Pharmazeutische Zeitung Online
AMK

Radioaktive Arzneimittel für Diagnostik und Therapie

09.01.2006
Datenschutz bei der PZ

Nuklearmedizin

Radioaktive Arzneimittel für Diagnostik und Therapie

von Andreas Schirbel, Würzburg

 

Radiopharmaka stellen eine relativ junge und sehr spezielle Gruppe von Arzneimitteln dar, die sich erheblich von klassischen Medikamenten unterscheiden. Für die nuklearmedizinische Diagnostik und Therapie sind mittlerweile zahlreiche Präparate kommerziell verfügbar.

 

Im Unterschied zu klassischen Arzneimitteln beinhalten Radiopharmaka nur sehr kleine Stoffmengen (meist unter 1 µg) und weisen daher praktisch keine pharmakodynamischen Wirkungen auf. Dies hat den großen Vorteil, dass prinzipiell selbst toxische Substanzen in radioaktiv markierter Form verwendbar sind. Radiopharmaka lassen sich grob nach ihrer Verwendung in Radiodiagnostika und Radiotherapeutika einteilen (1, 2).

 

Radiodiagnostika

 

Im Gegensatz zu anderen bildgebenden Medizintechniken wie Röntgendiagnostik, Computertomographie, Magnetresonanztomographie und Ultraschall, die die morphologische Struktur von Organen beschreiben, handelt es sich bei der nuklearmedizinischen Diagnostik hauptsächlich um funktionelle Untersuchungen. Damit lassen sich physiologische und pathophysiologische Vorgänge im Körper beobachten.

 

Bei den eingesetzten Radiodiagnostika handelt es sich um Substanzen, die mit γ- oder Positronenstrahlern markiert sind. In etwa 80 Prozent der Fälle wird hierfür das Radionuklid Technetium-99m verwendet, da dessen physikalische Eigenschaften (Halbwertszeit von 6 Stunden, Abwesenheit gewebeschädigender Korpuskularstrahlung sowie die leicht detektierbare γ-Strahlung von 140 keV) für die nuklearmedizinische Diagnostik ideal sind (3). Weitere große Vorteile von Tc-99m sind dessen geringer Preis sowie gute Verfügbarkeit, da Tc-99m als so genanntes Generatornuklid an Ort und Stelle produziert werden kann.

 

Das Herzstück des 99Mo/99mTc-Technetium-Generators bildet eine Al2O3-Säule, auf der das Mutternuklid Molybdän-99 fixiert ist. Dieses zerfällt mit einer Halbwertszeit von 66 Stunden zum Tochternuklid Tc-99m, das in der Regel einmal täglich mit einer isotonischen Kochsalzlösung eluiert wird, während Mo-99 fest auf der Säule gebunden bleibt. Hierfür wird ein evakuiertes Glasgefäß mit dem Gummiseptum auf die Eluatkanüle gesetzt, und die Kochsalzlösung aus dem Vorratsgefäß durch den Unterdruck über die Al2O3-Säule in das Eluatgefäß gesaugt.

 

Auf Grund der recht hohen Aktivitätsmengen ist der Generator so konstruiert, dass alle Komponenten durch Bleiummantelungen abgeschirmt sind und eine Strahlenexposition des Personals minimiert wird. Da das Mutternuklid radioaktiv zerfällt, sinkt die eluierbare Aktivität langsam ab. Ein sinnvoller Gebrauch des Generators ist daher nur gut eine Woche lang möglich; anschließend wird er durch einen neuen ersetzt.

