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Impfstoffforschung

Neue Meningitis-Vakzine für Säuglinge

14.01.2008
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Impfstoffforschung

Neue Meningitis-Vakzine für Säuglinge

Von Christina Hohmann

 

Meningokokken-Erkrankungen treffen vor allem Säuglinge. Doch gerade diese konnten bislang nur unzureichend durch eine Impfung geschützt werden. Eine neue Vakzine, die sich in Phase II bewährt hat, soll diese Lücke schließen.

 

Verursacher von Meningokokken-Erkrankungen sind Bakterien der Art Neisseria meningitidis, die anhand ihrer Polysaccharide in mindestens 13 Serogruppen unterteilt werden können. Bei etwa 10 Prozent der europäischen Bevölkerung besiedeln sie den Nasen-Rachen-Raum, ohne Beschwerden zu bereiten. Doch bei schlechter Immunlage können die Erreger die Schleimhäute durchdringen und zu Hirnhautentzündung oder Sepsis führen. Im Jahr 2006 wurden 561 solcher invasiven Meningokokken-Erkrankungen an das Robert-Koch-Institut gemeldet. 53 Patienten starben. Am häufigsten waren Kinder unter einem Jahr betroffen - sie machen etwa 18 Prozent aller Erkrankungen aus.

 

Doch gerade für diese gefährdete Altersgruppe steht bislang nur ein monovalenter Impfstoff zur Verfügung. Der Konjugatimpfstoff schützt vor Infektionen mit Meningokokken der Serogruppe C. Diese ist aber nur für weniger als ein Drittel der Infektionen in Europa verantwortlich. Der Konjugatimpfstoff kann schon bei Kindern ab dem zweiten Lebensmonat eingesetzt werden. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine so frühe Impfung allerdings nur für Kinder mit speziellem Risiko. Alle anderen Kinder sollten nach dem vollendeten ersten Lebensjahr gegen Meningokokken der Serogruppe C geimpft werden, weil ab diesem Zeitpunkt nur eine Dosis nötig ist und nicht drei Dosen.

 

Die anderen zwei in Deutschland zugelassenen Meningokokken-Vakzinen richten sich gegen die Gruppen A und C (AC-Impfstoff) und gegen die Gruppen A, C, W135 und Y (ACWY-Vakzine). Diese Polysaccharid-Impfstoffe sind aber erst ab einem Alter von zwei Jahren zugelassen.

 

Bereits in Phase III

 

Der neue, in der klinischen Entwicklung befindliche Konjugatimpfstoff Menveo® richtet sich gegen die vier Serogruppen A, C, W135 und Y. Als Konjugatimpfstoff ist die MenACWY-Vakzine schon für Kinder ab dem zweiten Lebensmonat geeignet. Die Antigene sind an eine natürliche Mutante des Diphtherietoxins gekoppelt.

 

Den neuen Impfstoff hat die Herstellerfirma Novartis an 421 gesunden Säuglingen in Kanada und Großbritannien in einer Phase-II-Studie getestet. Die Kinder wurden in vier Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erhielt die neue MenACWY-Vakzine im zweiten, dritten sowie im vierten Monat und eine zweite Gruppe im zweiten, vierten und sechsten Monat. Im dritten Studienarm wurden die Probanden im zweiten und vierten Monat geimpft. Die Kinder erhielten mit zwölf Monaten entweder eine Boosterdosis der MenACWY-Vakzine, eine Dosis des herkömmlichen tetravalenten Polysaccharid-Impfstoffs oder gar keine weitere Impfung. Die Teilnehmer der vierten Gruppe wurden zweimal mit der monovalenten Vakzine gegen Serogruppe C geimpft.

 

Einen Monat nach der letzten Immunisierung untersuchten Dr. Matthew Snape und seine Kollegen von der Oxford Vaccine Group an der Oxford-Universität die Antikörpertiter der Probanden. In der ersten Gruppe (2., 3., 4. Monat) entwickelten 93 Prozent der Kinder protektive Antikörpertiter gegen Serogruppe A, 96 Prozent gegen C, 97 Prozent gegen W135 und 94 Prozent gegen Y. In der zweiten Gruppe (2., 4., 6. Monat) sahen die Ergebnisse für die Gruppen C, W135 und Y noch besser aus (98 bis 99 Prozent). Doch nur 81 Prozent der Kinder entwickelten schützende Antikörpertiter gegen Serogruppe A. Auch im dritten Arm (2., 4. Monat) war der Anteil für Serogruppe A mit 60 Prozent zu gering. Gegen die Serogruppen C, W135 und Y erreichten aber mindestens 84 Prozent der Kinder schützende Titer. Nach der Boosterdosis im Alter von zwölf Monaten stieg der Anteil auf 84 Prozent gegen A und 95 Prozent gegen die anderen drei Serogruppen, berichten die Forscher im Fachjournal »JAMA« (Band 299, Seiten 173 bis 184). Die MenACWY-Vakzine habe sich als sicher und immunogen im ersten Lebensjahr bewiesen, schreiben Snape und seine Kollegen.

 

Der Impfstoff wird derzeit in verschiedenen Phase-III-Studien an Säuglingen, Jugendlichen und Erwachsenen untersucht. Novartis plant, noch in diesem Jahr die Zulassung für Menveo® in Europa und den USA zu beantragen, wie das Unternehmen in einer Pressemitteilung berichtet. In den USA wird der Impfstoff vermutlich eine größere Rolle spielen als in Deutschland, weil dort fast ein Drittel der invasiven Meningokokken-Erkrankungen auf die Serogruppe Y zurückgeht. In Europa spielen die in Menveo® zusätzlichen enthaltenen Serogruppen A, W135 und Y dagegen fast keine Rolle. Daher wird der tetravalente Impfstoff den herkömmlichen monovalenten Meningokokken-C-Konjugatimpfstoff so bald nicht ablösen. Deutlich hilfreicher wäre eine Vakzine, die gegen einen Großteil der Serotypen der Gruppe B schützt, da diese Gruppe für etwa 70 Prozent aller Erkrankungen in Europa verantwortlich sind. Solche Impfstoffe sind zwar in der Entwicklung, bis sie aber Marktreife erlangen, werden noch etwa zehn Jahre vergehen.

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