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NMDA-Rezeptoren

Seiltanz zwischen Lernen und Demenz

07.03.2018
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Von Frauke Weber und Bernhard Wünsch / Ohne den NMDA-­Rezeptor sind Lernen und Gedächtnisbildung nicht möglich. Wird der Rezeptor allerdings überaktiviert, zum Beispiel bei Morbus Alzheimer, schlägt die gute Wirkung ins Negative um. Es kommt zum Gedächtnisverlust und zur Schädigung ganzer Hirnareale. Pharmaka sollen die NMDA-Rezeptor-vermittelte Schädigung ­neuronaler Strukturen ­unterbinden.

Glutamat ist der wichtigste exzitatorische Neurotransmitter im Zentralnervensystem (ZNS) und essenziell für Lern- und Gedächtnisvorgänge (1). Er wird in präsynaptischen Zellen gespeichert und infolge einer Stimulation der Nervenzelle mittels Exozytose in den synaptischen Spalt freigesetzt (2). Anschließend bindet Glutamat an post­synaptische Glutamat-Rezeptoren. Um neurotoxische Effekte durch Überstimulation dieser Rezeptoren zu verhindern, wird der Botenstoff schnell durch exzitatorische Aminosäuretransporter (EAAT) wieder aus dem synaptischen Spalt entfernt (3). Man unterscheidet zwischen metabotropen, G-Protein-gekoppelten und ionotropen Glutamat-Rezeptoren.

 

NMDA-Rezeptor: Tetramer mit vielen Varianten

 

Der NMDA-Rezeptor gehört zur Klasse der ionotropen Glutamat-Rezeptoren. Dabei handelt es sich um membranständige ligandengesteuerte Ionenkanäle, zu denen neben dem NMDA- auch der AMPA- und der Kainat-Rezeptor gehören. Benannt sind diese Rezeptoren nach ihren synthetischen Agonisten. Im Fall des NMDA-Rezeptors ist der ­Ligand das N-Methyl-D-Aspartat.

 

NMDA-Rezeptoren sind heterotetra­mere Komplexe, die sich aus drei Typen von Untereinheiten (GluN1, GluN2 und GluN3) zusammensetzen (4, 5). Zu jedem Typ gehören wiederum verschiedene Subtypen. Ein funktionsfähiger NMDA-Rezeptor enthält meist zwei GluN1- und zwei GluN2-Untereinheiten, wobei die Subtypen variieren können (6).

 

Von Bedeutung für die Pharmakotherapie sind vor allem die GluN2A- und die GluN2B-Untereinheit. Im Jahr 2014 gelang Karakas und Mitarbeitern (7) die Ko-Kristallisation des GluN1a-GluN2B-Rezeptors in Gegenwart der natürlichen Agonisten Glycin und Glu­tamat sowie des GluN2B-selektiven Antagonisten Ifenprodil (Abbildung 1).

 

Die Verteilung der GluN2-Untereinheiten variiert innerhalb verschiedener Hirnareale und hängt auch vom Lebensalter ab (8). Im adulten Gehirn ­dominiert die GluN2B-Untereinheit, die besonders relevant für die neuronale Funktion ist.

 

Jede Untereinheit des NMDA-Rezeptors besteht aus vier Domänen, wobei besonders die aminoterminale Domäne (ATD) und die transmembranäre Domäne (TMD) für die Pharmakotherapie wichtig sind (Abbildung 1). Innerhalb der ATD sind sowohl für die GluN2A- als auch für die GluN2B-Untereinheit Bindungsstellen für allosterische Modulatoren beschrieben. Liganden, die hier angreifen, können die Offenwahrscheinlichkeit des Ionenkanals ­allosterisch modulieren. Allgemein unterscheidet man zwischen positiven und negativen Modulatoren (7). Negative Modulatoren haben einen Einfluss darauf, dass der vom Agonisten induzierte Effekt nicht weitergeleitet wird; positive Modulatoren verstärken diesen Effekt. Der synthetische Amino­alkohol Ifenprodil ist ein Subtyp-spezifischer, negativ allosterischer Modulator für die GluN2B-Untereinheit.

