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Tierarzneimittel

Viele Kunden geben alles für Bello

24.01.2012
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Von Sarah Lena Grahn, Köln / Zahnschutztabletten, Ohrenpflegetropfen, Bachblütenmischungen gegen Aggressionen: Immer mehr Apotheken entdecken in frei verkäuflichen Tierpflegeprodukten ein neues Zusatzgeschäft. Doch auch mit verschreibungs- pflichtiger Tierarznei könnten Pharmazeuten zukünftig Umsatz machen: Das Bundesverbraucherministerium will prüfen, ob die »Apotheker-Lizenz« von Veterinären noch zeitgemäß ist.

Die »Tierapotheke« soll auffallen. Rechts neben der Eingangstür platziert, ist der Aufsteller mit den Pflegeprodukten für Hund und Katze auch von außen durch das Schaufenster gut sichtbar. Für den Inhaber der Kölner Paradies-Apotheke, Dirk Vongehr, ist Tiergesundheit mehr als ein Zusatzgeschäft. »Die Produkte sind hier im Laden viel präsenter als Kosmetikartikel«, sagt er. »Denn damit kann ich wirklich weiterhelfen und nicht nur Hautprobleme lösen.«

Neben Klassikern wie Flohhalsband oder Zeckenzange bietet die älteste Apotheke im Kölner Süden Futterer­gänzungsmittel zum Schutz von Gelenken, Shampoos gegen übermäßiges Kratzen, Pasten zur Linderung von Verdauungsstörungen oder Salben zur Pflege beanspruch­ter Haut. Das Interesse der Kunden sei groß, erzählt Von­gehr. Und zwar unabhängig von der Größe des Geldbeutels: »In der Kölner Südstadt leben viele Hundebesitzer, die für ihr Tier alles geben. Das hat nichts mit der eigenen Kauf­kraft zu tun.«

 

Die Apotheke sei gerade bei Wehwehchen eine gute Alternative zum Tierarzt, sagt Vongehr. »Viele Besitzer scheuen bei kleinen Problemen oder Fragen den Weg zum Tierarzt«, erläutert er. »Sie müssen eine Wartezeit in Kauf nehmen, ihr Tier meist mitbringen und für den Ratschlag auch noch zahlen.« Der Apotheker und seine Mitarbeiter beraten ihre Kunden soweit möglich in allen Fragen rund um Hund und Katze. Wissen sie nicht mehr weiter, kontaktieren sie einen Tierarzt.

 

Die Hotline ist ein Service des Unternehmens PetMedical, von dem die Kölner Apotheke ihre Tiergesundheits-Produkte bezieht. Die noch junge Firma vertreibt ihr Sortiment unter der Marke Pet Health Association (PHA) exklusiv an Apotheken. »Wir schließen eine Marktlücke zwischen Tierarzt und Zoofachgeschäft«, sagt PetMedical-Geschäftsführer Benedikt Pfander. Sämtliche Produkte seien frei verkäuflich, fielen also nicht unter das Arzneimittelgesetz. Da sich das Angebot exklusiv an Apotheken richte, falle der Tierarzt als Konkurrent für die Pharmazeuten weg. Seit Gründung des Unternehmens 2010 haben Pfander zufolge rund 1000 Apotheken die PHA-Produkte in ihr Sortiment aufgenommen. Bis Ende dieses Jahres sollen 500 weitere Apotheken dazukommen.

 

Für Branchenriesen sind Apotheken unbedeutend

 

Am Markt für Tierarzneimittel hat der Branchenneuling noch kein Gewicht. Konkurrenten auf dem Gebiet der frei verkäuflichen Tierarzneimittel und Futterzusatzstoffe sind große Unternehmen wie Pfizer, Boehringer Ingelheim oder Bayer. Über die Apotheke vertreiben sie vor allem Parasitenschutzmittel. Wie viele Apotheken Kunden großer Tierarzneihersteller sind, lässt sich nicht sagen. Bayer beliefere Apotheken mit Tiergesundheitsprodukten nicht direkt, sondern über den Pharmagroßhandel, erklärt ein Unternehmenssprecher. »Die Abnehmer auf Apothekenseite können daher nicht quantifiziert werden.«

 

Hauptkunden der Branchenriesen sind Tierärzte und Großhandel. Nach Angaben des Bundesverbands für Tiergesundheit (BfT) beziehen und vertreiben sie vor allem Antiinfektiva zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Apotheken sind als Abnehmer nicht von Interesse für die Branche. »Öffentliche Apotheken sind für unsere Industrie unbedeutend«, sagt BfT-Geschäftsführer Martin Schneidereit. Auch für Tierbesitzer seien Apotheken nicht attraktiv: »In der Regel hat der Tierarzt das entsprechende Arzneimittel doch auf Lager, der Tierhalter spart damit also den Weg zur Apotheke.« Weniger als fünf Prozent ihres Umsatzes erziele die Industrie über Apotheken, schätzt der Geschäftsführer. »Tendenz sinkend.«

 

Ob Apotheken tatsächlich weiterhin unbedeutend für die Industrie sein werden, bleibt abzuwarten. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) kündigte jüngst in der »Neuen Osnabrücker Zeitung« an, das Sonderrecht der Tierärzte, von ihnen verordnete Arzneimittel selbst zu verkaufen, überprüfen zu wollen. »Das sogenannte Dispensierrecht geht zurück auf eine Ausnahme vom Apothekermonopol, die in den 1950er-Jahren für die Tierärzte geschaffen wurde. Es stellt sich die Frage, ob das noch in die Zeit passt«, so die Ministerin. »Wir stellen das Dispensierrecht deshalb auf den Prüfstand.« Das Vorhaben ist Teil der Pläne zur Änderung des Arzneimittelgesetzes. Ziel ist es, den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast deutlich zu beschränken.

 

Sollten Veterinäre das Sonderrecht zur Abgabe von Medikamenten verlieren, wäre ihr Berufsstand stark belastet. Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) sieht den Plänen Aigners jedoch gelassen entgegen. »Die Überprüfung wird zeigen, dass das Dispen­sierrecht von Tierärzten vernünftig ist«, sagt Verbandsgeschäftsführer Heiko Färber. Die Regelung ändern zu wollen, sei der falsche Ansatz. »Wenn man verhindern will, dass zu viele Antibiotika eingesetzt werden, sollte man an erster Stelle die Bedingungen in den landwirtschaftlichen Vertrieben verbessern und das System der Massentierhaltung hinterfragen.« /

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