 

Schilddrüsendiagnostik

 

Im Eluat liegt Tc-99m als sterile und pyrogenfreie Pertechnetat-Lösung vor und kann nach Verdünnung direkt für die Schilddrüsendiagnostik verwendet werden. Da das Pertechnetat-Anion (TcO4-) genau wie das Iodid-Anion einfach negativ geladen ist und eine vergleichbare Größe aufweist, wird es über den Natriumiodid-Symporter in die Schilddrüse aufgenommen, dort aber nicht weiter in die Schilddrüsenhormone eingebaut. Die Schilddrüsenszintigraphie liefert daher Informationen über die Morphologie und vor allem die Funktion des Organs. Abbildung 2 [nur in der Druck-Ausgabe] zeigt das Szintigramm einer Schilddrüse, die im linken Lappen einen »kalten Knoten« enthält, also einen Bereich mit verminderter Aufnahme (Uptake) des Tracers (Markierungssubstanz). Für eine Differenzialdiagnose sind jedoch zusätzlich die Schilddrüsensonographie sowie die In-vitro-Diagnostik heranzuziehen, da ein verminderter Uptake bei mehreren Schilddrüsenerkrankungen auftritt.

 

Die Schilddrüsenszintigraphie ist die häufigste diagnostische Untersuchung in der Nuklearmedizin und wird fast ausschließlich mit 99mTc-Pertechnetat durchgeführt. Die Anwendung von Radioiodisotopen erfolgt heute nur noch bei wenigen speziellen Indikationen, zum Beispiel vor Anwendung einer Radioiodtherapie oder bei Verdacht auf Iodfehlverwertung.

 

Vielfältige Anwendung von Kits

 

Um Tc-99m auch für die Szintigraphie anderer Organe verwenden zu können, müssen ausgehend von 99mTc-Pertechnetat Metallkomplexe synthetisiert werden. Hierfür wird das 99mTc-Pertechnetat zunächst in eine niedrigere Oxidationsstufe reduziert und anschließend mit bestimmten Liganden zum gewünschten Komplex umgesetzt. Als Reduktionsmittel finden meistens Zinn(II)-Salze Verwendung, die auf Grund ihrer Oxidationsempfindlichkeit allerdings eine Schutzgasatmosphäre erfordern. Dieser scheinbar komplizierte Vorgang lässt sich durch die Verwendung von Kits (Markierungsbestecken) erheblich vereinfachen (4).

 

Unter Kits versteht man Ampullen, die das erforderliche Reagenziengemisch in lyophilisierter, steriler und pyrogenfreier Form unter einer Schutzgasatmosphäre enthalten. Zur Markierung gibt man das Generatoreluat in die Ampulle und lässt die entstehende Lösung, gegebenenfalls unter Erwärmung, für eine definierte Zeit (meist wenige Minuten) stehen. Für die Untersuchung kann das hergestellte Präparat dem Patienten direkt und ohne Reinigungsschritte intravenös gespritzt werden.

 

Obwohl der Anwender mit Hilfe der Kits Radiopharmaka an Ort und Stelle herstellt, gelten diese als Fertigarzneimittel. Dies hat den großen Vorteil, dass der Anwender nicht über eine Herstellungserlaubnis nach §13 AMG verfügen muss. Eine Übersicht der kommerziell verfügbaren Technetium-Kits findet sich in der Tabelle.

Tabelle: Kommerziell erhältliche Technetium-Kits

Organ Substanz Handelsname (Beispiel) Anwendung
Gehirn Hexamethylpropylenaminoxim HMPAO Neurospect Ceretec Hirnperfusion; regionale Gehirndurchblutung
Ethylcysteinatdimer ECD Neurolite Hirnperfusion
Herz Tetrofosmin Myoview Perfusion des Myokards
MIBI Cardiolite Perfusion des Myokards
Lunge Depreotid NeoSpect Lungentumor
Makroaggregiertes Humanalbumin Maasol, LyoMaa Lungenperfusionsszintigraphie
Kolloidales HSA Venticoll Lungenventilationsszintigraphie
Calcium-natrium-diethylen-triamin-pentaacetat DTPA-Aerosol Lungenventilationsszintigraphie
Leber Zinn(II)-fluorid Zinnkolloid Leber- und Milzszintigraphie
N-(2,6-Diethylacetanilido)-iminoessigsäure Ehida Hepatobiliäre Funktionsdiagnostik
(2,4,6-Trimethyl-3-brom)-iminoessigsäure Bridatec Darstellung des hepatobiliären Systems
Mikroaggregiertes Humanalbumin Albu-Res Leber- und Milzszintigraphie
Niere Dimercaptobernsteinsäure DMSA Nierenparenchymszintigraphie
Calcium-natrium-pentetat DTPA Nierenszintigraphie, Hirnszintigraphie
Betiatide MAG3 Nierenfunktionsszintigraphie
Mercaptoacetyltriglycin MAG3 Nierenfunktionsszintigraphie
Skelett Medronsäure Dinatriumsalz MDP Osteosol Skelettszintigraphie
Methylendiphosphonsäure MDP Skelettszintigraphie
Natrium-Oxidronat HDP Skelettszintigraphie

