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Kinder

Fiebersenken muss nicht immer sein

20.01.2016
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Kinder haben häufig Fieber, was Eltern beunruhigt. Dabei ist die Erhöhung der Körpertemperatur keine Krankheit, sondern ein Symptom, das eine effektive Immunreaktion anzeigt. Die Temperatur zu senken, ist daher nur in bestimmten Fällen nötig.

Fieber ist gerade bei Kindern ein häufiges Symptom. Schätzungen zufolge hat ein Drittel aller Kinder, die beim Kinderarzt vorgestellt werden, eine erhöhte Körpertemperatur. Auch in der Apotheke ist Fieber ein häufiger Anlass zur Beratung: Ab welcher Temperatur liegt Fieber vor? Ist Fieber an sich schädlich? Wie lässt es sich senken? So sind Eltern zum Teil der Ansicht, bei ihrem Kind eine »normale Temperatur« einhalten zu müssen, was zur unnötigen Gabe von Antipyretika führen kann.

Natürliche Schwankungen

 

Die Körpertemperatur des Menschen unterliegt einer strengen Regulation. Normalerweise beträgt sie zwischen 36,5 und 37,4 °C, wobei sie im Tagesverlauf leicht schwankt. Zwischen 37,5 und 38 °C spricht man von erhöhter Temperatur. Ab 38 °C liegt laut Definition des Berufsverbands der Internisten Fieber vor (siehe Kasten). Dabei kommt es auch darauf an, wo und mit welchem Thermometer gemessen wird. Denn die Messtemperaturen können sich mitunter je nach Messort unterscheiden. Am genauesten ist die rektale Messung. Sie liegt etwa 0,5 °C unter der Körperkerntemperatur. Die Messung im Mund und in der Achsel liefert eher unzuverlässige Werte. Auch die Messung im Ohr mit einem Infrarotthermometer ist nicht so exakt wie die rektale, dafür aber deutlich angenehmer und einfacher in der Handhabung. Allerdings können bei Fehlern in der Handhabung falsch niedrige Werte auftreten.

 

Für die Regulation der Körpertemperatur ist die Regio praeopticus im Hypo­thalamus verantwortlich. Etwa 30 Prozent der Neurone in dieser Gehirnregion sind wärmesensitiv, etwa 5 Prozent kältesensitiv. Mit deren Hilfe kann diese Hirnregion die Temperatur selbst wahrnehmen und erhält zusätzlich Informationen aus der Peripherie – von Rezeptoren aus der Haut. So findet permanent ein Abgleich zwischen Soll- und Istwert der Körpertemperatur statt.

 

Bei einer Fieberreaktion wird der Sollwert nach oben verschoben. Verantwortlich hierfür sind Pyrogene, die über verschiedene Mechanismen die wärmesensitiven Neuronen hemmen. Zu ihnen zählen neben Tumornekrose­faktor-α auch Interleukin-1, -6 und -8. Dies führt dazu, dass wärmeabgebende Prozesse gehemmt werden. So wird etwa die Durchblutung der Haut gedrosselt, wodurch die Haut blass und kalt erscheint. Hände und Füße werden kalt. Zudem wird die Wärmeproduk­tion hochgefahren, indem der Stoffwechsel aktiviert wird und die Muskeln anfangen zu zittern, was bis zum Schüttelfrost führen kann. Durch diese Mechanismen steigt die Körpertemperatur an und kann gerade bei kleinen Kindern rasch Werte um 40 oder 41 °C erreichen.

<typohead type="2" class="balken">Einteilung der Körpertemperatur</typohead type="2">

  • 36,5 bis 37,4 °C: Normale Temperatur
  • 37,5 bis 38,0 °C: Subfebril
  • 38,1 bis 38,5 °C: Leichtes Fieber
  • 38,6 bis 39,0 °C: Mäßiges Fieber
  • 39,1 bis 39,9 °C: Hohes Fieber
  • 40,0 bis 42,0 °C: Sehr hohes Fieber

Quelle: www.internisten-im-netz.de

Schutzmechanismen des Körpers

 

Über diese Werte hinaus steigt die Temperatur dagegen in aller Regel nicht, denn es gibt auch begrenzende Maßnahmen. Diese verhindern, dass Zellen durch eine zu hohe Temperatur geschädigt werden. Temperatursenkend wirken zum Beispiel Interleukin-1β-Antagonisten und Interleukin-10. In der Phase des Fieberabfalls gibt der Körper Wärme ab. Der Patient schwitzt, die Durchblutung der Haut nimmt wieder zu.

