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Interview

Apothekenleistungen besser verkaufen

04.01.2011
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PZ / Enttäuschung über Politiker, Krankenkassen und Großhändler war im vergangenen Jahr an der Tagesordnung. Die PZ blickte im Gespräch mit der BAK-Präsidentin Erika Fink, dem ABDA-Präsidenten Heinz-Günter Wolf und dem DAV-Vorsitzenden Fritz Becker auf 2010 zurück und bat um einen Ausblick auf die anstehenden Themen im kommenden Jahr.

PZ: Das AMNOG ist am 1. Januar in Kraft getreten. Was bedeutet dies für die Apotheken?

 

Wolf: Das AMNOG wird erst nach und nach seine negativen Auswirkungen auf die Apotheken entfalten. Wer erwartet, von heute auf morgen würden Tausende Apotheken schließen, liegt falsch. Dieser Prozess, den wir schon seit mehr als zwei Jahren sehen, wird durch das AMNOG beschleunigt und verstärkt. Die Erhöhung des Zwangsabschlags an die Krankenkassen wird zahlreiche Apotheken nicht nur an die Grenze des Erträglichen bringen, sondern schlichtweg überfordern. Zusätzlich werden wir darauf achten müssen, dass andere Player, zum Beispiel der pharmazeutische Großhandel, nicht seine Lasten an die Apotheken weiterreicht. Grundsätzlich muss man festhalten, dass wir Apotheker allesamt von dieser Politik schwer enttäuscht wurden. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Geschenke erwartet hätten. Aber wir haben uns mehr Fairness und den Respekt vor unserer Leistung erhofft. Diese Hoffnung wurde getäuscht.

 

PZ: Man wird den Eindruck nicht los, dass die Kommunikation zwischen Berufsorganisation und Politik alles andere als reibungslos war.

 

Wolf: Da müssen unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. Das Ziel einer Berufsvertretung ist die Interessenvertretung, zum Beispiel auch und im Besonderen gegenüber der Politik. Das haben wir nach Kräften getan; und das gilt für die hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen bei der ABDA, in den Geschäftsstellen der Kammern und Verbände auf Landesebene ebenso wie für uns ehrenamtlich tätige Apotheker. Aber wer meint, es ginge bei der Auseinandersetzung zwischen der Politik und der Berufsorganisation um Verhandlungen, der täuscht sich. Denn die Macht hat am Ende des Tages die Politik. Sie macht und verabschiedet Gesetze. Wir müssen möglichst viel dafür tun, dass diese Gesetze nicht den Interessen des Berufsstandes entgegenstehen. Wir alle hätten uns gewünscht, auch diesmal erfolgreicher gewesen zu sein.

 

PZ: Der Jahreswechsel macht wieder einmal deutlich, welche Rollen die Kassen spielen. Warum geht das Katz-und-Mausspiel – Beispiel Packungsgrößenverordnung oder auch Mehrkostenregelung – hier immer weiter?

 

Becker: Die Probleme in der Apotheken-EDV zum Jahresanfang hatten viele Gründe. Ich will da aus meinem Herzen keine Mördergrube machen: Ich ärgere mich maßlos über die Falschmeldungen einzelner Hersteller, die am Ende zulasten der Apotheken gehen. Das ist unverschämt und wir haben dies den betreffenden Herstellern auch in aller Deutlichkeit gesagt. Wir erwarten nun von den Krankenkassen, dass sie die Situation fair beurteilen. Unverständlich ist mir die Vorgehensweise der Kassen aber bei der Mehrkostenregelung. So richtig der Gedanke einer Aufzahlung ist, so bürokratisch und schlecht umsetzbar ist diese Regelung; insbesondere dann, wenn Kassen ihre Versicherten falsch, schlecht oder unzureichend informieren. Das sind Beispiele für den Umgang, den die Kassen mit uns pflegen. Und je größer die einzelnen Kassen werden, desto schwieriger wird eine professionelle und faire Kommunikation.

 

PZ: Welche bedeutenden Baustellen gibt es derzeit im Zusammenspiel von Kassen und DAV?