 

In der TMD können die »offenen Kanalblocker« angreifen. Voraussetzung für die Bindung ist die vorausgegangene Aktivierung und damit Öffnung des Kanals (1). Hier greifen unkompetitive Antagonisten wie Memantin, Amantadin, Ketamin und das in der Drogenszene verwendete Phencyclidin an. In der Ligandenbindungsdomäne (LBD) befinden sich die Bindungsstellen für die Agonisten (S)-Glutamat und Glycin. Neben dem namengebenden Glutamat benötigt der NMDA-Rezeptor als einzig bisher bekannter Rezeptor einen zweiten Agonisten (Glycin) für die Öffnung der Kanalpore (7, 9).

 

NMDA-Rezeptoren werden Liganden- und spannungsabhängig aktiviert. Dies ist ein Alleinstellungsmerkmal für diesen Rezeptor. Im Ruhezustand ist die Kanalpore des NMDA-Rezeptors mit Mg2+-Ionen verschlossen (10). Nach Aktivierung des Rezeptors durch gleichzeitige Bindung von (S)-Glutamat und Glycin als Co-Agonist und Teildepolarisation der Membran, zum Beispiel durch Aktivierung benachbarter AMPA-Rezeptoren, wird das Mg2+-Ion entfernt und die Kanalpore durchlässig für K+-, Na+- und Ca2+-Ionen.

NMDA-Rezeptor ermöglicht Lernprozesse

 

Die Aktivierung des NMDA-Rezeptors führt neben einem Na+-Einstrom vor allem zu einem gesteigerten Ca2+-Einstrom in die Zelle, der weitere Signalwege aktiviert und die Effizienz der ­Erregungsübertragung erhöht (11). Diesen Prozess nennt man Langzeitpotenzierung (Abbildung 2). Daraus resul­tieren Langzeitveränderungen in der postsynaptischen Membran (12). Langzeitpotenzierung bedeutet, dass ein bestimmter präsynaptischer Stimulus eine potenzierte postsynaptische Reaktion hervorruft und dadurch eine ­sta­bile Gedächtnisbildung fördert.

 

Auf struktureller Ebene verläuft dieser Prozess in mehreren Schritten (Abbildung 2 rechts). Das vermehrt in die Zelle einströmende Ca2+ bindet intrazellulär an Calmodulin. Der resultierende Komplex aktiviert verschiedene Kinasen wie die Ca2+/Calmodulin-Kinase, die Proteinkinase C (PKC) und die Tyrosinkinase (TK). Diese bewirken wiederum die Bildung eines retrograden messengers wie NO, der an der Präsynapse die Glutamat-Freisetzung im Sinn einer positiven Rückkopplung steigert. Die Ca2+/Calmodulin-Kinase phosphoryliert AMPA-Rezeptoren, die dadurch empfindlicher gegenüber Glutamat werden und regt außerdem die Neubildung von AMPA-Rezeptoren an (13). Zusätzlich wird die Adenylylzyklase (AC) aktiviert, die die Umwandlung von ATP in cAMP katalysiert. cAMP regt die ­Proteinbiosynthese im Zellkern zur Strukturveränderung der Synapse an (Abbildung 2, rechts unten).

Auf diese Weise entsteht synaptische Plastizität. Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit von neuronalen Strukturen wie Synapsen, sich in Abhängigkeit von ihrer Verwendung umzubauen. Diese Plastizität stellt die Grundlage aller Lernprozesse dar und bildet die Voraussetzung dafür, dass das Gedächtnis Erfahrungen abspeichern kann. Jeder Lernprozess ist also mit einer Neubildung oder funktionellen Veränderung von synaptischen Verschaltungen verknüpft.

 

Die Fähigkeit zu Neubildung und Umbau von Synapsen bleibt ein Leben lang erhalten. Donald O. Hebb gilt als Entdecker der synaptischen Plastizität. Von ihm stammt die Hebbsche Lernregel, die besagt, dass Zellen, die gleichzeitig aktiv sind, sich auch miteinander verschalten, wodurch die Effizienz der Erregungsübertragung zunimmt (14). Diese These wurde in den 1970er-Jahren von den Neurowissenschaftlern Timothy Bliss und Terje Lømo gestützt, die nach Stimulation präsynaptischer Zellen die Erregung der postsynaptischen Zellen ableiteten und herausfanden, dass ein schwacher Reiz eine schwache Reaktion bedingt. Ein starker Reiz bewirkte dagegen nicht nur eine starke Reaktion, sondern sorgte zusätzlich dafür, dass die Reaktion auf einen erneuten schwachen Reiz viel stärker wurde. Dieser Effekt kann Stunden bis Wochen anhalten (15).

