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Schlafstörungen bei Kindern

Unruhige Nächte

20.01.2015  16:25 Uhr

Von Maria Pues, Köln / Schlafen kleine Kinder schlecht, bekommt dies meistens die ganze Familie zu spüren. Anders bei Jugendlichen: Ihre Schlafstörungen bleiben oft unbemerkt. Einige Probleme mit dem Schlaf bedürfen einer Therapie, aber längst nicht alle.

Wann spricht man von einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung? Wie erfolgt die Behandlung, und welchen Nutzen dürfen Eltern und Betroffene sich erhoffen? Welchen E0influss haben Schlafstörungen und ihre Behandlung auf psychiatrische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten? Diese und weitere Fragen waren Gegenstand eines Symposiums, das im vergangenen Dezember im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Köln stattfand.

 

Dass Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen abhängig von deren Alter unterschiedliche Ausprägungen hätten, liege in der Entwicklung des Gehirns begründet, die dieses während dieser Jahre durchlaufe, erläuterte Professor Dr. Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. So trete bei Kindern zwischen drei und sieben Jahren vorwiegend der beängstigend wirkende, aber harmlose Nachtschreck (Pavor nocturnus) auf. Zu Albträumen komme es hingegen eher bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren. Wann handelt es sich aber um eine behandlungsbedürftige Störung, und woran können Eltern sie erkennen?

 

Kindliche Schlafstörungen

 

Keiner Behandlung bedürfe üblicherweise der Nachschreck, so Schredl. Bei diesem komme es nicht zu Albträumen, sondern es sind einzelne Bilder, die das Kind angstvoll aufschrecken lassen. Der Nachtschreck tritt in der Tiefschlafphase auf. Das Kind fährt unvermittelt – manchmal mit einem Aufschrei – und mit angstvoll verzerrtem Gesicht auf. »Keinesfalls sollte man das Kind wecken«, mahnte der Mediziner. »Denn es ist nicht in der Lage, Gesichter zu erkennen. Dies kann zu weiteren Angstreaktionen führen.« Eltern sollten vielmehr beruhigend auf das Kind einreden, damit es wieder in den Schlaf findet. Während die beteiligten Eltern den Nachtschreck am nächsten Morgen in lebhafter Erinnerung haben, weiß das Kind davon nichts mehr.

 

Anders beim Albtraum, zu denen auch die Angstträume gehören. Sie treten in der zweiten Nachthälfte während der REM-Phase auf. Angstträume seien die leichtere Form der Albträume, erläuterte der Referent. Sie führen nicht zum Erwachen. Albträume handeln häufig davon, dass man verfolgt wird oder aus großer Höhe abstürzt. Sie führen zum Erwachen – charakteristischerweise einen Augenblick, bevor man gefasst oder auf dem Boden aufschlagen würde. Albträume spiegeln die Belastungen des Alltags wider. Interessanterweise spielten bei Kindern Schule und Prüfungssituationen kaum eine Rolle, zitierte Schredl eine Befragung. Spannungen in der Familie oder Krankheit und Tod naher Angehöriger wurde von den Kindern und Jugendlichen hingegen häufig genannt. Dass Kinder und Jugendliche Albträume haben, sei weder ungewöhnlich noch besorgniserregend, sagte er. Von einer Albtraumstörung spreche man, wenn die Träume häufig (Faustformel: einmal pro Woche) auftreten und als belastend erlebt werden. Das Kind hat dann beispielsweise am Abend Angst vor dem Zubettgehen. Dann ist eine Behandlung angezeigt.

 

Medikamentöse Therapien gebe es in der Behandlung von Albtraumstörungen nicht, führte Schredl weiter aus – mit einer Ausnahme: Prazosin kann bei einer posttraumatischen Belastungsstörung eingesetzt werden. Dennoch kann und sollte man Albtraumstörungen bei Kindern behandeln. Unter anderem durch eine kognitive Verhaltenstherapie lernten Kinder, wie sie ihre angstauslösenden Träume beeinflussen können. Allerdings wendeten sich einer Befragung zufolge nur etwa ein Viertel der Betroffenen beziehungsweise ihre Eltern an einen Arzt – möglicherweise mit anhaltenden Konsequenzen. Denn in einer weiteren Befragung gaben Erwachsene mit einer Albtraumstörung an, dass sie bereits als Kinder diese Träume erlebt haben. Ähnlich wie bei Betroffenen mit einer Angsterkrankung könne das Vermeidungsverhalten möglicherweise die Albtraumstörung verstärken, warnte Schredl.

