Pharmazeutische Zeitung online
Wahlpflichtpraktikum

Klinische Pharmazie in Florida

05.01.2010  08:07 Uhr

Von Sina Heintz und Sabrina Kees / Die Klinische Pharmazie und die Umsetzung der Lehre stecken in Deutschland noch vielerorts in den Kinderschuhen. Die US-Amerikaner sind uns damit gut 30 Jahre voraus. Was ist also naheliegender als nach Amerika zu gehen, um dort sehen zu können, wie Klinische Pharmazie im Alltag gelebt wird? Das Ziel für unser Wahlpflichtpraktikum stand also fest.

Nach absolviertem siebten Semester, einiger Planung und mit großen Erwartungen an das, was wir erwarten würden, standen wir im Drug Information and Pharmacy Resource Center im Shands Hospital (UF), Gainesville, Florida. Die Drug Info, gegründet 1972, steht den Heilberuflern des Shands und des Staates Florida zur Beantwortung von arzneimittelbezogenen Fragen zur Verbesserung der Patientenversorgung zur Verfügung.

Begrüßt wurden wir von Professor Dr. Paul Doering, der unser einmonatiges Praktikum betreuen sollte, was sich als wahrer Glücksfall herausstellte. Doering hat selbst an der University of Florida Pharmazie studiert. Heute ist er Distinguished Service Professor of Pharmacy Practice. Außerhalb seiner Tätigkeit an der Universität steht er auch für Vorträge zu pharmazeutischen Themen zur Verfügung. Zusammen mit Professor Dr. Hartmut Derendorf hält er jährlich für die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg Seminare im Fach Klinischen Pharmazie. Unter anderem diesem Umstand hatten wir es zu verdanken, dass er sich exzellent mit dem deutschen Pharmaziestudium, dessen Aufbau und der zum Teil noch sehr geringen Umsetzung der Klinischen Pharmazie in der Praxis auskannte und so genau wusste, was wir in diesem Monat sehen wollen und unbedingt auch mitnehmen müssen.

 

Neben den alltäglichen Abläufen in der Drug Info (Journal Clubs – Vorstellung von aktuellen Studien aus verschiedenen Magazinen, Quality Assurance – stichprobenartige Besprechungen von Fragen und entsprechenden Antworten mit allgemeiner Relevanz zur Sicherung der Qualität der von der Drug Info erstellten Antworten, Reference Reviews – welche Quellen eignen sich zur Beantwortung der Anfragen?) hatten wir so die Möglichkeit, das amerikanische Studium kennenzulernen. Besonders ans Herz legte er uns die sechs Pharmacotherapy-Kurse, die bereits im zweiten Semester beginnen und die Studierenden bis zum Ende ihres Studiums hin begleiten. Auch auf »professional communication« wird großer Wert gelegt. Der Kurs zielt darauf ab, den Studierenden in einer Vorlesung die wichtigen Kniffe und Fähigkeiten im Umgang mit Patienten zu vermitteln, in Kleingruppen wird das dann in einem fingierten Gespräch Apotheker/Patient (mit Videoaufzeichnung und Selbstbewertung) geprüft.

 

Von der Theorie in die Praxis

 

Um zu erfahren, wie die Klinische Pharmazie in Amerika gelebt wird, mussten wir die Universität verlassen und bekamen so einen Einblick in die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten für Pharmazeuten. So besuchten wir die Coumadin-Clinic des Veterans Affair (VA) Hospital, Gainesville. Diese lässt sich am ehesten wie eine Arztpraxis in einer Klinik beschreiben. Die Patienten vereinbaren alle vier Wochen einen Termin um ihren INR-Wert (»International Normalized Ratio«, eine Folgenormung des Quickwertes) im Labor messen zu lassen und um die weitere Warfarin-Dosis zu besprechen.

