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Hochschulporträt

»Marburg hat keine Uni, Marburg ist eine Uni«

18.01.2011
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Von Sven Siebenand, Marburg / In einer weiteren Folge der Serie »Hochschulporträt« stellt sich der, gemessen an der Studierendenzahl, größte Standort für Pharmazie in Deutschland vor: die Philipps-Universität Marburg.

Historie, Kultur, das städtische Ambiente mit vorbildlich sanierter Fachwerk-Altstadt sowie Lahn und Landgrafenschloss: Mit diesen touristischen Highlights und dem Zusatz »Studier mal Marburg« wirbt die 85 000-Einwohner-Stadt in Mittelhessen um Gäste. Streift man durch die Straßen, sieht man vor allem junge Menschen. Kein Wunder, denn rund 21 000, darunter etwa 900 im Fach Pharmazie, studieren nicht Marburg, sondern in Marburg.

»Marburg hat keine Uni, Marburg ist eine Uni«, bringt es Professor Dr. Michael Keusgen, Dekan des Fachbereiches Pharmazie, bei einem Besuch der PZ auf den Punkt. Pro Semester immatri­kuliere man 100 bis 110 Erstsemest­ler, hinzu kämen etwa 100 Promotions­stu­denten. »Die Pharmazie ist in Marburg ein eigenständiger Fachbereich mit fünf Instituten«, informiert Fachbereichskoor­dinator Dr. Christof Wegscheid-Gerlach. Das Institut für Geschichte der Pharma­zie sei bisher das einzige seiner Art in Deutschland und über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.

 

»Da Marburg eine der wenigen Unis ist, die auch zum Sommersemester Studienanfänger zulässt, ist der Ansturm auf die Plätze dann besonders groß«, informiert Keusgen. Viele Studienanfänger kämen aus Hessen und den benachbarten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Der Mix aus hervorragender Studiensituation (inklusive Betreuung der Studierenden durch Lehrende) und exzellenter Forschung begründet Keusgen zufolge die hohe Beliebtheit des Standortes Marburg. Das spiegele sich auch im aktuellen CHE-Ranking wider. »Das breite Angebot an Auslands-Austauschmöglichkeiten ist ein weiteres Hauptargument pro Marburg«, sagt Keusgen. Egal ob ein Semester, im Rahmen des Wahlpflichtfaches oder als PJ-Halbjahr: Alles sei möglich. »Wir können etwa 40 Studierenden pro Semester einen Platz im Ausland, zum Beispiel in Finnland, Spanien oder den USA, anbieten. Wer da­ran Spaß hat, ist hier richtig aufgehoben.«

Das kann auch Nina Klee bestätigen. Sie hat in Marburg studiert und arbeitet dort nun auch an ihrer Promotion. »Selbst wenn man eine eigene Idee für einen Auslands­aufenthalt hat, kann man die Professoren jederzeit um Hilfe bitten und erhält diese dann auch.« Das gilt selbstverständlich auch bei anderen Anliegen. Die Wege in Marburg sind kurz. Das stimmt im wahrsten Sinne des Wortes. Denn obwohl die einzelnen Institute räumlich voneinander getrennt sind, sind die meisten Hörsäle und Labore zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen.

 

Viele Zusatzqualifikationen möglich

 

Ein weiteres Angebot für Pharmazeuten in Marburg sind bestimmte Master- und Aufbaustudiengänge sowie Zusatzqualifikationen. Der Master of Chemistry mit Schwerpunkt Medicinal Chemistry wird zum Beispiel zusammen mit dem Fachbereich Chemie angeboten, der Master Biopharmazeutische Technologie zusammen mit der Fachhochschule in Gießen und Friedberg ist in Vorbereitung. Der dreisemestrige Aufbaustudiengang Geschichte der Pharmazie und Naturwissenschaften richtet sich insbesondere an Pharmazeuten, aber auch an andere Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler. Zwischen 15 und 20 Studierende nehmen jeweils daran teil.

Auch eine Zusatzqualifikation in Pharma­recht (in Zusammenarbeit mit dem Fach­bereich Rechtswissenschaften) können Pharmazeuten in Marburg erwerben. Sozialgesetzbuch, Krankenkassen­recht oder Patentfragen: Das Spektrum ist breit gefächert. Last but not least be­steht auch in Marburg (in Kooperation mit den Universitäten in Halle und Greifs­wald) die Möglichkeit, zusätzlich eine Diplomarbeit anzufertigen. »Etwa 10 Studenten pro Semester machen davon Gebrauch«, so Keusgen. Einige nutzen diese Zeit als Testphase für eine Promo­tion, andere wissen bereits, dass sie nach dem Studium im Ausland arbeiten möchten. »Dort ist ein Diplomabschluss besser anerkannt als die unbekannte deutsche Approbation«, sagt Keusgen. Ferner sei es möglich, das Diplom auch im Ausland zu absolvieren.

 

Die Studiengebühren sind im Land Hessen wieder abgeschafft worden. Stattdessen gibt es nun Studiengebühren- ersatzleistungen vom Land. Diese konnten in Marburg zum Beispiel dafür genutzt werden, um die Geräteausstattung in den Laboren deutlich zu verbessern. Zudem wurden viele Labore modernisiert. »In allen Bereichen sind die Studierenden nun mit aktuellen Geräten in Kontakt, wir konnten an einigen Stellen ordentlich entrümpeln«, freut sich Keusgen. Das hat auch einen Einfluss auf die Lehre. »Neue HPLC-Geräte ermöglichen es uns, im Praktikum Viagra-Fälschungen vom Zoll auf Reinheit zu überprüfen«, gibt Klee ein Beispiel.