 

Glutamat-Sturm bei ­Hirntraumata

 

Wird die physiologische Glutamat-Homöostase durch ein schweres akutes Ereignis, zum Beispiel einen Schlag­anfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma, gestört, kommt es zu einer massiven ­Glutamat-Freisetzung und einer Überstimulation von NMDA-Rezeptoren. ­Intrazellulär steigt die Konzentration an freien Ca2+-Ionen in den postsynaptischen Neuronen massiv an. Dieser Prozess führt zur Zellschädigung durch nekrotische und apoptotische Vorgänge und wird gemeinhin als Exzitotoxi­zität bezeichnet (16, 17).

Ausgelöst werden diese Vorgänge durch eine Ca2+-bedingte Überakti­vierung verschiedener Enzyme, zum Beispiel der Phospholipase A, der Ca2+/Calmodulin-abhängigen Proteinkinase II oder der Xanthin-Oxidase. Die Aktivierung dieser Enzyme löst eine massive Freisetzung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) aus, die die Zellmembran schädigen, den Nuklein­säure-Abbau fördern und den Energiestoffwechsel stören können. Weiterhin kommt es zur Überaktivierung von Proteasen, zum Beispiel von Caspasen, die den programmierten Zelltod einleiten (1, 16). Alle diese Vorgänge bewirken eine massive Schädigung bestimmter Hirnareale.

 

Im Fokus der Therapie akuter Hirnschäden steht daher die Begrenzung und Beendigung der Exzitotoxizität, um die Glutamat-vermittelte Schädigung von Neuronen aufzuhalten. Durch die Blockade von NMDA-Rezeptoren versucht man, eine neuroprotektive Wirkung zu erreichen (12). Als Target scheint vor allem die GluN2B-­Untereinheit interessant zu sein, da besonders diese die exzitotoxischen Prozesse fördert (18).

NMDA-Pathologie bei ­Morbus Alzheimer

 

Verschiedene neurologische Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson oder Chorea Huntington werden ebenfalls mit NMDA-Rezeptoren in Zusammenhang gebracht (11). Beispielhaft wird die Beteiligung der NMDA-Rezeptoren an der frühen Phase des Morbus Alzheimer erklärt.

 

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Symptome einer Alzheimer-­Erkrankung unter anderem durch ein Ungleichgewicht zwischen Produktion und Abbau von β-Amyloid entstehen (sogenannte Amyloid-Hypothese). In der Folge kommt es zur Bildung von Neurofibrillenbündeln, die aus Tau-Protein bestehen (19). Grundsätzlich gilt, dass NMDA-Rezeptoren in der frühen Phase der Erkrankung überaktiviert sind, später aber zahlenmäßig abnehmen (20).

 

Das Protein β-Amyloid vermindert über verschiedene Mechanismen die Langzeitpotenzierung und damit die Gedächtnisbildung. Zum einen verhindert β-Amyloid die Aufnahme von ­Glutamat mittels exzitatorischer Aminosäure-Transporter (EAAT) aus dem synaptischen Spalt in die Astrozyten und sorgt somit für einen Anstieg an Glutamat im synaptischen Spalt. Dadurch werden extrasynaptische GluN2B-Rezeptoren, also Rezeptoren, die sich außerhalb der synaptischen Kontakte befinden, aktiviert, was letztlich in einer Verminderung der Langzeitpotenzierung resultiert (18). Zudem bindet β-Amyloid direkt an den Tyrosin-Kinase-Rezeptor EphB2. Unter physiologischen Bedingungen interagiert dieser Rezeptor mit der GluN1-Untereinheit und erhöht den Ionenstrom durch den NMDA-Rezeptor. Die Bindung von β-Amyloid löst den Abbau des EphB2-Rezeptors aus und vermindert somit die Langzeitpotenzierung und die Gedächtnisbildung (21).

