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EMA

Schranke hoch für zwei Wirkstoffe

22.01.2013
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Von Sven Siebenand / Ein Expertengremium der europäischen Arzneimittelagentur EMA hat für die Wirkstoffe Bosutinib und Ocriplasmin Zulassungsempfehlungen ausgesprochen. In der Regel folgt die EU-Kommission den Vorschlägen dieses Gremiums.

Der Tyrosinkinase-Hemmer Bosutinib (Bosulif®, Pfizer) ist bei der bei chronisch myeloischen Leukämie (CML) wirksam. Die oral verfügbare Substanz stellt eine neue Therapieoption für erwachsene Patienten dar, die bereits mit einem oder mehreren Tyrosinkinase-Hemmern behandelt wurden oder für die eine Behandlung mit Imatinib, Nilotinib und Dasatinib nicht infrage kommt.

Charakteristisch ist bei den meisten CML-Patienten das sogenannte Philadelphia-Chromosom ein Erbgutaustausch mit fatalen Folgen. Das Gen, das für die Tyrosinkinase Abl codiert, wird dabei mit dem Bcr-Gen fusioniert. Dadurch steigt die Aktivität der Kinase deutlich an, was zu einer gesteigerten Proliferationsrate und zur Apoptose-Hemmung führt. Bosutinib blockiert wie andere Tyrosinkinase-Inhibitoren die Bcr-Abl-Kinase und verhindert so die unkontrollierte Vermehrung der entarteten Zelllinien. Möglich wird das, indem die Substanz ATP aus dessen Bindungstasche verdrängt, wodurch Phosphorylierungen gehemmt werden.

 

Ocriplasmin

 

Der zweite Wirkstoff, der von dem Gremium grünes Licht für die EU-Zulassung erhalten hat, heißt Ocriplasmin (Jetrea™). Es stellt die bisher einzige medikamentöse Therapieoption zur Behandlung der vitreomakulären (VMT) Traktion sowie des Makula-Lochs von bis zu 400 μm dar. Alcon, eine Division von Novartis, erwarb die Rechte für die Vermarktung von Jetrea außerhalb der USA von dem belgischen Biopharma­unternehmen ThromboGenics.

 

Bei vielen Menschen über 50 Jahren löst sich der Glaskörper im Lauf des normalen Alterungsprozesses von der Retina ab. Eine VMT entsteht, wenn sich der Glaskörper nur teilweise von der Retina ablöst und durch bestimmte Proteinverbindungen weiterhin am Augenhintergrund bestehen bleiben. In einigen Fällen kann dies zu deren Zerreißen führen, sodass Löcher in der Makula entstehen, was zu optischen Verzerrungen, verringerter Sehschärfe und vollständiger Erblindung führen kann. Derzeitiger Therapiestandard bei VMT mit einhergehenden Makulalöchern in der EU ist die »aktive Beobachtung«, die eine weitere Verschlechterung des Sehvermögens mit sich bringen kann. Die einzige verfügbare Therapie ist ein invasiver chirurgischer Eingriff, der in einem späteren Stadium der Erkrankung durchgeführt wird. Dieser Eingriff umfasst eine Vitrektomie (operative Entfernung des Glaskörpers) und die Wiederherstellung der Retina.

Ocriplasmin bietet erstmals einen medikamentösen Behandlungsansatz. Die Substanz ist eine kürzere Variante der humanen Protease Plasmin. Verabreicht als einmalige intravitreale Injektion wirkt Ocriplasmin zum einen enzymatisch und spaltet die Proteine auf, mittels derer der Glaskörper an der Retina befestigt ist. Dadurch wird die Proteinmatrix aufgelöst, die die vitreomakuläre Traktion verursacht. Zum anderen macht es den Glaskörper flüssiger, sodass er sich leichter von der Makula lösen kann. Durch die Verringerung der Spannung, die durch eine VMT verursacht wird, kann sich ein Makulaloch wieder schließen.

 

Ein anderes Mittel für eine seltene Augenerkrankung konnte das EMA- Gremium dagegen nicht überzeugen und erhielt keine Zulassungsempfehlung: Idebenon (Raxone®, Santhera Pharmaceuticals). Es sollte bei Patienten mit Leber hereditärer Optikusneuropathie (LHON)zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um eine seltene, genetisch bedingte Augenkrankheit, welche zu einem schnellen Sehverlust im zentralen Sehfeld und schlussendlich zur Erblindung führt. Auslöser der Krankheit ist die Degeneration des Sehnervs und bestimmter Nervenzellen in der Netzhaut. Der genaue Wirkmechanismus von Idebenon ist nicht bekannt, wahrscheinlich kann es die Bildung freier Radikale reduzieren und dadurch die Schädigung von Zellen und Sehverlust verhindern. Die EMA bemängelt jedoch, dass sich bei Patienten, die das Mittel sechs Monate eingenommen hatten, im Vergleich zu Placebo keine signifikante Sehverbesserung gezeigt hat.

 

Indikationserweiterungen

 

Last but not least hat das EMA-Gremium für folgende Wirkstoffe beziehungsweise Präparate Empfehlungen zur Indikationserweiterung ausgesprochen: Adalimumab (Humira®), Canakinumab (Ilaris®), Saxagliptin/Metformin (Komboglyze®), Saxagliptin (Onglyza®) und Peginterferon alfa-2a (Pegasys®). /

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