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Einnahme-/Therapietreue

Ginkgo biloba auf Rezept

14.01.2014
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Von Sittah Czeche, Martin Schulz und Katrin Schüssel / Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Persistenz, also dem Zeitraum, über den ein Patient ein Arzneimittel regelmäßig verordnet bekommt, und der initial gewählten Wirkstärke? Dieser Fragestellung ging das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) in einer retrospektiven Kohortenstudie anhand von verschiedenen Wirkstärken Ginkgo-biloba-Extrakt-haltiger Arzneimittel nach.

Das DAPI untersuchte in einer retrospektiven Kohortenstudie für Gb-haltige Arzneimittel, ob die Persistenz als Voraussetzung für Einnahmetreue (»Compliance«), davon abhängt, welche Wirkstärke initial verordnet wurde. Als Datenbasis diente die Datenbank des DAPI, die Arzneimittelabrechnungsdaten zulasten der GKV aus mehr als 80 Prozent der öffentlichen Apotheken in Deutschland enthält.

 

Für die Studie wurden Patienten betrachtet, die im Jahr 2008 ein GKV-Rezept über ein Gb-Präparat in der Apotheke eingelöst hatten, und mindestens ein Jahr lang nicht vorbehandelt waren. Dies traf auf 13 810 Patienten zu, von denen 430 (3,1 Prozent) initial mit 240 mg, 7070 (51,2 Prozent) mit 120 mg und 6310 (45,7 Prozent) mit einer geringeren Wirkstärke als 120 mg je Tablette behandelt wurden. Nun wurde über ein Jahr lang analysiert, wie viele weitere GKV-Rezepte mit Gb-Präparaten in welcher Wirkstärke und in welcher Packungsgröße von den Patienten eingelöst wurden. Unter der Annahme, dass der Patient das auf dem Rezept verordnete Gb-Arzneimittel in einer Tagesdosis von 240 mg auch tatsächlich eingenommen hat, wurde anhand von Packungsgröße und Wirkstärke des jeweiligen Präparates die Reichdauer einer Packung berechnet. Um einzuschätzen, wie lange ein Patient Gb-Präparate eingenommen hat, wurden die Reichdauern addiert und ein Toleranzzuschlag von 20Prozent auf die Reichdauer der vorangegangenen Packung gewährt.

 

Unzureichende Persistenz

 

Das Ergebnis: Unter der Voraussetzung, dass eine mindestens zwölfwöchige Behandlung notwendig ist, um eine Verzögerung der Progredienz einer Demenz zu erreichen, war die Persistenz in allen Studiengruppen unzureichend. Nur rund die Hälfte der Patienten (52,8 Prozent), die ihre Therapie mit 240 mg Gb begonnen haben, löste überhaupt ein Folgerezept ein. Bei Patienten, die ihre Therapie mit niedrigeren Wirkstärken begonnen hatten, waren es noch weniger (45,3 Prozent bei 120 mg, 34,1Prozent bei geringerer Wirkstärke). Nach sechs Monaten waren noch 22,8 Prozent der Patienten, die anfänglich eine Wirkstärke von 240mg Gb verordnet bekommen hatten, persistent, wohingegen nur noch 5,7Prozent der mit initial 120mg Gb behandelten Patienten mit Medikation versorgt waren. Anzumerken ist jedoch, dass die Versorgung der Patienten mit Gb-Präparaten zusätzlich oder nach einer Erstverordnung auch ausschließlich im Rahmen der Selbstmedikation erfolgen kann.

 

Bei einer Wirkstärke von 240 mg Ginkgo-biloba-Trockenextrakt je Darreichungsform (Filmtablette) war das Risiko für einen Therapieabbruch (Non-Persistenz) im Vergleich zu 120 mg signifikant um 37 Prozent niedriger: HR = 0,63 (95% KI [0,57-0,70]).

 

Effekt erst nach drei Monaten

 

Fazit: Bei der Abgabe von Gb-Präparaten sollte das pharmazeutische Personal Patienten und andere Kunden verstärkt dahingehend beraten, dass eine konsequente Einnahme von Gb-Arzneimitteln über mindestens drei Monate in einer Tagesdosis von 240 mg notwendig ist, um einen positiven therapeutischen Effekt hinsichtlich eines demenziellen Syndroms zu erreichen. /

Präparate mit Ginkgo biloba (Gb) werden hauptsächlich in der Selbstmedikation zur Behandlung von Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie Schwindel oder Ohrensausen eingenommen. Darüber hinaus können sie in Deutschland zur Behandlung der Demenz zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnet werden, sofern sie einen standardisierten Gb-Blätter-Extrakt auf Basis eines Aceton-Wasser-Auszugs enthalten und eine Tagesdosis von 240 mg des Trockenextrakts verabreicht wird.

 

Originalpublikation: 

Czeche S, Schüssel K, Franzmann A, Burkart M, Schulz M. Dosage strength is associated with medication persistence with Ginkgo biloba drug products: a cohort study of ambulatory drug claims data in Germany. BMC Complement. Altern. Med. 2013; 13: 278 [doi:10.1186/1472-6882-13-278]. http://www.dapi.de/de/publika tionen/gesamtverzeichnis/

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