 

Wie beim Schlaganfall spielt die durch GluN2B-Rezeptoren ausgelöste Exzitotoxizität auch bei Entstehung und Ausprägung der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle. Verantwortlich hierfür ist das Tau-Protein, das die Tyrosin-Kinase FYN zu den Nervenendigungen transportiert. Die Kinase phosphoryliert dort GluN2B-Rezeptoren, die dadurch vermehrt mit der Guanylylkinase PSD-95 assoziieren. In der Folge werden exzitotoxische Signalwege aktiviert, die zum Zelluntergang führen (18). Substanzen, die antagonistisch am NMDA-Rezeptor angreifen, können ­diesen Prozess verringern (22).

 

Antagonisten zur ­Alzheimer-Therapie

Therapeutisch eingesetzt werden unter anderem unkompetitive NMDA-Rezeptor-Antagonisten. Diese sollen die physiologische glutamaterge Neurotransmission nur geringfügig beeinträchtigen, da sie nicht mit der ­eigent­lichen Glutamat-Bindungsstelle interagieren, sondern unkompetitiv im Inneren des Ionenkanals angreifen. Dies ist nur möglich, wenn der Kanal aktiviert und somit offen vorliegt (»offene Kanalblocker«) (1). Außerdem dürfen NMDA-Antagonisten die Bindungsstelle nur kurz besetzen, um einen Funktionsverlust des Kanals zu vermeiden. Sobald ein physiologisches Signal eintrifft, wird die Kanalpore wieder freigegeben, damit die physiologischen Gedächtnisvorgänge ablaufen können.

 

Zu dieser Substanzklasse gehört Memantin, das seit 2002 zur Therapie der mittelschweren und schweren Demenz zugelassen ist (Beispiele: Axura®, Ebixa®) (Abbildung 3). Der strukturverwandte Wirkstoff Amantadin (Beispiel: PK-Merz®) wird bei Morbus Parkinson eingesetzt. Beide Substanzen sind nur schwache, dafür aber selektive NMDA-Rezeptor-Antagonisten, die die überschießende glutamaterge Neurotransmission hemmen, aber die physiologische glutamaterge Neurotransmission nur wenig beeinflussen. Daher haben sie ein relativ günstiges Nebenwirkungsprofil (1).

Phencyclidin und Ketamin

 

Auch der in den 1950er-Jahren als Narkosemittel entwickelte offene Kanal­blocker Phencyclidin (PCP, Abbildung 4) ist ein NMDA-Antagonist, der sowohl anästhetisch als auch analgetisch bei erhaltenen Schutzreflexen wirkt (1). Die Wirkweise ähnelt der von Ketamin, ­jedoch ist PCP deutlich stärker hallu­zinogen wirksam und wird daher in der Drogenszene benutzt.

 

Die unter den Bezeichnungen »Angel dust«, »Crystal« oder »Killerweed« konsumierte Droge führt in niedrigen Dosen zu Euphorie, Enthemmung und Schmerzunempfindlichkeit. In hohen Dosen dominieren angstvolle Rauscherlebnisse und narkoseartige Zustände. Der Rauschzustand kann bis zu zwei Tage anhalten und bei vorbelasteten Personen zu psychotischen Schüben führen (23). Die Substanz wurde aufgrund der starken Nebenwirkungen (Koordinationsstörungen, Paranoia, Halluzinationen, Horrortrips) in den 1960er-Jahren wieder vom Markt genommen, unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und ist in Deutschland nicht mehr verkehrsfähig.

Das artverwandte Ketamin (Abbildung 4) wirkt deutlicher weniger intensiv und kürzer als PCP. Heute dient es hauptsächlich in der Notfallmedizin als Narkotikum mit analgetischem Effekt und kurzer Wirkdauer. Ketamin (Beispiel: KetanestS®) wird intravenös verabreicht (24). Das (S-)Enantiomer blockiert den NMDA-Rezeptor viermal so potent wie das (R-)konfigurierte Isomer. Auch bei Ketamin kann es zu Halluzinationen und Erregungszuständen kommen. Die zusätzliche sympathomimetische Wirkkomponente kann einen massiven Blutdruckanstieg auslösen.

 

Neuere Berichte diskutieren die Eignung von Ketamin zur Therapie von ­Depressionen. Dabei soll der Wirkstoff eine depressive Episode innerhalb von wenigen Stunden beenden können (25). In den vergangenen Jahren wurden an der Berliner Charité mehr als 100 Pa­tienten, bei denen bisherige antidepressive Therapien versagt hatten, mit Ketamin behandelt. Ein Behandlungszyklus dauert laut Charité zwei ­Wochen, in denen sechs Ketamin-­Infusionen (also drei pro Woche) intravenös über je 40 Minuten appliziert werden.

