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Langzeitstudie

Salzhaushalt unterliegt Rhythmus

15.01.2013
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Ein ungewöhnliches Langzeit­experiment rüttelt an einer Lehrmeinung zum menschlichen Salzstoffwechsel. Anders als bislang angenommen, schwankt das Natriumniveau im Körper sogar bei konstanter Kochsalzzufuhr periodisch. Dies ist offenbar hormonell kontrolliert.

Kochsalz ist lebensnotwendig für den menschlichen Körper. Er benötigt die Natrium- und Chlorid-Ionen für viele physiologische Prozesse, zum Beispiel die Muskel- oder Nervenfunktion. Der Kochsalzgehalt des Bluts muss aber streng kontrolliert werden. Bisher ging man davon aus, dass dies hauptsächlich über die Niere geschieht und der Körper rasch ein Gleichgewicht anstrebt. Nach der gängigen Lehrmeinung wird überschüssiges Natrium innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme über den Urin wieder ausgeschieden. Dass der Körper beim Ausbalancieren des Salzhaushalts aber viel flexibler ist als angenommen, zeigt jetzt ein ungewöhnliches Isolationsexperiment.

Bei der sogenannten Mars500-Mission wurde eine Reise zum Nachbarplaneten der Erde simuliert. Professor Dr. Jens Titze und Kollegen von der Universitätsklinik Erlangen nahmen an dem europäischen Projekt als Ärzte teil. Die Forscher konnten Stoffwechseldaten der Crew-Mitglieder über einen Zeitraum von 105 Tagen und später von 205 Tagen erheben und dabei die Nahrungsaufnahme und die Ausscheidungen jedes Einzelnen strikt kontrollieren. Zusätzlich maßen die Wissenschaftler Hormonkonzentrationen im Urin und weitere Parameter wie Körpergewicht und Blutdruck. In dieser Zeit senkten sie den Salzgehalt der Nahrung der Studienteilnehmer von zunächst 12 g Na­triumchlorid pro Tag auf die in Deutschland üblichen 9 g und später auf die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 6 g und hoben ihn dann wieder abrupt auf 12 g an. Die Teilnehmer erhielten die entsprechende Menge Kochsalz jeweils mindestens 29 Tage lang.

 

Für jede Person konnten so die Na­triumaufnahme und -ausscheidung für jeden Tag dokumentiert werden. Dabei kam Überraschendes heraus: Obwohl die Kochsalzaufnahme mit der Nahrung über einen langen Zeitraum konstant war, blieb die Natriumausscheidung nicht gleich, sondern schwankte von Tag zu Tag erheblich. Das berichten Titze und Kollegen im Fachjournal »Cell Metabolism« (doi: 10.1016/j.cmet.2012. 11.013). Auch die Konzentrationen der Hormone Aldosteron und Cortisol variierten. Eine genauere Analyse ergab, dass die Werte einem Rhythmus folgten, der sich etwa alle sechs Tage wiederholte. »Wo wir von Konstanz ausgegangen sind, produziert der Körper rhythmische Variabilität, und deren Ausmaß ist sehr, sehr überraschend«, kommentiert Projektleiter Titze in einer Mitteilung der Universität Erlangen.

 

Dabei war die Natriumausscheidung über die Niere invers korreliert mit dem Steroidhormon Aldosteron: Das bedeutet, wenn die Aldosteron-Konzentration hoch war, war die Natriumausscheidung gering und andersherum. Für das Stresshormon Cortisol zeigte sich das Gegenteil; seine Konzentration war bei einer hohen Natriumausscheidung im Urin niedrig. Auch das war für das Forscherteam nach eigenem Bekunden »ganz erstaunlich«. Cortisol wurde vorher als Unterstützer von Aldosteron angesehen. Der neue Befund kennzeichnet die zwei Hormone aber eindeutig als Gegenspieler.

