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Klarträume

Nur Fliegen ist schöner

02.01.2017  15:14 Uhr

Von Annette Mende, Dresden / Manche Menschen erleben im Traum die tollsten Dinge – und wissen dabei genau, dass sie gerade nicht wach sind. Diese sogenannten Klarträume sind für den Schlafenden sehr angenehm. Darüber hinaus lassen sie sich gezielt nutzen, um beispielsweise bestimmte Fähigkeiten zu trainieren.

»Ich bin in einer großen Altbauküche mit alten Öfen und Möbeln. Ich springe hoch und mit etwas Konzentration komme ich bis an die Decke, die 4 bis 5 Meter hoch ist. Das mache ich einige Male sehr bewusst, dabei merke ich auch, dass ich träume. Ich will ins Nachbarzimmer und führe meine Hand durch die Küchentür hindurch, weil es Spaß macht, diese Tätigkeit auszuprobieren. Beim Hinüberfliegen gleite ich halb durch die Steinmauer, aber ich bleibe mit der Hand und dem Arm da­rin stecken. Das ist jedoch kein Problem. Ich weiche zurück und fliege durch die große Tür.«

 

»Ich weiß, dass ich träume«

So lautet der Traumbericht eines Klar­traums, den Professor Dr. Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Dresden beispielhaft vorstellte. »Klarträume oder auch luzide, also leuchtende Träume zeichnen sich dadurch aus, dass man sich während des Traums bewusst ist, dass man träumt«, sagte Schredl. Klarträumer können das nutzen, etwa indem sie bewusst aufwachen oder Handlungen aktiv beeinflussen, oder aber das Geschehen passiv beobachten. »Da lehnt man sich dann zurück und schaut, was das eigene Traumbewusstsein so alles produziert«, sagte Schredl.

 

Ein weiteres Kriterium für einen Klartraum ist eine Erinnerung an das Wachleben. Klarträumer können sich im Wachzustand vornehmen, im Traum bestimmte Dinge zu tun, und das dann auch umsetzen. Manche haben sogar eine Erinnerung nicht nur an das Wachleben, sondern auch an vergangene Klarträume. Er kenne eine luzide Träumerin, die eine eigene, ihr schon aus früheren Träumen bekannte Traumwelt hat, die sie immer wieder besucht, berichtete der Schlafforscher.

 

Was erleben Menschen in einem Klar­traum? »Da ist Fliegen Top 1, vor allem deshalb, weil es im Wachzustand nicht möglich ist«, sagte Schredl. Auch Sex und andere angenehme Dinge seien Gegenstände von luziden Träumen. Häufig experimentieren die Klarträumer und probieren aus, was sie in diesem Bewusstseinszustand alles machen können. Dabei stoßen sie durchaus auch auf Hindernisse, wie der Träumer im Beispiel, der in der Wand stecken blieb. Dennoch seien die meisten Klarträume von sehr positiven Emotionen begleitet und sensorische Eindrücke würden sehr intensiv wahrgenommen.

 

Klarträume sind also meistens sehr schöne Träume – und sie sind gar nicht mal so selten. Bei einer repräsentativen Studie von Schredls Arbeitsgruppe gab etwa die Hälfte der Befragten an, schon einmal einen Klartraum gehabt zu haben. Die meisten Menschen träumen allerdings eher selten luzid, nämlich zwei- bis viermal pro Jahr oder weniger. Bei etwa einem Fünftel der Klar­träumer tritt das Phänomen häufiger auf, einmal im Monat oder sogar mehrmals pro Woche.

 

Erlernbare Fähigkeit

 

»Luzides Träumen kann spontan auf­treten, aber es gibt auch Techniken, um die Häufigkeit zu erhöhen«, sagte Schredl. Es handele sich um eine erlernbare Fähigkeit, vergleichbar mit der Meditation. Allerdings sei unklar, ob wirklich alle Menschen sie lernen können; in allen Umfragen gebe etwa die Hälfte der Befragten an, noch nie luzid geträumt zu haben. Ein begünstigender Charakterzug sei Offenheit für neue Erfahrungen. Liebevolles Verhalten sei dagegen negativ mit Klarträumen korreliert. »Das lässt sich möglicherweise damit erklären, dass Klarträumer sich im Traum meist sehr egoistisch verhalten«, so der Psychologe.

 

Im tibetischen Buddhismus habe der Klartraum eine sehr lange Tradition und werde dort als Traumyoga bezeichnet. »Das ist eine sehr komplexe Technik. Ich habe bisher noch keinen Menschen getroffen, der mir von persönlichen Erfahrungen berichten konnte, weil es sehr schwierig ist, das zu erlernen«, sagte Schredl. Die Yogis versuchten, beim Einschlafen das Bewusstsein zu halten.

