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Arzneimittelpreise

Kassen fordern mehr Transparenz

27.01.2016  09:23 Uhr

Von Ev Tebroke, Berlin / Mit Blick auf die stark gestiegenen Ausgaben für Medikamente fordern die Kassen mehr Transparenz im Arzneimittelmarkt. Mit der anstehenden Novelle des Arzneimittelgesetzes (AMG) hoffen sie auf Nachbesserungen bei der Preisregulierung. Die Pharmaindustrie sieht sich hingegen bereits zur Genüge reglementiert.

Um den oft hohen Einstiegspreis für ein neues Medikament am Markt zu rechtfertigen, sollen die Pharmaunternehmen ihre Forschungskosten offenlegen. Das forderte der Verband der Ersatzkassen (vdek) vergangene Woche in Berlin.

Die Kassen wüssten zurzeit nicht, auf welcher Basis die Pharmahersteller ihre Preise überhaupt kalkulieren. Wenn ein Pharmaunternehmen die kostenintensive Forschung als Argument für die teuren Preise im ersten Jahr der Markteinführung anführe, »dann will ich auch einen Nachweis dafür, dass für dieses Medikament hohe Forschungskosten entstanden sind«, betonte die Vorstandsvorsitzende des vdek, Ulrike Elsner.

 

Nach Angaben des Verbands sind die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Arzneimittel im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr um knapp 10 Prozent auf 33,4 Milliarden Euro gestiegen. 17 Prozent ihrer Gesamtausgaben musste die GKV demnach 2014 für Arzneimittel aufwenden. Dies entspreche in etwa den Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung, hieß es. Besonders kostenintensiv sind nach Angaben der Ersatzkassen dabei die patentgeschützten Arzneimittel wie etwa das vielzitierte Sovaldi® (Sofosbuvir). Für eine Monatspackung des Medikaments, das als Durchbruch in der Behandlung der chronischen Hepatitis-C gilt, hatte der US-Hersteller Gilead hierzulande im ersten Jahr nach Markteinführung 20 000 Euro verlangt. Grundsätzlich verursachten Medikamente mit Patentschutz 44  Prozent der gesamten Arzneimittelkosten, stellten aber nur 7 Prozent der Verordnungen, unterstrich Elsner.

 

Das 2011 eingeführte Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) hat aus Sicht der Kassen als Instrument zur Kostenregulierung die Erwartungen nicht erfüllt und bedarf daher einer Korrektur. Statt der ursprünglich von der Politik prognostizierten Kosteneinsparungen im Arzneimittelsektor in Höhe von 2 Milliarden Euro im Jahr hat das Gesetz nach Angaben des GKV-Spitzenverbands bis Ende 2014 lediglich eine Entlastung von 600 Millionen Euro gebracht.

 

Der im Zuge der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel ausgehandelte Erstattungspreis müsse deshalb künftig auch rückwirkend für das erste Jahr der Markteinführung gelten, forderte Elsner. Grundsätzlich sollten auch die Erstattungspreise weiterhin veröffentlicht werden. Die Hersteller plädieren hingegen für Geheimhaltung, da die deutschen Preise europaweit als Referenz gelten und der im Vergleich zum Listenpreis niedrigere Erstattungspreis die Preise drücken könnte, so die Befürchtung.

 

Strukturelle Verbesserung

 

Für »grundfalsch« hält die Pharmaindustrie auch die Forderung nach rückwirkenden Erstattungsbeträgen. Der Erstattungsanreiz für Innovationen im ersten Jahr sei ausdrücklich politisch gewollt, so der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI). Statt neuer Hürden, brauche es vielmehr strukturelle Verbesserungen bei der Bewertung des Zusatznutzens. Demnach fallen immer wieder Medikamente aus rein formalen Gründen durch das AMNOG-Raster, bekommen also keinen Zusatznutzen attestiert. Da dies zwangsläufig auch niedrige Erstattungspreise zur Folge habe, würden viele Hersteller ihre Medikamente dann gar nicht erst auf den deutschen Markt bringen, so die Kritik.

 

Auch die Ersatzkassen sehen Nachbesserungsbedarf beim Thema Zusatznutzen – wenn auch in anderer Hinsicht. Die Ergebnisse des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) kämen zu wenig bei den Ärzten und damit auch in der Versorgung an, so die Kritik. Deshalb würden immer noch zu viele Medikamente verordnet, die keinen erwiesenen Zusatznutzen hätten. Die Kassen forderten daher die Ärzte auf, ihre Praxis­software schneller anzupassen, damit diese automatisch über das Ausmaß des Zusatznutzens eines neuen Medikaments informiert sind. /

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