 

Zusammenhang mit Blutdruck nachgewiesen

 

Initiiert hatten Titze und Kollegen die Untersuchung, um den Zusammenhang von Salzkonsum und Blutdruck zu belegen. Dieser wurde zwar schon lange angenommen, konnte aber nie direkt nachgewiesen werden. Anhand der Daten aus der Mars500-Mission konnten die Forscher nun zeigen, dass der Blutdruck um zunächst 1 mmHg fiel, wenn sie den Salzgehalt der Nahrung senkten. Bei der Reduktion auf 6 g NaCl reduzierte sich der Blutdruck um weitere 2 mmHg. Hoben die Forscher den Salzgehalt in der Nahrung wieder auf 12 g an, stieg auch der Blutdruck wieder um etwa 2 mmHg. Der Zusammenhang ist somit belegt, auch wenn der Effekt ausgesprochen gering ausfällt.

 

Eine weitere Erkenntnis aus dem Experiment ist, dass der Natriumanteil des gesamten Körpers und der Blutdruck nicht miteinander korrelieren. Durch die rhythmische Retention und Exkretion von Natrium stieg und fiel auch der Gesamt-Natriumanteil im Körper. Dies war unabhängig von Körpergewicht, Blutdruck und Salzkonsum der Fall, was vermuten lässt, dass Natrium gespeichert und ausgeschieden wird, ohne dass das Auswirkungen auf den Wassergehalt des Körpers hätte, schreiben die Forscher. Als Speicher kommen Haut und Muskeln infrage, wie sich bereits in früheren Untersuchungen gezeigt hatte. Die Niere ist somit nicht allein für die Regulation des Salzgehalts verantwortlich. Die Forscher vermuten, dass eine gestörte Salzspeicherung zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen könnte.

 

Streit ums Salz

 

Ein entscheidender Aspekt dieser Untersuchungsergebnisse ist, dass sie eine bislang gängige Messmethode zur Abschätzung der Kochsalzaufnahme infrage stellen: den 24-Stunden-Sammelurin. Aufgrund der starken Schwankungen ist der gesammelte Urin eines Tages ungeeignet, um einzuschätzen, wie viel Speisesalz ein Mensch im selben Zeitraum zu sich genommen hat. »Als ärztliche 24-Stunden-Sammler konnten wir das eigentlich zuerst kaum glauben«, so Titze. »Aber nach Mars500 kann ich es.« Daraus ergibt sich für ihn die Frage: »Was sind unsere Untersuchungen zur Abschätzung der Kochsalzaufnahme – im klinischen Alltag wie in Feldstudien – angesichts dieser neuen Informationen überhaupt wert?« Viele Salzstudien basieren nämlich auf Daten, die mithilfe des 24-Stunden-Sammelurins gewonnen wurden. Dies könnte den Streit um das Salz weiter anfachen. Schon seit Längerem wird darüber gestritten, wie viel Salz in der Nahrung gesund ist. Die Deutschen nehmen durchschnittlich 9 g Kochsalz pro Tag zu sich. Der Gesundheit zuliebe sollten es weniger als 6 g pro Tag sein, empfiehlt unter anderem die WHO.

 

Der Hauptgrund für diese Empfehlung war die Meinung, dass ein hoher Salzkonsum den Blutdruck erhöht und somit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch diese These wird nicht nur durch die vorliegende Studie untergraben. Auch andere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass der Einfluss des Salzkonsums auf den Blutdruck minimal ist. So zum Beispiel eine Metaanalyse der »Cochrane Collaboration« aus dem Jahr 2011 von Wissenschaftlern um Rod S. Taylor. Ihre Analyse von sieben Studien zum Zusammenhang von Salzkonsum, Blutdruck und Mortalität ergab, dass eine Reduktion der Zufuhr nach mehr als sechs Monaten den Blutdruck um 1 bis 4 mmHg senken konnte. Auf die Mortalität und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatte dies kaum Einfluss (doi: 10.1038/ajh.2011.115). Eine ältere Metaanalyse war bereits zu einem vergleichbaren Ergebnis gekommen.

 

Bei solchen Werten stellt sich die Frage, ob ein hoher Salzkonsum wirklich so schädlich ist, wie er häufig immer noch dargestellt wird. Die WHO sieht ihn nach wie vor als eine Hauptursache von Hypertonie und deren Folgeerkrankungen. Die Studie von Titze und Kollegen zeigt aber, wie wenig über den Salzhaushalt eigentlich bekannt ist, und wie viele Fragen noch offen sind. Die Diskussion um den Salzkonsum wird also weitergehen. /

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