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Alkoholabhängigkeit

Motivieren, entwöhnen, trocken bleiben

22.01.2007  13:23 Uhr

Alkoholabhängigkeit

Motivieren, entwöhnen, trocken bleiben

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Wer süchtig ist, hat heute durch gute Therapieangebote eine realistische Chance, die Folgen der Abhängigkeit zu überwinden. Aktuelle Studien zeigen, dass etwa 50 Prozent der Alkoholiker nach einem Entzug mit anschließender Suchttherapie über einen Zeitraum von fünf Jahren trocken bleiben.

 

Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jährlich fast 74.000 Menschen infolge des Konsums von Alkohol oder Alkohol plus Tabak. Rund 1,6 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig, 3,2 Millionen betreiben Missbrauch. Doch nur knapp jeden sechsten Alkoholkranken erreicht therapeutische Hilfe. »Acamprosat, Naltrexon und Disulfiram sind eine sinnvolle Ergänzung zur Verhaltenstherapie nach dem Entzug«, sagte Professor Dr. Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim auf dem Forum Fortschritte und Fortbildung in der Medizin der Bundesärztekammer in Berlin. Die Arzneistoffe greifen gezielt in die Prozesse des Alkoholverlangens (Craving) ein. In der Therapie sei dies von großem Vorteil, da sie im Gegensatz zu den Substitutionsdrogen kein Suchtpotenzial besitzen.

 

Entzugssymptome mildern

 

Acamprosat ist ein Glutamat-Antagonist. Als erregender Neurotransmitter interagiert Glutamat mit verschiedenen Rezeptoren, so auch mit dem für Lern- und Gedächtnisprozesse wichtigen N-methyl-D-aspartat(NMDA)-Rezeptor. Unter Alkohol wird dieser weitgehend blockiert, infolgedessen das glutamaterge System  hochreguliert wird. Bei chronischem Alkoholkonsum ist der Rezeptor daher ständig stimuliert. Zudem nimmt die Anzahl der NMDA-Rezeptoren zu. So verändert sich das Gehirn bei permanentem Alkoholmissbrauch auch physisch.

 

Bleibt die gewohnte Alkoholmenge aus, treten Entzugserscheinungen auf. Laut einer Umfrage der Charité lösen bei  etwa einem Drittel der Patienten bereits bestimmte Situationen oder Umgebungen Entzugssymptome aus. So führt etwa der Anblick der Stammkneipe zu feuchten und zittrigen Händen. In Fachkreisen wird dies als konditionierte Entzugserscheinung bezeichnet. An dieser Stelle greift nun Acamprosat ein, der Arzneistoff moduliert die Übererregung herunter. Dabei werden sowohl die akuten als auch die konditionierten Entzugssymptome unterdrückt.

 

Eine ähnliche, leicht modulierende Wirkung hat Acamprosat zudem auf das gabaerge System. Während Glutamat die rasche Informationsverarbeitung anregt, wirkt Gamma-Aminobuttersäure (GABA) hemmend. So werden über gabaerge Neurone zentraldämpfende Effekte, wie Beruhigung und Sedierung vermittelt. Damit das Gehirn weiterhin »arbeitsfähig« bleibt, steuert es der Dauerinhibition durch den Alkohol entgegen. In der Folge erhöht sich der Suchtdruck und hält das System der Abhängigkeit aufrecht. Dieser Effekt kann mit Acamprosat gemindert werden.

 

Im Gegensatz zu Acamprosat greift Naltrexon in das Belohnungssystem des Gehirns ein. Alkohol erzeugt eine euphorische Stimmung, indem Endorphine freisetzt werden. Mit dem Opiat-Antagonisten Naltrexon wird das Andocken der Transmittersubstanzen an die Opiatrezeptoren im Gehirn verhindert. So hemmt Naltrexon die als positiv empfundenen Eigenschaften des Alkohols. Vermutlich werden auch die konditionierten Verstärkereigenschaften blockiert.

 

Während in Deutschland überwiegend Acamprosat und Naltrexon zur Abstinenzerhaltung eingesetzt werden, hat Disulfiram eher eine Nischenexistenz. Die Substanz hemmt den Alkoholabbau, so dass sich bei gleichzeitigem Alkoholgenuss Acetaldehyd anstaut. In der Folge treten unangenehme Nebenwirkungen wie Übelkeit und Unwohlsein auf, die den Alkoholabhängigen vom weiteren Trinken abhalten sollen. Daher verspricht Disulfiram nur in einem sehr kontrollierten Therapieprogramm positive Ergebnisse.

 

Kontrolliertes Trinken nicht möglich

 

Das Suchtgedächtnis lässt sich nicht total löschen. Wer einmal abhängig war, kann es schnell wieder werden. Ein Leben lang bleibt das süchtige Verhalten im Motivationssystem gespeichert und lässt sich schnell wieder aktivieren, wenn das Suchtmittel wieder konsumiert wird. Insofern ist es leider ein Trugschluss, nach einigen Jahren Abstinenz wieder kontrolliert trinken zu können, da das Gehirn nach wenigen Monaten wieder in seine alten Muster gefunden hat.

Abstinenz lässt Hirn regenerieren

PZ / Zum Aufhören ist es nie zu spät: Hirnschäden durch chronischen Alkohol-Abusus scheinen teilweise reversibel zu sein, wenn die Patienten abstinent bleiben (Brain 130, 2007, 36). Dabei sind die Erholungschancen je schlechter, desto länger der Abusus bestand.

 

Von 15 Alkoholikern, die mindestens drei Jahre abhängig waren und dann abstinent wurden, wurden zu Beginn und am Ende der Studie per MRT die Hirnvolumina bestimmt. Als Marker dienten die Cholin- und die N-Acetylaspartat (NAA)-Werte. Innerhalb von sieben Wochen nahm bei 14 Personen das Hirnvolumen um durchschnittlich knapp 2 Prozent zu. Nur bei einem Patienten nahm das Hirnvolumen leicht ab - dieser war bereits seit 25 Jahren abhängig. Zudem korrelierte die Volumenzunahme mit einem verbesserten Hirnstoffwechsel. In der Kontrollgruppe mit zehn gesunden Personen traten keine signifikanten Änderungen auf.

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