 

Fieberreaktionen treten bei einer ganzen Reihe von Tierarten auf – von Säugetieren über Reptilien und Amphibien bis hin zu Wirbellosen. Dass Fieber in der Evolution so stark konserviert wurde, lässt vermuten, dass es eine Funktion erfüllt. Zum einen scheint es das Wachstum von eingedrungenen Pathogenen bei Infektionen zu hemmen, da die Krankheitserreger an die normale Körpertemperatur ihres Wirts angepasst sind und sich bei höheren Temperaturen schlechter vermehren können. Zudem scheinen einige Funktionen der Immun­antwort wie etwa die Antikörperproduktion bei Temperaturen zwischen 38 und 41 °C verstärkt abzulaufen.

 

Fieber zu senken, ist somit nicht immer sinnvoll. Einige Studien zeigen, dass ein Absenken der Temperatur mittels Antipyretika den Krankheitsverlauf verlängern kann. So wurde eine Studie mit fiebernden Intensivpatienten, die entweder ab 38,5 °C oder erst ab 40 °C antipyretisch behandelt wurden, vorzeitig abgebrochen, da die Mortalität in der ersten Gruppe deutlich erhöht war (2006, DOI: 10.1089/sur.2005.6.369). Es gibt aber auch Untersuchungen, die keine Verschlechterung des Krankheitsverlaufs durch fiebersenkende Maßnahmen belegen, eine Verbesserung allerdings auch nicht.

 

Obwohl Fieber die Infektabwehr unterstützt, ist es unter bestimmten Voraussetzungen nötig, die Körpertemperatur zu senken. Entsprechende Arzneimittel sollten laut der Patientenleitlinie »Fieber im Kindesalter« der Universität Witten/Herdecke verabreicht werden, wenn das Kind bei hohem Fieber zunehmend erschöpft ist, dadurch nicht mehr ausreichend trinkt, und wenn Fieber dauerhaft besteht. Zudem ist eine Antipyrese vorzunehmen, wenn der Arzt sie zum Beispiel wegen vorangegangener Fieberkrämpfe oder anderer Erkrankungen verordnet hat.

Bei Kindern werden vor allem zwei Wirkstoffe eingesetzt: Paracetamol und Ibuprofen. Da die Gabe von Acetylsalicylsäure bei Kindern mit dem Auftreten des Reye-Syndroms in Verbindung gebracht wird, sollte der Wirkstoff in dieser Altersgruppe nicht eingesetzt werden. Paracetamol ist Mittel der Wahl. Es ist für die Selbst­medikation bei Fieber und Schmerzen ohne Altersbeschränkung zugelassen, sollte aber nicht länger als drei Tage eingenommen werden. Die Dosierung hängt von Alter und Körpergewicht ab und ist wegen der Gefahr der Hepatotoxizität genau einzuhalten. Dosen von 10 bis 15 mg/kg Körpergewicht alle vier bis sechs Stunden werden als effektiv und sicher angesehen.

 

Maximal drei Tage lang selbst behandeln

 

Ebenso effektiv und verträglich wie Paracetamol ist Studien zufolge Ibuprofen – in einer Dosierung von 10 mg/kg Körpergewicht. Zu berücksichtigen ist hier die Gefahr einer möglichen Nierentoxizität, insbesondere bei Dehydra­tation oder bestehender Nierenschädigung. Wie Paracetamol sollte auch Ibuprofen nicht länger als drei Tage in Folge gegeben werden.

 

Zum Teil empfehlen Ärzte auch eine alternierende Therapie mit beiden Wirkstoffen. Diese ist Studien zufolge effektiver als eine Monotherapie, wie Dr. Janice E. Sullivan von der University of Louisville und Kollegen in einem Bericht in »Pediatrics« schreiben (DOI: 10.1542/peds.2010-3852). Sie erhöhe aber das Risiko für Therapiefehler und könne somit die Arzneimitteltherapiesicherheit gefährden.

 

Zusätzlich zur medikamentösen Anti­pyrese können nicht medikamentöse Maßnahmen den Organismus entlasten. In der Phase des Fieberanstiegs sollte der Patient warm eingepackt werden und eventuell eine Wärmflasche erhalten. In der Phase des Fieberabfalls können kalte Wickel, ein feuchtes Tuch auf der Stirn, eine kühle Raumtemperatur und kühle Getränke die Wärmeabgabe unterstützen. Basisbehandlung ist natürlich, dass fiebernde Kinder ausreichend trinken und sich körperlich schonen.

 

Fieberhafte Zustände sind in der Regel harmlos und selbstlimitierend, können aber in seltenen Fällen auf eine ernste Erkrankung zurückgehen. Entsprechende Anzeichen sind eine ungewöhnliche Gesichtsfarbe, anhaltende Trinkschwäche, Hautausschlag, wiederholtes Erbrechen, Durchfall, Nackensteifigkeit, Verwirrtheit und Atemnot. In diesen Fällen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Das gilt auch, wenn Fieber ohne erkennbare Ursache länger als drei Tage andauert, das Fieber sich nicht senken lässt, Fieberkrämpfe auftreten oder die Eltern stark beunruhigt sind. Fiebernde Säuglinge unter drei Monaten sollten grundsätzlich zum Arzt. /

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