 

Jugendliche Schlafstörungen

 

Während Eltern von kleinen Kindern meist gut wissen, ob diese schlecht schlafen, erfahren sie dies bei älteren Kindern und Jugendlichen häufig nur durch hartnäckiges Nachfragen. Oft fallen die Angaben von Eltern und betroffenen Jugendlichen weit auseinander, wenn beide unabhängig voneinander nach dem Schlafverhalten und der Schlafqualität gefragt werden.

Nicht zuletzt, wenn Jugendliche an einer psychiatrischen Grunderkrankung leiden, sollte man dem Faktor Schlaf mehr Aufmerksamkeit schenken und gezielt nach Schlafstörungen fragen, sagte Dr. Dirk Alfer vom Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik Köln. Der Arzt und Psychologe verwies auf Studien, wonach eine Verbesserung des Schlafes auch die psy­chiatrische Erkrankung verbesserte – ein derzeit intensiv beforschtes Gebiet. Alfer plädierte dafür, die Trennung in primäre und sekundäre Erkrankung zugunsten einer »transdiagnostischen Perspektive« aufzugeben und viel stärker und gezielter als bisher auch Schlafstörungen bei den betroffenen Jugendlichen abzufragen und zu behandeln.

 

»Schlafregeln« kämen dabei naturgemäß meist nicht gut an, wenn es um die Verbesserung des Schlafes geht, der für Jugendliche ohnehin keinen hohen Stellenwert besitzt. Wichtig sei, dass die Betroffenen Eigenverantwortung für ihre Gesundheit und ihren Schlaf übernehmen – zweifellos keine leichte Aufgabe in einem Alter, in dem pubertätsbedingt ein chronischer Ausnahmezustand herrscht – auch ohne psychiatrische Komorbidität.

 

Professor Dr. Angelika Schlarb, Universität Bielefeld, stützte durch ihre Forschungsergebnisse diese Forderung. Im Rahmen einer Studie behandelten Mediziner dort Jugendliche mit psychiatrischen Erkrankungen und Schlafstörungen. In sogenannten Schlaflaboren lernten die Betroffenen die verschiedenen Aspekte des Schlafes und Entspannungsmethoden kennen. Aus dem Gelernten bauten sie sich dann ihr eigenes »Schlaflabor« zusammen. Dabei zeigte sich, dass sich nicht nur der Schlaf, sondern ohne weitere Behandlung auch die psychiatrische Erkrankung besserte. »Wir können mit dem Schlaf beginnen«, fasste Schlarb zusammen. Wichtig sei, in der Klinik gezielt nach Schlafproblemen zu fragen, betonte sie.

 

Guter Schlaf bessert vieles, doch nicht alles. Dies zeigten die Referate der Psychologinnen Maria Zschoche und Julia Grünwald, beide Universität Bielefeld. Zschoche stellte Untersuchungen zur Frage vor, inwieweit sich ein Zusammenhang zwischen Störungen des Nachtschlafs und Aggressivität am Tage feststellen lässt. Zwar gebe es zahlreiche Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Suizidalität und Schlafstörungen zeigen, berichtete sie. Ein Zusammenhang zwischen aggressivem Verhalten und Schlafstörungen ließ sich dagegen nicht feststellen.

 

Grünwald zeigte, dass Kinder mit psychischen Störungen häufig auch unter Schlafstörungen litten. Dabei waren die psychischen Erkrankungen, außer ADHS, nicht mit bestimmten Schlafproblemen assoziiert. Die psychische Belastung der Kinder zum Beispiel durch Diskriminierung oder familiäre Spannungen habe einen engeren Zusammenhang zu Schlafschwierigkeiten als die diagnostizierte Störung, stellte sie fest. Ebenfalls kein Zusammenhang ließ sich zwischen Schlafschwierigkeiten und problematischen Verhaltensweisen (wie Stehlen) feststellen. Auch bei Verbesserung des Schlafes veränderte sich an diesem Verhalten nichts. /

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