 

Becker: Die Baustellen sind vielfältig; diese Erfahrung macht mittlerweile jede Apotheke; ob bei Rabattverträgen, der Hilfsmittelversorgung oder der Verhandlung über den Apothekenabschlag. Das Kassensystem ist immer noch heterogen, und es besteht die Gefahr, dass wir zwischen die Fronten geraten. Die Machtposition der Kassen ist immer noch groß. Umso wichtiger ist es, dass wir Apotheker als Verhandlungspartner möglichst stark auftreten. Je kleiner wir als Verhandlungspartner werden, desto stärker werden die Kassen dies ausnutzen.

 

PZ: Überall ist zu hören, dass die Apotheke sich noch stärker zu Pharmazie bekennen soll. Wie steht die Bundesapothekerkammer dazu?

 

Fink: In den nächsten Tagen werden wir uns nicht nur innerhalb der ABDA, sondern auch als BAK darüber intensiv auseinandersetzen, welche Themen wir gezielt besetzen, welchen Weg wir gehen wollen. Uns allen ist klarer denn je, dass der Heilberuf der Schlüssel für unseren Erfolg auch in der Zukunft bleibt. Bei allem Bewusstsein für die kaufmännischen und merkantilen Herausforderungen müssen wir uns zur Pharmazie bekennen und diese in der Praxis leben. Die bereits gefundenen Ansätze und die vielen positiven Erfahrungen beispielsweise beim QMS werden wir nutzen müssen, um unsere Rolle als Arzneimittelexperten festzuzurren. Das geht nicht ohne pharmazeutische Qualität.

 

PZ: Ist denn Qualität überhaupt ein Thema, mit dem Sie gesundheitspolitisch punkten können?

 

Fink: Davon bin ich überzeugt. Aber mir ist durchaus bewusst, dass in Zeiten leerer Sozialkassen die Politik schnell verleitet wird, andere Themen, die Kostenersparnis signalisieren, zu favorisieren. Umso wichtiger wird es sein, unsere heilberufliche Agenda auch politisch wirksam einzusetzen. Hier müssen wir noch stringenter agieren. Und wir werden uns grundsätzlich daran gewöhnen müssen, auf Widerstände zu stoßen. Denn wir sind mit unserem Thema der hochwertigen pharmazeutischen Versorgung nicht alleine auf dieser Welt. Allerdings sind wir diejenigen, die dieses Thema am besten können. Denn wir sind die Arzneimittelexperten.

 

PZ: Es hat Kritik an der Kommunikation der eigenen Inhalte gegeben. Ist diese Kritik berechtigt?

 

Wolf: Natürlich gibt es immer berechtigte Kritik. Und wir sind gerne bereit, uns dieser Kritik zu stellen. Die Öffentlichkeitsarbeiter der ABDA und der Landesorganisationen haben unter dem politischen Druck der letzten Wochen und Monate vielfältige Maßnahmen mit unterschiedlichen Tonalitäten erarbeitet und umgesetzt. Ich bedanke mich dafür ausdrücklich. Aber wir mussten als Spitze der Apothekerorganisationen sorgsam auswählen, welche Maßnahmen wir vor dem Hintergrund einer langfristig angelegten Zusammenarbeit mit der Politik und anderen Playern umsetzen wollen und können. Das AMNOG selbst, auch der Umgang mit dem AMNOG, ist in vielen Kammer- und Delegiertenversammlungen, zuletzt auch bei der ABDA-Mitgliederversammlung thematisiert worden. Letztendlich haben wir alle sehr bitter erfahren müssen, dass wir von der Politik alles andere als fair behandelt wurden. Bei den vielfältigen Bemühungen gibt es immer Situationen, die man im Nachgang vielleicht anders gelöst, anders angegangen wäre. Aber diese Debatte ist müßig.

 

Becker: Für mich ist es in Ordnung, wenn wir uns kritisch mit unseren Inhalten, mit unserem Tun auseinandersetzen. Aber wir sollten dabei nicht unbedingt denjenigen auf den Leim gehen, die einen Keil zwischen diese Berufsvertretung treiben wollen. Es gibt viele Interessengruppen, die in den sogenannten Apothekenmarkt eindringen wollen. Da geht es um viel Geld und entsprechend hoch ist der Einsatz der Interessenten. Wir haben in den vergangenen Wochen oftmals lernen müssen, dass unsere Möglichkeiten durchaus limitierter sind.