 

Erfolgreiche Kooperationen

 

»Mittelhessen befindet sich im Aufwind, man ist quasi aus dem Dornröschenschlaf erwacht«, sagt Professor Dr. Roland K. Hartmann, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Pharmazeutische Chemie. Man müsse die Nähe der Universität Gießen und der Fachhochschule Gießen-Friedberg ausnutzen. Mit beiden existieren Kooperationsverträge. Damit ergibt sich Hartmann zufolge ein verdoppeltes Spektrum an Möglichkeiten. Ein Beispiel gefällig: Erst kürzlich erteilte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) der Universität Marburg gemeinsam mit der Universität Gießen und weiteren Partnern den doppelten Zuschlag als neuen Standort für das Deutsche Zentrum für Lungenforschung und das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung. »Auch beim Loewe-Zentrum für Synthetische Mikrobiologie der Universität Marburg und der Max Planck-Gesellschaft, einem Exzellenzforschungsprojekt des Landes Hessen, sind Pharmazeuten mit von der Partie«, sagt Keusgen. Immerhin gebe es einen starken pharmazeutischen Bezug.

Keusgen nennt Bereiche mit Großinitia­tiven im Gesundheitssektor unter Beteili­gung der Pharmazie: Antiinfektiva, neu­rodegenerative Erkrankungen, Tumor­er­krankungen und Entzündung sowie Lungentherapeutika. »In allen Bereichen sind Erfolge zu verzeichnen«, so Keus­gen. So verlängerte die Deutsche For­schungs­gemeinschaft (DFG) das seit Ende 2006 geförderte deutsch-russische Graduiertenkolleg »GRK 1384 – Enzyme und Multienzymkomplexe, die mit Nukle­insäuren interagieren« um weitere 4,5 Jahre und bewilligte vier Millionen Euro.

 

Weitere Erfolgsgeschichten: Das Team um Hartmann und dessen Kooperationspartner haben kürzlich im renommierten Fachjournal »Nature« über ihre Arbeitsergebnisse berichtet, Professor Dr. Jens Kockskämper vom Fachbereich Pharmazie ist am EU-Verbundprojekt EUTRAF (European Network for Translational Research in Atrial Fibrillation) beteiligt und der European Research Council (ERC) vergab »Advanced Investigator Grant« an Professor Dr. Gerhard Klebe vom Institut für Pharmazeutische Chemie zum Thema »Chemogenomic profiling of drug-protein binding by shape, enthalpy/entropy and interaction kinetics«. Das Projekt ist mit über 1,75 Millionen Euro bewilligt worden und gibt die Chance, mit fünf Doktoranden und Postdoktoranden über fünf Jahre schwerpunktmäßig an dem Thema zu arbeiten. Auch eröffnet es die Möglichkeit, neue experimentelle Methoden aufzugreifen. Eine solche Perspektive ergibt sich in der »normalen« Drittmittelforschungsförderung üblicherweise nicht. »Der Fachbereich hat sich Richtung Life Sciences geöffnet«, fasst Hartmann zusammen. Das eröffne zusätzliche Perspektiven. »Wir suchen auch die Quervernetzung mit den in der nahen Umgebung ansässigen Pharmaunternehmen«, ergänzt Keusgen. Davon habe man gleich mehrere direkt vor der Haustür.

 

Stiftung fördert Pharmaziestudenten

 

Keusgen ist es ferner wichtig, dass der Fachbereich Pharmazie zum einen international auftritt, zum anderen aber auch den Pharmazie-assoziierten Bereich auf regionaler Ebene mit vertritt. So sei man in lokale, Pharmazie-relevante Aktioneneingebunden, etwa eine Heilpflanzen-Ausstellung der Stadt oder das Chemikum Marburg. Bei Letzterem handelt es sich um ein Mitmach-Chemielabor. Hier sei die Pharmazie mit Vorträgen und bei der Ausarbeitung von Experimenten beteiligt. »Im Umland sichtbar sein und Wissen aus der Uni heraus vermitteln«, fasst Keusgen die Ziele derartiger Aktionen zusammen.

 

Mit der von Bülow Studienstiftung Pharmazie wurde im Sommersemester 2010 in Marburg die erste deutsche Stiftung zur Förderung von Pharmaziestudierenden ins Leben gerufen. »Das Stiftungskapital soll ausschließlich dafür verwendet werden, Studierende oder Abiturienten aus ärmeren Familien im Pharmaziestudium zu unterstützen«, erklärt Keusgen, der auch Mitglied im Vorstand der Stiftung ist. Demnächst werde man auch Stipendien ausschreiben, momentan würden Zuschüsse, zum Beispiel für die Anschaffung von Lehrmitteln, erbracht. Wichtig: Die von Bülow Studienstiftung ist als Zustiftung angelegt. »Ich hoffe sehr, dass andere motiviert sind, zuzustiften«, sagt Keusgen. Deutschland brauche ein lebendiges Stifterwesen. / 

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