Erstaunlicherweise ist die Struktur einiger 99mTc-Radiodiagnostika bis heute nicht eindeutig bekannt, da eine direkte Analytik der extrem kleinen Stoffmengen nicht möglich ist. Bekannt sind die Strukturen der Hirntracer HMPAO (99mTc-Hexamethylpropylenaminoxim) und ECD (99mTc-Ethylcysteinatdimer). Beide Komplexe können die Blut-Hirn-Schranke auf Grund ihrer Ladungsneutralität und Lipophilie durch einfache Diffusion überwinden. Eine Rückdiffusion der Tracer wird jedoch im Gehirn durch deren enzymatische Metabolisierung zu polaren Spezies verhindert. Mit HMPAO und ECD lässt sich die regionale Durchblutung des Gehirns bestimmen, was für die Diagnostik verschiedener zerebraler Erkrankungen (Schlaganfall, Epilepsie, Morbus Alzheimer) hilfreich ist. HMPAO findet darüber hinaus auch für die Hirntoddiagnostik Anwendung.

 

Myokard: Für die Perfusionsszintigraphie des Myokards zur Diagnose der koronaren Minderdurchblutung oder des Myokardinfarkts sind mit 99mTc-Tetrofosmin und 99mTc-MIBI (Methoxy-iso-butyl-isonitril) zwei Tracer erhältlich. Beide werden dem Patienten zweimal injiziert, einmal unter körperlicher Belastung auf einem Fahrradergometer sowie ein zweites Mal in einer Ruhephase. Die Anreicherung der Tracer im Myokard erfolgt in Abhängigkeit von der regionalen Durchblutung. Da beide Komplexe einfach positiv geladen sind, erfolgt ihre Anreicherung wahrscheinlich analog zu der von Alkalimetallionen.

 

Lunge: Für die Lungenperfusionsszintigraphie verwendet man eine homogene Suspension von 99mTc-markierten makroaggregierten Humanalbuminpartikeln mit einer Größe von 15 bis 40 µm, die nach intravenöser Applikation vorübergehend einige wenige Lungenkapillaren mechanisch blockieren. Ergänzend zu dieser Untersuchung wird auch die Lungenventilationsszintigraphie durchgeführt. Hierbei werden markierte Partikel als Aerosol inhaliert, wodurch sich die Tracer in den belüfteten Teilen der Lunge anreichern. Beide Methoden dienen zum Nachweis und zur Differenzialdiagnostik von Lungenembolien.

 

Für die szintigraphische Darstellung von solitären Rundherden in der Lunge wird außerdem gelegentlich 99mTc-markiertes Depreotid verwendet. Die Wirkungsweise dieses markierten synthetischen Peptids beruht auf seiner Bindung an Somatostatin-Rezeptoren, die in solitären Rundherden überexprimiert werden.

 

Leber und Galle: Ebenfalls nur in begrenztem Umfang werden hepatobiliäre Funktionsszintigraphien zur Darstellung der Galleproduktion und des Abflusses aus der Leber über das Gallengangssystem in die Gallenblase eingesetzt. Hierdurch können beispielsweise nach Lebertransplantationen Aussagen über Abstoßung, Abflussstörungen oder Leckagen gewonnen werden. Für diese Fragen werden meist 99mTc-markierte Derivate der Iminodiessigsäure, zum Beispiel EHIDA, eingesetzt.