 

PZ: Herr Becker, Sie haben, ebenso wie viele andere Vorsitzende und Präsidenten, Ihren Unmut über die Politik deutlich gemacht. Welche Reaktionen hat es gegeben?

 

Becker: Mir persönlich ging es nicht darum, Druck abzulassen, sondern die verantwortlichen Politiker wissen zu lassen, warum ich als Apotheker, als Frei- und Heilberufler enttäuscht und getroffen war. Die Reaktionen waren unterschiedlich, aber die meisten von uns, die an Abgeordnete geschrieben haben, haben anscheinend den richtigen Ton getroffen. Die Politik muss lernen, dass es eben nicht »die« Apotheke gibt, sondern dass hinter dieser politischen Debatte Menschen und Schicksale stehen.

 

PZ: Es hat Auseinandersetzungen mit dem Großhandel gegeben. Wo liegt der Grund für diesen Streit?

 

Becker: Zwar haben einzelne Protagonisten des Großhandels immer wieder betont, man stehe an der Seite der Apotheke, aber das ging über diese Absichtsbekundungen nicht hinaus. Wir Apotheker müssen damit umgehen lernen, dass der Großhändler kein Freund, sondern ein Geschäftspartner ist. Überdies dominieren einige wenige Konzerne den Großhandelsmarkt. Deren Interessen sind überdies durchaus heterogen, das war und ist kein Geheimnis. Bis heute bleibt mir ein Rätsel, warum der Großhandel erpicht darauf ist, immer in einem Atemzug mit der unabhängigen Apotheke genannt zu werden.

 

PZ: Aber der Großhandel behauptet, er sei der wichtigste Partner der Apotheke.

 

Wolf: Wir alle haben nichts gegen eine Partnerschaft einzuwenden – wenn sie auch gelebt wird. Mit persönlich reicht es nicht, wenn nur von Partnerschaft gesprochen wird. Es mangelte zuletzt nicht an Bekenntnissen, sondern an den Taten. Und dass wir damit nicht ganz falsch gelegen haben, zeigt das Vorgehen der Pharma­großhändler gegenüber den Apotheken. Die Last des Großhandels soll nun von der Apotheke getragen werden. Mich wundert es, warum Großhändler glauben, dagegen würden sich Apotheker nicht wehren!

 

Fink: Der Großhandel ist auch ein sehr wichtiger Lieferant. Und er ist ein wichtiger Partner, wenn es um die Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln geht. Aber es sind die Apothekerinnen und Apotheker, studierte Pharmazeuten im Team mit gut ausgebildeten pharmazeutischen Fachkräften, die die qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen. Die Logistik ist zwar wichtig; entscheidend aber ist die pharmazeutische Versorgung.

 

PZ: Die Bundesapothekerkammer erwartet ebenso wie der gesamte Berufsstand die anstehende Novelle der Apothekenbetriebsordnung. Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Apotheken zukommen?

 

Fink: Zunächst sollten wir abwarten, was genau Inhalt dieser Novelle ist. Wir haben uns in den vergangenen Monaten sehr intensiv in Gesprächen und Diskussionen mit den Experten des Bundesministeriums für Gesundheit für machbare und sinnvolle Lösungen eingesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen finanziellen Lasten vieler Apotheken scheint es dringend geboten, nicht noch weiter Lasten aufzubürden.

 

PZ: Wie können Apothekerinnen und Apotheker den Herausforderungen begegnen?

 

Fink: Gerade im Bewusstsein, dass wir einem ganzen Berg an Herausforderungen gegenüberstehen, müssen wir uns auf unsere Stärken, auf unsere Kompetenz besinnen. Zusätzlich werden wir fortan noch viel deutlicher machen müssen, was wir leisten, wie wir unsere Leistung erbringen. Es ist fatal zu glauben, es reiche, wenn dies nur durch die Berufsvertretung kommuniziert wird. Wir alle sollten uns an die eigene Nase fassen, nach vorne blicken und unsere Leistung im besten Sinne des Wortes besser verkaufen.  /

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