 

Gemäß einer Publikation im Fachjournal Nature entsteht die antidepressive Wirkung durch den aktiven Metaboliten (2R,6R)-6-Hydroxynorketamin (26). Im Mausmodell zeigt dieser im Gegensatz zur Muttersubstanz keine Blockade am NMDA-Rezeptor, sondern eine Aktivierung des AMPA-Rezeptors. Die antidepressive Wirkung konnte mit AMPA-Rezeptor-Antagonisten blockiert werden. Im Tierversuch löste der Metabolit weder die typischen psychotropen Nebenwirkungen von Ketamin aus noch erhöhte er die körperliche ­Aktivität der Versuchstiere.

 

Mehr Selektivität, aber weniger Wirkung

 

Um das Nebenwirkungsprofil von Substanzen wie Ketamin und PCP zu senken, wurden Subtypen-spezifische Antagonisten entwickelt. Diese sollten speziell an die GluN2B-Untereinheit binden, da dieser Subtyp die exzitotoxischen Vorgänge bei neurodegenerativen Erkrankungen fördert (18).

Der wichtigste Vertreter unter den nichtkompetitiven GluN2B-Antagonisten ist Ifenprodil (Vadilex®, Abbildung 1), für den eine neuroprotektive Wirkung gezeigt werden konnte (27). Der Wirkstoff bindet mit einem Ki-Wert von 13 nM an die ATD der GluN2B-Untereinheit und wirkt dort als partieller Antagonist (28). Da nur circa 90 Prozent der NMDA-Rezeptoren mit GluN1-GluN2-Untereinheiten blockiert werden, sind physiologische Basisfunk­tionen des Gehirns wie die Gedächtnisbildung noch möglich. Der Wirk­mechanismus ist aber noch nicht ­abschließend geklärt (29).

 

Ifenprodil bindet zwar selektiv an die GluN2B-Untereinheit der NMDA-Rezeptoren, hat aber auch Affinität zu 5HT2, σ1-, σ2- und α1-Rezeptoren (30). Daraus resultieren Nebenwirkungen wie Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens oder Blutdruckabfall. Da zudem die Bioverfügbarkeit von Ifenprodil gering ist, entwickelten verschiedene Arbeitsgruppen strukturelle ­Modifikationen, um die Selektivität und Bioverfügbarkeit zu verbessern.

 

Die Weiterentwicklungen Traxoprodil und Eliprodil sollten eine verbesserte Selektivität und damit ein günstigeres Nebenwirkungsprofil haben. Eliprodil hatte zwar eine höhere Selektivität, zeigte aber keine signifikante Wirkung bei Gabe nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma und wurde daher in Phase III der klinischen Prüfung wieder zurückgezogen (31). Das von Pfizer entwickelte Traxoprodil (CP101,606) zeigte im Tierversuch eine vielversprechende neuroprotektive Wirkung. Eine klinische Studie zur Therapie von Schädel-Hirn-Traumen wurde allerdings im Jahr 2001 abgebrochen (32).

 

Zusätzlich zu Substanzen, die sich von Ifenprodil ableiten, wurden Verbindungen mit anderen Grundstrukturen als GluN2B-Antagonisten entwickelt und untersucht. Dazu gehören unter anderem Benzamidine, Aminopyridin-Derivate und Benzimidazole (33). Bis heute hat es noch keine Substanz in ­klinische Studien geschafft.

 

Einsatz in der Diagnostik?

 

Neben dem Einsatz von NMDA-Ant­agonisten in der Therapie neurodegenerativer Erkrankungen wird intensiv an Diagnostik-Möglichkeiten mit bildgebenden Verfahren geforscht. So wurden bereits potente Antagonisten synthetisiert und radiomarkiert. Ziel ist es, neurodegenerative Erkrankungen, bei denen es zu einer Überaktivierung von NMDA-Rezeptoren kommt, mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) in vivo zu visualisieren und zu untersuchen (34, 35).