 

Niere: Einen erheblich höheren Stellenwert hat die Nierenfunktionsszintigraphie. Diese ist sogar die häufigste nuklearmedizinische Untersuchung an Kindern, da Funktionsstörungen der Niere und des ableitenden Harntrakts in dieser Altersgruppe relativ häufig auftreten. Die Untersuchung erfolgt dynamisch, das heißt es werden Zeit-Aktivitäts-Kurven aufgenommen und deren Verlauf anschließend interpretiert. Durch die Entwicklung von MAG3 (99mTc-Mercaptoacetyltriglycin) konnte die Strahlenbelastung der Patienten im Vergleich zu anderen Tracern deutlich reduziert werden. Mittlerweile sind für die Herstellung dieses Tracers sogar zwei völlig unterschiedliche Kits erhältlich. Besonders wertvoll ist die Nierenfunktionsszintigraphie, da man jede Niere separat untersuchen kann, was ansonsten nur mit invasiven Methoden möglich ist.

 

Skelett: Eine weitere sehr häufige nuklearmedizinische Untersuchung ist die Skelettszintigraphie, für die verschiedene 99mTc-markierte Phosphonate eingesetzt werden. Diese werden im Knochen in Abhängigkeit von der Perfusion und der Intensität des regionalen Knochenstoffwechsels angereichert. Knochenmetastasen maligner Tumoren, zum Beispiel bei Mamma- und Prostatakarzinom, zeigen sich zwei bis vier Stunden nach der Injektion als lokal begrenzte Anreicherung des Markers. Für eine Differenzialdiagnose wird die Untersuchung oft als Dreiphasen-Skelettszintigraphie durchgeführt, bei der zu zwei zusätzlichen Zeitpunkten wenige Minuten nach Injektion Aufnahmen gewonnen werden.

 

Weitere Radiodiagnostika

 

Neben den Technetium-Kits sind mehrere weitere Radiodiagnostika als Fertigarzneimittel kommerziell verfügbar, von denen einige mit Iod-123 (Halbwertszeit 13,2 Stunden) markiert sind. Beispielsweise sind die beiden Hirntracer Fluorpropyl-carbomethoxyiodtropan (123I-FP-CIT, DaTSCAN™) und das radioiodierte Benzamid 123I-IBZM speziell in der frühzeitigen Parkinson-Diagnostik von großem Wert.

 

Bei der klinischen Diagnose ist es in vielen Fällen oft sehr schwierig, das Parkinson-Syndrom beispielsweise von der Multisystematrophie zu differenzieren. Diese Unterscheidung ist mit einer Kombination von 123I-FP-CIT- und 123I-IBZM-SPECT eindeutig möglich. Während das Tropanderivat 123I-FP-CIT eine hohe Affinität zu präsynaptischen Dopamintransportern aufweist, ist das Benzamid 123I-IBZM ein Ligand, der an postsynaptische Dopaminrezeptoren bindet. Sowohl bei Parkinson- als auch bei Multisystematrophie-Patienten lässt sich im 123I-FP-CIT- Scan auf Grund der Abnahme präsynaptischer Rezeptoren eine deutliche Reduktion der Ligandenbindung erkennen, während eine Minderspeicherung von 123I-IBZM lediglich bei Multisystematrophie beobachtet wird. Eine Unterscheidung ist daher sehr einfach zu treffen und für die Wahl einer Therapie sowie vor allem für die Prognose von großer Bedeutung.

