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Nicht-Opioid-Analgetika
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Aus dem Kopfschmerz-Teufelskreis helfen

Nicht-Opioid-Analgetika und Triptane haben zwar keine psychotropen Wirkungen, dennoch kann es bei ihrer Einnahme zu einem Kontrollverlust kommen. Wie Apothekenteams hier eingreifen können, erklärte Dr. Ernst Pallenbach, Fachapotheker für Klinische Pharmazie, beim diesjährigen Frühjahrskongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.
AutorKontaktJuliane Brüggen
Datum 27.03.2026  10:00 Uhr

»Nicht-Opioid-Analgetika sind die am häufigsten verwendete Medikamentengruppe in Deutschland«, machte Pallenbach deutlich. So lagen die Schmerzmittel im »Epidemiologischen Suchtsurvey 2024«, einer Querschnittsbefragung zu Konsum und Missbrauch in Deutschland, mit einer 30-Tage-Prävalenz von 31,5 Prozent auf Platz 2 hinter Alkohol (68,6 Prozent). Zum Vergleich: Die 30-Tage-Prävalenz von opioidhaltigen Analgetika betrug 3,8 Prozent.

Die Auswertung zeigte zudem, dass Frauen nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) und Co. nicht nur häufiger einnehmen als Männer, sondern auch öfter von Missbrauch und Abhängigkeit betroffen sind. »Es gibt verschiedene Aspekte, die dabei eine Rolle spielen«, erklärte Pallenbach – zum einen seien biologische Unterschiede wie Körperfettanteil oder Enzymaktivitäten zu berücksichtigen. Er halte aber die psychosozialen Faktoren für relevanter – etwa Doppelbelastungen, um Beruf und Familie zu vereinbaren, oder das gesellschaftliche Rollenverständnis, das Frauen keine Exzesse zugestehe. »Bei einer Frau ist eher die stille Sucht das Thema«, so der Fachapotheker. »Bei allen anderen illegalen Drogen und bei Alkohol ist es umgekehrt, diese Abhängigkeiten sind immer männerdominiert.«

Kopfschmerz außer Kontrolle

Eine häufig in der Selbstmedikation behandelte Schmerzart sind Kopfschmerzen. Nur etwa 20 Prozent der Kopfschmerzpatienten unter 35 Jahren konsultierten einen Arzt, berichtete Pallenbach. Die Behandlung in Eigenregie mit nicht rezeptpflichtigen Schmerz- und Migränemitteln könne jedoch außer Kontrolle geraten: »Die tägliche Einnahme kann zu einer Zunahme von Kopfschmerzhäufigkeit und zum Übergang von episodischen zu chronischen Kopfschmerzen führen«, erläuterte der Apotheker. Es entsteht ein Teufelskreis aus Medikamenteneinnahme und einem »diffusen, dumpfen oder pulsierenden« Dauerkopfschmerz, der den ganzen Tag anhält und bei körperlicher Belastung zunimmt. Schätzungsweise sind bundesweit 500.000 Menschen betroffen. Risikofaktoren sind neben dem weiblichen Geschlecht bestehende Primärkopfschmerzen, Stress und körperliche Inaktivität.

Definitionsgemäß liegt ein Medikamentenübergebrauch vor, wenn ein Patient über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat an Kopfschmerzen leidet, die er mit Nicht-Opioid-Analgetika behandelt; für Triptane, Ergotamine und kombinierte Analgetika liegt die Grenze bei 10 Tagen pro Monat.

»Es gibt zum Glück gute Behandlungsschemata«, berichtete Pallenbach, etwa eine spezielle Leitlinie zum Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch. Zentrale Punkte sind die Aufklärung und Beratung sowie die Einleitung einer geeigneten nicht medikamentösen und medikamentösen Prophylaxe der Primärkopfschmerzen. Dafür werden unter anderem Amitriptylin, Topiramat, Beta-Blocker oder auch CGRP-Antikörper bei Migräne eingesetzt. Nicht zuletzt gilt es, das auslösende Schmerzmittel abzusetzen. Das gehe in der Regel ambulant – bei einer Sucht oder psychiatrischen Erkrankungen sei eine stationäre Behandlung erforderlich, sagte Pallenbach. »Die Erfolgsrate bei einer gestuften Therapie beträgt 50 bis 70 Prozent nach einem halben Jahr bis zu einem Jahr«, so der Apotheker. »Das kann sich sehen lassen.«

»Ein Beratungsangebot, das man nicht ablehnen kann«

Die hohe Erfolgsrate zeigt, dass es sich lohnt, die Patienten, die durch häufigen Analgetika-Kauf auffallen, anzusprechen. »Machen Sie ein Beratungsangebot, dass man nicht ablehnen kann«, ermutigte Pallenbach und empfahl folgendes Vorgehen: Den Wunsch des Kunden wiederholen, das Arzneimittel holen und den Wunsch bestätigen (»Das ist ein gutes Mittel gegen akute Schmerzen«). Dann auf persönliche Erfahrungen eingehen, etwa, wie der Kunde damit zurechtkommt, wie oft die Kopfschmerzen auftreten, wie lange er das Medikament nimmt. Entscheidend sei auch die Frage: »Wissen Sie, dass Ihre Medikamente langfristig Kopfschmerzen auslösen können?«

Bei der Abgabe sollten dann mögliche Probleme des Übergebrauchs wie die Analgetika-Nephropathie genannt und nicht zuletzt Unterstützung angeboten werden. Hilfe finden Betroffene bei einem Hausarzt, Neurologen oder in einem Schmerzzentrum. Die Abgabe einer üblichen Menge zu verweigern, ergebe wenig Sinn, sagte der Apotheker, da Patienten sich über Versandhandel oder andere Apotheken versorgen.

Damit es erst gar nicht zu einem Übergebrauch kommt, sei die hochwertige pharmazeutische Beratung unerlässlich, sagte Pallenbach. »Wichtig bei der Abgabe von all diesen Medikamenten ist der Hinweis auf möglichst kurzfristige und vor allem nicht regelmäßige Anwendung.« Als Faustregel gelte, dass die Patienten 20 Tage pro Monat ohne Schmerzmittel auskommen sollten. Weniger als die Dosis sei die Dauer und Regelmäßigkeit der Einnahme entscheidend. Bei der Einschätzung hilft ein Kopfschmerzkalender.

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