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Biomedizin

Forschung für die Mülltonne

14.01.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Biomedizinische Forschung ist teuer – und häufig sinnlos. In einer Artikelserie im Fachjournal »The Lancet« üben Wissenschaftler harsche Kritik an der derzeitigen Forschungspraxis. Es werde zu wenig Qualität und zu viel Müll produziert, so das Fazit.

Schuld an der Schieflage im Wissenschaftsbetrieb käme neben den Wissenschaftlern selbst auch den Fachzeitschriften zu, die mitunter Publikumswirksamkeit und Profit über die Qualität der Arbeiten stellten. Das schreiben Sabine Kleinert und Richard Horton in einem Kommentar zur Artikelserie (doi: 10.1016/S0140-6736 (13)62678-1). Auch die Hochschulen folgten ihrer Ansicht nach falschen Anreizsystemen und erwarteten möglichst viele Publikationen in kurzer Zeit.

 

Erst vor Kurzem hatte sich der Nobelpreisträger für Medizin 2013, Randy Schekman, gegen die »Luxusjournale« wie »Nature«, »Science« oder »Cell« gewandt. Diese gälten als »Inbegriff von Qualität«, die nur hochwertige Arbeiten publizieren sollten, schrieb er in einem Artikel in »The Guardian«. Doch häufig veröffentlichten sie auch mittelmäßige Arbeiten mit provokanten Thesen oder sexy Fragestellungen, die Wellen schlagen und den sogenannten Impactfactor des Journals hochhalten. Wer in der Wissenschaft Karriere machen wolle, müsse in diesen wichtigen Journalen publizieren und wähle daher eher attraktive Themen aus, während wichtige Arbeiten wie etwa Replikationsstudien vernachlässigt würden, so Schekman. Der Nobelpreisträger, der Herausgeber einer frei zugänglichen Online-Fachzeitschrift ist, kündigte an, die Luxusjournale in Zukunft zu boykottieren, und forderte andere Wissenschaftler auf, es ihm gleichzutun. Auch Kleinert und Horton rufen in ihrem Kommentar alle in der Wissenschaft Tätigen dazu auf, kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, was sie derzeit tun.

 

Die Kritik ist nicht neu. Bereits 2009 hatte »The Lancet« eine Arbeit veröffentlicht, in der Iain Chalmers und Paul Glaszious die These aufstellten, dass etwa 85 Prozent aller Forschungsinvestitionen, in Form von Geldern und Arbeitsaufwand, verschwendet würden (doi: 10.1016/S0140-6736(09)60329-9). Bezogen auf die Summe von 240 Milliarden US-Dollar (180 Milliarden Euro), die im Jahr 2010 weltweit für biomedizinische Forschung ausgegeben wurde, seien dies 200 Milliarden US-Dollar (146 Milliarden Euro). Fehler könnten dabei auf allen Ebenen der Forschungsplanung stattfinden: Es würden die falschen Fragen gestellt, das Studiendesign sei unpassend, Studienreports seien unvollständig und Ergebnisse würden zurückgehalten oder verfälscht dargestellt.

 

Mangelnde Planung

 

Ein häufiger Fehler sei, dass Forscher den aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft bei der Planung einer Studie ignorierten, kritisieren Chalmers und Kollegen in einem der Artikel (doi: 10.1016/S0140-6736(13)62229-1). Dadurch käme es zu Duplikationen oder zu unnötigen Forschungsarbeiten, weil etwa Nebenwirkungen von Wirkstoffen bereits aus Tierversuchen bekannt seien. Eine Untersuchung von Veröffentlichungen zu klinischen Studien zeigte, dass nur in Ausnahmefällen existierende systematische Reviews zur Fragestellung bei der Planung der Studie herangezogen würden.