 

Meta-Iodbenzylguanidin (123I-MIBG) ist ein »falscher« Neurotransmitter und wird über Noradrenalin-Transporter in postganglionäre sympathische Neurone aufgenommen, dort aber nicht metabolisiert. Hierdurch kommt es in Phäochromozytomen und Neuroblastomen (Tumoren des sympathischen Nervensystems) und deren Metastasen zu einer hohen Anreicherung des Tracers, die allerdings frühestens nach 24 Stunden ihr Maximum erreicht. Das Auftreten von Neuroblastomen konzentriert sich auf das frühe Kindesalter; 90 Prozent der Patienten sind jünger als sechs Jahre. Prinzipiell steht mit 131I-MIBG auch ein Radiotherapeutikum zur Verfügung; in der Regel werden jedoch andere Therapieformen bevorzugt.

 

Für die Myokardszintigraphie wird neben 99mTc-Tetrofosmin und 99mTc-MIBI häufig auch das Kalium-Analogon 201Tl-Thalliumchlorid eingesetzt. Im Unterschied zu den beiden 99mTc-Tracern ist beim 201Tl-Chlorid nur eine einzige Injektion notwendig. Nachteilig ist jedoch die recht hohe Strahlenbelastung durch 201Tl-Chlorid, die unter anderem auf die relativ lange Halbwertszeit von drei Tagen zurückzuführen ist.

 

Vor allem neuroendokrine Tumore zeichnen sich durch eine hohe Somatostatin-Rezeptorexpression auf ihrer Zellmembran aus. Für eine Rezeptorszintigraphie eignet sich das kleine zyklische Peptid Somatostatin in markierter Form jedoch nicht, da es eine extrem kurze biologische Halbwertszeit aufweist. Stattdessen wurde mit Octreotid ein Somatostatin-Analogon entwickelt, das unter anderem durch den Einbau von D-Aminosäuren metabolisch stabilisiert ist. Unter dem Handelsnamen OctreoScan® ist ein Kit erhältlich, der die Markierung von DTPA-Octreotid mit Indium-111 ermöglicht. Dieser Tracer wird vor allem für den Nachweis und das Staging von neuroendokrinen Tumoren des Pankreas und Gastrointestinaltrakts eingesetzt.

 

Gelegentlich ergibt sich die Möglichkeit, eine Markierung ohne jede Strukturänderung durchzuführen. So lässt sich beispielsweise in Vitamin B12 (Cyanocobalamin) das Kobaltatom durch radioaktives Co-57 ersetzen. Mit dieser Verbindung kann man im so genannten Schilling-Test feststellen, ob ein Patient Vitamin B12 normal resorbiert. Hierzu wird der Tracer nicht wie sonst üblich in eine Vene injiziert, sondern vom Patienten oral eingenommen. Anschließend erfolgt keine Szintigraphie, sondern eine Messung der Radioaktivität in dem in den ersten 24 Stunden ausgeschiedenen Urin. Daher sind für diesen Test auch nur extrem kleine Mengen an Radioaktivität erforderlich. Werden weniger als 10 Prozent der verabreichten Aktivität im Sammelurin der ersten 24 Stunden nachgewiesen, ist von einer Malabsorption des Vitamin B12 auszugehen.

 

Für die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) steht mit 2-18Fluor-desoxy-glucose (18F-FDG) nur ein Tracer kommerziell zur Verfügung. Diese Einschränkung wird jedoch durch die zahlreichen onkologischen, kardiologischen und neurologischen Indikationen des Tracers mehr als ausgeglichen. Problematisch für die Logistik ist natürlich die kurze Halbwertszeit von 110 Minuten. Auf Grund seiner sehr effizienten Radiosynthese kann FDG jedoch im großen Aktivitätsmaßstab hergestellt und über größere Entfernungen transportiert werden. 18F-FDG unterscheidet sich von Glucose lediglich durch den Austausch einer Hydroxylgruppe durch ein 18F-Atom. Daher wird 18F-FDG beispielsweise von Tumorzellen über den Glucosetransporter in die Zelle aufgenommen. Im Zytosol erfolgt anschließend die Phosphorylierung des Tracers am C6-Atom; ein weiterer metabolischer Abbau ist jedoch durch das Fluoratom blockiert. Da FDG-6-Phosphat auch nicht aus der Zelle ausgeschleust werden kann, kommt es zu einer hohen Anreicherung des Tracers in der Zelle. Viele Tumoren lassen sich daher mittels 18F-FDG sehr gut darstellen.