 

Partial-Agonist Acamprosat

 

Bereits jetzt gibt es zugelassene Wirkstoffe mit Affinität zum NMDA-Rezeptor. Dies ist zum Beispiel der Glutamat-Modulator Acamprosat, der zur Rückfallprophy­laxe bei alkohol­abhängigen Patienten ­eingesetzt wird. Acam­prosat soll einen Anti-Craving-Effekt bewirken, sodass der Patient kein unstillbares Verlangen mehr nach dem Suchtmittel hat (36).

 

Der chronische Gebrauch großer ­Alkoholmengen über einen längeren Zeitraum führt zur Hochregulation von NMDA-Rezeptoren (37). Fällt die gewohnte Alkoholdosis beim Entzug aus, kommt es zur Übererregung nachgeschalteter Synapsen, verbunden mit dem Verlangen nach Wiederaufnahme von Alkohol. Acamprosat bindet im ­Kanal des NMDA-Rezeptors und wirkt hier als Partial-Co-Agonist. In geringen Konzentrationen bei niedriger NMDA-Rezeptor-Aktivität steigert er diese, in hohen Konzentrationen bei hoher Rezeptor-Aktivität senkt er jedoch die ­Aktivität und wirkt somit der Überer­regung und dem Verlangen entgegen (38). Dadurch werden auch neurotoxische Effekte unterbunden, die durch die NMDA-Rezeptor-Überaktivierung und den damit verbundenen exzessiven Ca2+-Einstrom ausgelöst werden.

 

Dieser Effekt von Acamprosat schützt beim Entzug vor der durch starke glutamaterge Erregung ausgelösten Degeneration von Nervenzellen. Ein neuroprotektiver Effekt wurde im Tiermodell auch nach Schlaganfall gezeigt (39).

 

Die klinische Datenlage spricht allerdings gegen Acamprosat als Anti-Craving-Substanz. Verschiedene Studien konnten keinen Vorteil gegenüber Placebo belegen. Voraussetzung für den allenfalls marginalen Nutzen, der in ­anderen Studien gezeigt wurde, war eine begleitende Psychotherapie sowie eine hohe Motivation der Entzugspa­tienten (40).

 

Auch das Antiepileptikum Felbamat (Beispiel Taloxa®), das beim Lennox-Gastaut-Syndrom eingesetzt wird, interagiert mit dem NMDA-Rezeptor. Diskutiert wird ein dualer Wirkansatz: Abnahme der exzitatorischen Neurotransmission und Verstärkung der ­GABAergen Erregungsübertragung (41). Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt (42). /

 

Literatur bei den Verfassern

Die Autoren

Frauke Weber studierte Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster und erhielt 2009 die Approbation als Apothekerin. Während der Promotion an der Universität Münster im Fach Pharmazeutische und Medizinische Chemie bei Professor Dr. Bernhard Wünsch beschäftigte sie sich mit der Entwicklung neuartiger σ-Rezeptor-Liganden mit überbrückter Piperazin-Struktur. Seit 2010 ist Dr. Weber als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der WWU in Forschung und Lehre tätig. Als Koordinatorin der PharMSchool baut sie seit 2012 ein neuartiges Projekt für Studierende des Hauptstudiums auf, dessen Ziel die Vernetzung der pharmazeutischen Teildisziplinen ist.

 

Bernhard Wünsch studierte Pharmazie in München und erhielt 1984 die Approbation als Apotheker. Nach der Promotion 1987 habilitierte er sich 1993 für das Fach Pharmazeutische Chemie. 1996 folgte er dem Ruf auf die C3-Professur für Pharmazeutische Chemie an der Universität Freiburg, wo er 1999 bis 2002 als Studiendekan wirkte. Seit Oktober 2002 ist Wünsch C4-Professor für Pharmazeutische Chemie an der Universität Münster. Von 2005 bis 2006 war er Dekan des Fachbereichs Chemie und Pharmazie. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Entwicklung neuer Liganden für Sigma-, Opioid- und Glutamat-Rezeptoren im Zentralnervensystem. Ein besonderer Schwer­punkt liegt auf dem Einfluss der ­Stereochemie der neuen Liganden auf die Rezeptoraffinität und -selektivität.

 

Dr. Frauke Weber

Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der WWU Münster

Corrensstraße 48

48149 Münster

E-Mail: fwebe_01@uni-muenster.de

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