 

Hierzu passt auch die Analyse von 446 Protokollen klinischer Studien, die von britischen Wissenschafts-Ethikkommissionen zugelassen wurden: Nur vier Initiatoren hatten bei der Studienplanung Metaanalysen vorheriger Arbeiten verwendet, um die nötige Probengröße zu ermitteln. Die Folgen seien zu geringe Patientenzahlen und dadurch nicht ausreichende statistische Power und unbrauchbare Ergebnisse. Als Gegenmaßnahme schlagen die Autoren vor, eine aktuelle systematische Literaturanalyse zur Grundvoraussetzung für die Vergabe von Forschungsgeldern zu machen.

 

Forschungsmüll entstünde auch, wenn wenig relevanten Fragestellungen nachgegangen werde. So hätten Patienten und Kliniker zu selten einen Einfluss auf Forschungsaktivitäten, kritisieren die Autoren. Ungünstig sei auch, wenn Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, die in klinischen Studien weiter untersucht werden sollen, nicht tragfähig seien. Viele Daten seien nicht reproduzierbar, beklagt unter anderem die Pharmaindustrie: So gelang es Forschern des Unternehmens Amgen bei 47 von 53 Grundlagenstudien von Hochschulen zu möglichen onkologischen Medikamenten-Targets nicht, sie in eigenen Arbeiten zu reproduzieren. Hätte das Unternehmen auf dieser Grundlage Untersuchungen begonnen, wären diese von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

Die Wiederholung von Untersuchungen durch unabhängige Arbeitsgruppen ist essenziell, um die Ergebnisse zu sichern, schreiben John Ioannidis und Kollegen in einem weiteren Artikel (doi: 10.1016/S0140-6736(13)62227-8). Doch häufig seien solche Replikationen nicht möglich, weil die Autoren der Originalarbeit das Studiendesign und die angewendeten Methoden nur unvollständig beschreiben und Ergebnisse in Form von Rohdaten nicht zugänglich sind. Manche Arbeitsgruppen würden sogar Versuche der Validierung ihrer Ergebnisse unterminieren, heißt es in dem Artikel. Die Autoren schlagen vor, ein System einzuführen, das die Reproduzierbarkeit von Studien und eine transparente Kommunikation belohnt.

 

In der Schublade

 

Auch der Umgang mit negativen Daten stelle ein Problem im Wissenschaftsbetrieb dar, machen An-Wen Chan und Kollegen in einem weiteren Artikel deutlich (doi: 10.1016/S0140-6736(13) 62296-5). Unerwünschte Ergebnisse würden häufig nicht publiziert. So bliebe etwa die Hälfte aller präklinischen und klinischen Studien nach Fertigstellung unveröffentlicht. Außerdem würden in Publikationen eher positive Ergebnisse aufgenommen, während die nicht signifikanten oder negativen Ergebnisse unter den Tisch fallen.

 

Dies führt nicht nur zu unnötigen weiteren Studien, sondern kann auch schwerwiegende Folgen für Patienten haben, wie die Autoren an verschiedenen Beispielen verdeutlichen. So sei eine Phase-I-Studie mit einem ähnlichen Antikörper wie TGN1412, in der starke Nebenwirkungen aufgetreten waren, nie veröffentlicht worden. Bei einer Phase-I-Studie mit TGN1412 verloren 2006 sechs gesunde Freiwillige beinahe ihr Leben. Auch im Fall von Rosi­glitazon seien unerwünschte Ergebnisse nicht publiziert worden, was zu 6000 bis 8000 zusätzlichen Myokardinfarkten unter dieser Therapie geführt hätte, rechnen die Autoren vor.

 

Sie fordern unter anderem die Registrierung aller klinischer Studien. Zudem sollten alle Protokolle und Pläne sofort sowie die Rohdaten spätestens sechs Monate nach Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift öffentlich zugänglich gemacht werden. Institutionen, die Forschungsgelder vergeben, sollten mehr Wert auf qualitativ hochwertige Forschung und Reproduzierbarkeit legen und Standards für den Inhalt von Studienprotokollen und für die Datenweitergabe entwickeln. Die Öffentlichkeit habe angesichts der enormen Ausgaben für biomedizinische Forschung ein Recht auf effiziente Forschung und vollständige Transparenz. /

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