 

Radiotherapeutika

 

Für die nuklearmedizinische Therapie (5) benötigt man Substanzen, die mit β-- oder α-Strahlern markiert sind, da diese auf Grund ihrer kurzen Reichweite nur lokal wirken und umliegendes gesundes Gewebe nicht schädigen. Von Vorteil ist das zusätzliche Vorhandensein einer γ-Emission, da hierdurch speicherndes Gewebe dargestellt werden kann.

 

Die mit Abstand am häufigsten angewandte nuklearmedizinische Therapie ist die Radioiodtherapie gut- und bösartiger Schilddrüsenerkrankungen. Hierbei wird zunächst eine kleine Aktivitätsmenge des β--Strahlers Iod-131 (Halbwertszeit 8,1 Tage) als Kapsel oral verabreicht und dann gemessen, welcher Anteil davon in der Schilddrüse gespeichert wird. Zusätzlich bestimmt man sonographisch das zu therapierende Schilddrüsenvolumen und errechnet daraus die benötigte Therapieaktivität. Die Radioiodtherapie darf in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern aus Strahlenschutzgründen ausschließlich stationär verabreicht werden. Unabhängig von der verabreichten Aktivität muss der Patient mindestens 48 Stunden dort verbleiben und kann erst nach Unterschreiten einer gesetzlich vorgeschriebenen Restaktivität entlassen werden. Typischerweise dauert der stationäre Aufenthalt nur wenige Tage; der Therapieerfolg kann jedoch zumeist erst nach einigen Monaten beurteilt werden.

 

Prostata- und Mammakarzinome bilden oft schmerzhafte Skelettmetastasen. Eine palliative Schmerzlinderung ist mit klassischen Analgetika oft nicht mehr möglich, weshalb verschiedene β--Strahler eingesetzt werden. Das früher zu diesem Zweck genutzte 32P-Natriumphosphat wurde in letzter Zeit durch die beiden Calciumanaloga 89Sr-Strontiumchlorid und 90Y-Yttriumcitrat sowie ein mit 153Sm-Samarium markiertes Phosphonat (Quadramet) ersetzt. Mit diesen Radiotherapeutika lassen sich Ansprechraten von 60 bis 90 Prozent erzielen und bis zu 20 Prozent der Patienten werden sogar völlig schmerzfrei.

 

Morbus Bechterew, eine entzündlich-rheumatische Erkrankung verschiedener Gelenke, weist oft einen schmerzhaften Verlauf auf und kann zu Versteifungen der Gelenke führen. Für die Therapie dieser Erkrankung ist seit wenigen Jahren der α-Strahler 224Ra-Radiumchlorid wieder zugelassen. Die Behandlung mit diesem Calciumanalogon umfasst zehn intravenöse Injektionen über einen Zeitraum von zehn Wochen und ist ambulant möglich.

 

Eine weitere nuklearmedizinische Therapieform von Gelenkerkrankungen ist die Radiosynoviorthese (6). Hierbei werden verschiedene β--Strahler direkt in die betroffenen entzündeten oder rheumatischen Gelenke injiziert. Je nach Größe der Gelenke und Reichweite der Radionuklide verwendet man in kolloidaler Form 90Y-Yttriumsilikat/citrat (Knie), 186Re-Rheniumsulfid (Ellbogen, Schulter) oder 169Er-Erbiumcitrat (kleine Fingergelenke). Um ein Austreten der in das Gelenk injizierten Aktivität zu vermeiden, muss das Gelenk anschließend ruhig gestellt werden. Die therapeutische Wirkung wird durch die Zerstörung der wuchernden, entzündeten Gelenkinnenhaut (Synovia) erzielt. Ein Therapieerfolg bleibt meist für nur 6 bis 18 Monate erhalten; eine Wiederholung der Radiosynoviorthese ist aber möglich.