 

Andere Techniken der Klartraum­induktion scheinen da erfolgversprechender – zumindest wenn man den Anpreisungen im Internet Glauben schenkt. »Es werden Tabletten empfohlen, es gibt Tutorials und Geräte, die externe Reize setzen«, berichtete Professor Dr. Daniel Erlacher von der Universität Bern. Eine wissenschaftliche belegte Wirkung hätten allerdings nur die wenigsten dieser Verfahren.

 

Selbst gebaute Eselsbrücken

 

In einer Metaanalyse nahm Erlacher 2012 zusammen mit Schredl und zwei weiteren Autoren die Evidenz für verschiedene Klartraum-Induktionstechniken unter die Lupe (»Consciousness and Cognition«, DOI: 10.1016/j.con cog.2012.07.003). Das Ergebnis: Einige kognitive Techniken, allen voran die mnemonische, also Gedächtnis- gestützte Induktion von luziden Träumen (MILD) hätten in mehreren empirischen Studien Erfolge gebracht. »Dabei baut der Träumer sich Eselsbrücken auf, an denen er erkennen kann, dass er träumt«, erklärte Erlacher. Am effektivsten sei die MILD-Technik, wenn man sie in den frühen Morgenstunden anwendet, in denen die REM-Phasen häufig sind.

Erlacher und sein Team testeten das im Schlaflabor an der Uni Bern. Sie ließen Probanden zunächst sechs Stunden ungestört schlafen und weckten sie dann, möglichst aus einer REM-Phase heraus, auf. Dann sollten die Probanden eine Stunde lang gemäß der MILD-Technik Traumhinweise extra­hieren, an denen sie beim nächsten Mal einen Traum erkennen sollten. Danach legten sich die Probanden wieder für drei bis vier Stunden schlafen. Wake-up-back-to-bed nannte Erlacher diese Technik.

 

In dem Experiment ließ sich damit tatsächlich bei neun Teilnehmern ein Klartraum evozieren. Das überprüften die Wissenschaftler nicht nur anhand der hinterher von den Probanden verfassten Traumberichte, sondern schon währenddessen. Um mitzuteilen, dass sie gerade einen Klartraum hatten, führten die Probanden in 13 Fällen bestimmte, vorher vereinbarte Augenbewegungen aus, zum Beispiel links-rechts-links-rechts. Teilweise war eine Kommunikation mit den Träumenden möglich: »Drei Versuchsteilnehmer konnten insgesamt 15 komplette Matheaufgaben im Schlaf empfangen, lösen und korrekt beantworten«, berichtete Erlacher.

 

Klarträumer können sich also im Schlaf bewusst dafür entscheiden, Aufgaben zu lösen oder auch Übungen auszuführen. Letzteres ist unter anderem für die Sportwissenschaft interessant, um etwa die Bewegungsabläufe von Leistungssportlern zu optimieren. Erlacher, der selbst Sportmediziner ist, berichtete von einer weiteren Studie seiner Arbeitsgruppe, in der er die Effektivität des Übens bestimmter Fingerbewegungen im Klartraum untersucht hatte (»Journal of Sports Sciences« 2015, DOI: 10.1080/02640414.2015. 1030342).

 

Die insgesamt 64 Teilnehmer sollten ihre Fähigkeit, bestimmte Sequenzen mit den Fingern zu tippen, über Nacht verbessern. Eine Gruppe trainierte dazu im Klartraum, eine Gruppe eine Stunde lang im Wachzustand, eine Gruppe in derselben Zeit per mentalem Training, und eine Gruppe schlief die ganze Nacht, ohne zu üben. Beim erneuten Test am nächsten Morgen schnitt die Vergleichsgruppe am schlechtesten ab: Diejenigen, die ohne Training durchgeschlafen hatten, konnten sich nicht signifikant verbessern. Die Teilnehmer mit mentalem Training verbesserten sich durchschnittlich um 12 Prozent und die Probanden, die aufgestanden waren, um zu üben, um 17 Prozent. Den größten Fortschritt erzielten aber die Klarträumer mit einer durchschnittlichen Verbesserung um 20 Prozent.

 

Prinzipiell eröffnet der Klartraum also neue Trainingsmöglichkeiten für Spitzensportler, auch wenn die Vorstellung, selbst im Schlaf noch weiter zu trainieren, weniger ambitionierten Menschen etwas unheimlich sein mag. Bevor sich die Trainingszeiten etwa beim Turmspringen oder auch in anderen Sport­arten mit komplexen Bewegungsabläufen regelhaft auf die Nachtstunden ausdehnen, wird die Klartraumforschung aber noch Einiges an Aufklärungsarbeit leisten müssen. /

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