 

Die Coumadin-Clinic wird von drei Apothekerinnen geführt, sie werden unterstützt von zwei Studierenden im PJ. Diese befragen die Patienten zu ihrem Umgang mit dem Warfarin. Aufgrund dieser Befragung, dem Befinden der Patienten, dem INR-Wert, der Indikation und einer eventuellen Vorgabe durch den Arzt diskutiert der Student mit den Apothekerinnen über die weitere Dosierung des Warfarins. Neue Patienten werden von den Apothekerinnen aufgenommen und von ihnen nach Indikation eingestellt. Zudem werden Beratungsgespräche vor Operationen mit den Patienten durchgeführt, die dann auf niedermolekulares Heparin umgestellt werden.

 

Es war sehr interessant zu sehen, dass die Patienten – wenn sie zu einem Routinetermin kommen – bei diesem ganzen Besuch keinen Arzt sehen. Die Studenten und Apothekerinnen werden vollkommen anerkannt und haben das Vertrauen der Patienten, genauso wie das der Ärzte, die in ständigem Kontakt mit den Apothekerinnen stehen und ihre Ratschläge häufig befolgen.

 

Ein anderes Beispiel für Pharmazie in der Praxis ist das Pre-Transplant Counseling in der Medical Plaza Apotheke und das »Liver Transplant meeting«. Das Medical Plaza liegt gleich neben dem Shands Hospital und ist ein Ärztezentrum. Die Apotheke dieses Ärztezentrums vergibt Termine zum Pre-Transplant Counseling, bei dem potenzielle Transplantationskandidaten über die Medikation und deren Kosten nach einer Transplantation durch eine Apothekerin und einen Studierenden im PJ aufgeklärt werden. Dabei werden auch die aktuelle gesundheitliche Situation und der Umgang mit der Medikation abgefragt.

 

Mit diesem Wissen wird der Patient über die einzelnen Säulen der Transplantationsmedikation aufgeklärt (Immunsuppression, Infektionsprophylaxe und medical management), welche Kosten die einzelnen Medikamente pro Monat verursachen, was von der Krankenversicherung abgedeckt wird und was bei der Einnahme beachtet werden muss.

 

Beratungen werden für Leber-, Lungen- und Herztransplantationen durchgeführt. Pro Organ findet einmal wöchentlich ein »Transplant meeting« mit Ärzten, Psychotherapeuten, Chirurgen, Krankenschwestern, Sozialarbeitern und eben dieser Apothekerin statt bei dem das Schicksal von Transplantationspatienten besprochen wird, das heißt ob sie auf die Warteliste für ein Spenderorgan kommen beziehungsweise ob etwas gegen eine Transplantation zum derzeitigen Zeitpunkt spricht. Zudem wird die soziale Situation der Patienten betrachtet, ob diese eine Transplantation überhaupt zulässt.

 

Recherche und Studienauswertung

 

Bei diesem Einsatzgebiet konnte das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Professionen, wie auch das Interesse anderer Professionen an der pharmazeutischen Sichtweise, anschaulich gezeigt ­werden.

 

Zudem hatten wir die Möglichkeit, einige Klinikapotheken mit Satelite-Pharmacies zu besichtigen und Professor Doering auf Vorträge im Altenheim und vor einer Schwesternschaft zu begleiten. Und obwohl wir nicht so firm waren mit der Literaturrecherche und der Auswertung der Statistik in aktuellen Studien, so durften auch wir uns auch hierin versuchen.

 

Unsere Zeit in der Drug Info war sehr interessant, aufschlussreich und hat uns sicherlich um einige Erfahrungen bereichert. Man kann jedem nur empfehlen, diese Erfahrung einmal selbst zu machen, um auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und zu sehen, was es noch so gibt in der Pharmazeutenwelt.

 

Zum Schluss ein Dank an alle, die diesen Aufenthalt für uns unvergesslich gemacht haben. Ein spezielles Dankeschön an Professor Doering dafür, dass er immer ein toller Ansprechpartner war, genau wusste, was wir wollten und alles erdenklich Mögliche in Bewegung gesetzt hat, dass wir so viel wie möglich nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis miterleben konnten. / 

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