 

Für die Therapie des Non-Hodgkin-Lymphoms ist seit längerer Zeit der monoklonale Anti-CD20-Antikörper Rituximab zugelassen. Kürzlich kam zur Markierung dieses Antikörpers mit Yttrium-90 ein Kit auf den Markt (Zevalin®). Diese Form der Radioimmuntherapie muss derzeit stationär erfolgen, obwohl Yttrium-90 als reiner β--Strahler keine Strahlenbelastung der unmittelbaren Umgebung des Patienten verursacht. Die Ansprechraten sind mit 40 bis 80 Prozent relativ hoch, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass die Zevalin-Therapie meist im fortgeschrittenen Tumorstadium als letzte Therapieoption eingesetzt wird.

 

Für die Zukunft erscheint eine Ausdehnung der zielgerichteten Radioimmuntherapie auf andere Tumorerkrankungen viel versprechend und ist auch Gegenstand laufender klinischer Studien.

 

Auf einen Blick

 

Als »Arbeitspferd« in der nuklearmedizinischen Diagnostik dient das Radionuklid Technetium-99m, da es als preiswertes Generatornuklid jederzeit verfügbar ist und 99mTc-Radiopharmaka mit Hilfe zahlreicher Kits schnell und einfach an Ort und Stelle hergestellt werden können. Ergänzt werden die Radiodiagnostika durch mehrere Fertigpräparate, von denen insbesondere der PET-Tracer 18F-FDG in der Routinediagnostik einen sehr hohen Stellenwert hat.

 

Die am häufigsten durchgeführte nuklearmedizinische Therapie ist die Radioiodtherapie von Schilddrüsenerkrankungen. Daneben gibt es mehrere Anwendungen für Skelett- und Gelenkerkrankungen. Weiterentwicklungen sind vor allem auf dem Gebiet der Radioimmuntherapie zu erwarten.

Literatur

<typolist type="1">

Grillenberger, K., Schirrmeister, H., Radioaktive Arzneimittel. WVG Stuttgart 2003.

Brüll, U., et al., Nuklearmedizin. Thieme Verlag Stuttgart, New York 1999.

Schwochau, K., Technetium. Wiley VCH Weinheim 2000.

Dilworth, J. R., Parrott, S. J., The biomedical chemistry of technetium and rhenium. Chem Soc. Rev. 27 (1998) 43-55.

Volkert, W. A., Hoffman, T. J., Therapeutic Radiopharmaceuticals. Chem. Rev. 99 (1999) 2269-2292.

Schneider, P., Farahati, J., Reiners, Chr., Radiosynovectomy in Rheumatology, Orthopedics, and Hemophilia. J. Nucl. Med. 46 (2005) 48S-54S.

Johannsen, B., Radiopharmazeutische Chemie: Möglichkeiten und Trends in Diagnostik und Therapie. Pharm. Ztg. 148, Nr. 32 (2003) 2884-2893.

 

Der Autor

Andreas Schirbel studierte Chemie an den Universitäten in Bochum und Essen. Während seiner Promotion und eines kurzen Post-Doc-Aufenthalts am Forschungszentrum Jülich beschäftigte er sich mit der Synthese von PET-Tracern mit dem kurzlebigen Radioisotop Kohlenstoff-11. Seit 1998 arbeitet er als Leiter des radiochemischen Labors der Klinik für Nuklearmedizin der Universität Würzburg. Neben der Routineproduktion beschäftigt er sich dort hauptsächlich mit der Entwicklung innovativer Radiopharmaka.

 

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:

Dr. Andreas Schirbel

Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

Universität Würzburg

Josef-Schneider-Straße 2

97080 Würzburg

Schirbel_A(at)klinik.uni-wuerzburg.de

Links zum Titelbeitrag

 

Mehr von Avoxa