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Statistik

Suizidale Gefahren durch Arzneimittel

10.01.2017
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Von Peter Schweikert-Wehner / Die Laienpresse greift immer mal wieder das Thema Arzneimittel und Suizidalität auf. In einigen Fällen legen statistische Zahlen tatsächlich einen Zusammenhang zwischen einzelnen Arzneistoffen und Selbsttötungsgedanken nahe. Stets im Einzelfall ist das Risiko gegen den Nutzen des Arzneimittels abzuwägen.

Apremilast ist ein Phosphordiesterase-4-Hemmer zur Behandlung der Schuppenflechte, der in den USA seit 2014 und in Europa seit 2015 zugelassen. Bereits die Vorgängersubstanz Roflumilast fiel in klinischen Studien durch Zunahme von Depressionen auf. Bis März 2016 wurde bei weltweit 105 000 Patienten, die Apremilast bekamen, 65-mal Suizidalität festgestellt. Bei 32 dieser Patienten verbesserte sich die Gefühlslage nach dem Absetzen des Medikamentes.

 

Chinolone unter Verdacht

 

Interferone übernehmen im Immunsystem eine Botenfunktionen und können gentechnisch nachgebildet werden. Sie werden eingesetzt gegen Hepatitis, Multiple Sklerose und andere Erkrankungen. Dabei traten in Studien im Vergleich zu Placebo bei den Patienten im Verumarm etwa doppelt so viele Suizid­gedanken auf. Weltweit sind Einzelfälle von Suizid beschrieben.

 

Die Gyrasehemmer Ofloxacin, Cipro­floxacin und Levofloxacin sind vielfältig eingesetzte Antibiotika bei Harnwegsinfekten, Lungenentzündungen, Meningitis und anderen bakteriellen Erkrankungen. Ihre ZNS-Gängigkeit zeigt sich bereits dadurch, dass Patienten häufig über Albträume während der Behandlung mit Chinolonen berichten. So sind Halluzinationen, Depressionen und Psychosen als Gruppeneffekte vielfach beschrieben. Allein bis 2004 berichten die deutschen Arzneimittelkommissionen über 44 Fälle von suizidalen Gedanken unter der Behandlung mit Gyrasehemmern.

 

Der 5-α-Reduktasehemmer Fina­sterid, der gegen Haarausfall und Prostata­vergrößerung eingesetzt wird, reduziert die Menge an Dihydrotesto­steron im Organismus. Der Wirkstoff kann im Liquor des zentralen Nervensystems nachgewiesen werden. Depressionen sind als Nebenwirkungen bekannt. Die kanadische Arzneimittelbehörde Health Canada erfasste bis 2015 zwölf Berichte über suizidale Gedanken bei Patienten. Der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA lagen bis 2012 schon 78 Verdachtsfälle vor. Der europäischen Arzneimittel­behörde EMA liegen bis 2016 149 Fälle von suizidalen Gedanken bei Patienten und 43 Fälle von Selbsttötungen vor.

 

Erhöhtes Risiko unter SSRI

 

Vareniclin, ein Wirkstoff mit modularer Wirkung am nicotinischen Acetylcholinrezeptor, wird zur Raucherentwöhnung eingesetzt. Es gibt Verdachtsfälle für suizidale Gedanken, aber bisher keine Meldungen im Register des Bundesinstutits für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bupropion, das die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin hemmt, wird zur Raucherentwöhnung (Zyban®) und als Anti­depressivum (Elontril®) eingesetzt. Im BfArM-Register finden sich bis November 2016 eine Meldung zu Depressionen, sechs zu suizidalen Gedanken und zwei zu Suizidversuchen.

 

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) stehen ebenfalls im Verdacht, Suizidgedanken zu fördern. Belastbare Zahlen gibt es für Paroxetin und Venlafaxin. In Studien mit Heranwachsenden wurden unter Paroxetin dreimal mehr Suizide als in der Placebogruppe festgestellt. Bei Venlafaxin gab es in der Verumgruppe zwei Suizidversuche, während im Placeboarm keiner auftrat. /

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