der aktuellen Diskussion um multiresistente Keime in Hähnchenfleisch, die nach einer Stichprobe des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Gang gekommen ist. Hensel: »Der Fund von derartigen resistenten Keimen auf Hähnchenfleisch ist keine neue Erkenntnis.« Das Nationale Referenzlabor für Antibio­tikaresistenz am BfR untersucht regelmäßig Stichproben aus Nutztier­beständen und daraus gewonnenen Lebensmitteln. Das BfR hat infolgedessen bereits mehrfach auf das Vorkommen von resistenten Keimen in Fleisch hingewiesen und empfohlen, den Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion kritisch zu hinterfragen (lesen Sie dazu auch Antibiotika: Wunderwaffen werden stumpf, PZ 47/2011).

 

Sichere Lebensmittel sind das Ergebnis einer Vielzahl von Untersuchungen und Kontrollen entlang der Nahrungsmittelkette vom Erzeuger bis zum fertigen Produkt. Um neue oder bestehende Gefahren zu entdecken, müssen die Analysenmethoden dabei fortlaufend weiterentwickelt werden. Darauf wies Professor Dr. Reiner Wittkowski hin, Vizepräsident des BfR.

 

Neue Kontrollmethoden

 

Die Globalisierung des Handels stelle dabei ganz neue Herausforderungen an die Kontrolle. »Wir haben durch die Globalisierung heute wieder Probleme, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in Deutschland und Europa eigentlich schon gelöst waren«, sagte Wittkowski. Als Beispiele nannte er Lebensmittel-Verunreinigungen mit Schwermetallen oder polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen.

 

Diese »neuen alten« Verunreinigungen könne man nicht mittels häufigerer Kontrollen entdecken. Denn »mit jeder Analytik finden Sie immer nur das, was Sie suchen«, erklärte Wittkowski. So sei etwa der Nachweis von Melamin, das vor einigen Jahren chinesischem Milchpulver zugesetzt wurde, um einen höheren Eiweißgehalt vorzutäuschen, mit entsprechenden Analysemethoden ganz einfach gewesen. »Es hat nur niemand danach gesucht«, sagte Wittkowski.

 

Erforderlich seien daher neue Methoden, mit denen eine sehr hohe Zahl an Proben analysiert und auf verdächtige Inhaltsstoffe untersucht werden könne. »Solche sogenannten nicht zielgerichteten Analyseverfahren werden zurzeit in Europa entwickelt«, so Wittkowski. Auf diese Weise ließen sich gezielt Proben identifizieren, bei denen sich eine weitergehende Analytik lohnt. / 

Kommentar: An die eigene Nase packen

 

Mit schöner Regelmäßigkeit rücken Lebensmittel-Skandale ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit, das die meisten Menschen allzu gerne ausblenden. Denn wer denkt schon gerne darüber nach, was für ein Leben wohl das Mastschwein hatte, das letztlich als Schnitzel auf unserem Teller endete? Bei der Schilderung der Zustände in der modernen Massentierhaltung kann man sich so richtig schön ekeln – und danach wieder zur Tagesordnung über­gehen, als sei nichts geschehen. Dabei sollte sich jeder, der beim Discounter Wurst zu Spottpreisen kauft, darüber im Klaren sein, dass er damit ein artgerechtes Leben vieler Nutztiere verhindert. Billiges Fleisch lässt sich nur produzieren, wenn die Tiere in Massen gehalten werden, Mast mit Hochleistungsfutter und Antibiotika inklusive. Wer das nicht möchte, sollte beim Einkauf eben nicht nur auf den Preis schauen und öfters mal ganz auf Fleisch verzichten.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

Mehr von Avoxa