Pharmazeutische Zeitung online
Paracetamol

Nutzen und Risiken neu bewerten

10.01.2017
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Von Kerstin A. Gräfe / Paracetamol stand in letzter Zeit oft im Fokus emotional geführter Diskussionen. Zum einen wurde die analgetische Effizienz infrage getellt, zum anderen nährten Beobachtungsstudien neue Sicherheitsbedenken. Ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Pharmakon« liefert ein Update und fordert eine Reanalyse des Nutzen-Risiko-Verhältnisses.

Der Artikel von Professor Dr. Burkhard Hinz und Rika Rausch referiert unter anderem den Status quo zur Evidenz für die Effizienz des Analgetikums in der Schmerztherapie. Paracetamol soll gemäß dem Stufenschema der Welt­gesundheitsorganisation von 1986 als nicht opioides Analgetikum eingesetzt werden, wenn nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) kontraindiziert sind. Mittlerweile wird der Wirkstoff als Universalschmerzmittel jedoch infrage gestellt. So belegen systematische Reviews randomisierter, doppelblinder Einzeldosisstudien bei Patienten mit moderaten bis schweren Schmerzen, dass Paracetamol bei Akutschmerzen deutlich weniger gut wirkt als zum Beispiel Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure. Auch bei chronischen Schmerzzuständen ist die Evidenz laut einem systematischen Review und einer Metaanalyse recht dünn.

 

Keine Evidenz für Arthrose

 

Der Beitrag betrachtet differenziert die Effizienz von Paracetamol bei ausgewählten Schmerzzuständen. So galt der Wirkstoff lange Zeit als First-Line- Therapie-Empfehlung bei Arthrose- bedingten Schmerzen – ohne ausreichende Evidenz, wie aktuelle Studien zeigen. Im Rahmen einer Netzwerkanalyse wurde die Wirksamkeit von NSAR und Paracetamol zur Linderung von Arthrose-bedingten Schmerzen mit Placebo verglichen. Dabei wurden 74 randomisierte Studien mit den Daten von 58 556 Patienten in die Auswertung einbezogen. Paracetamol zeigte selbst in einer Dosierung von 3 g pro Tag bei der Behandlung von Osteo­arthrose-Schmerzen keine klinisch relevante Wirkung. Die Autoren raten daher wegen der fehlenden Wirksamkeit davon ab, Paracetamol gegen starke Schmerzschübe bei Arthrose einzusetzen. Zudem sehen sie hier aufgrund der mangelnden Wirkung die Gefahr einer Überdosierung durch den Anwender.

 

Ähnlich sah es bis vor Kurzem in der Indikation Rückenschmerzen aus. So konnte bei leichten bis moderaten akuten nicht spezifischen Rückenschmerzen leitliniengerecht ein Behandlungsversuch mit Paracetamol bis zu einer maximalen Tagesdosis von 3 g unternommen werden, obwohl die Studienlage in dieser Indikation eindeutig gegen den Einsatz von Paracetamol sprach. Ein systemischer Review bescheinigte dem Wirkstoff bei Patienten mit Rückenschmerzen weder eine Schmerzreduktion noch eine Verbesserung der Lebensqualität. So heißt es neuerdings auch in der aktualisierten Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz: »Paracetamol sollte nicht zur Behandlung nicht spezifischer Kreuzschmerzen angewendet werden«.

Pharmakon - Zeitschrift der DPhG

Nicht steroidale Antirheumatika sind der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe von »Pharmakon«, der Zeitschrift für Mitglieder der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Sie enthält neben dem hier vorgestellten Beitrag von Professor Dr. Burkhard Hinz unter anderem Artikel über Acetylsalicylsäure und Coffein. »Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in mehreren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. Ein kostenloses Abonnement ist in der DPhG-Mitgliedschaft inbegriffen. Die Zeitschrift ist auch als Einzelbezug erhältlich. Weitere Informationen finden Interessierte auf www.pharmakon.info.

Ineffizient bei Migräne

 

Hinsichtlich der Behandlung von Kopfschmerzen gilt es zwischen episodischen Spannungskopfschmerzen und Migräne zu unterscheiden. Für beide Indikationen ist die Wirksamkeit einer fixen Wirkstoffkombination aus 250 mg Paracetamol, 250 mg Acetyl­salicylsäure und 65 mg Coffein belegt. Anders sieht es bei der Monotherapie aus. Beim Spannungskopfschmerz ist die Wirksamkeit von 500 mg bis 1 g Paracetamol belegt. Bei Migräne hingegen liegt für die Einzeldosis von 500 mg Paracetamol keine belastbare Evidenz für eine Wirksamkeit vor. In einem Cochrane-Review wurde zwar für die 1-g-Dosierung von Paracetamol eine Wirksamkeit bei akuten Migräneanfällen beschrieben. Allerdings lag diese unterhalb anderer gebräuchlicher Analgetika, sodass die Autoren die 1-g-Dosierung lediglich für Patienten empfehlen, bei denen ein Einsatz von NSAR oder Acetylsalicylsäure aufgrund von Kontraindikationen oder Unverträglichkeit nicht möglich ist. /

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