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Neue Leitlinie

Schädlichen Arzneimittelgebrauch verhindern

Was tun, wenn Arzneimittel nicht bestimmungsgemäß eingenommen werden? Und wie lässt es sich verhindern? Antworten gibt die neue S3-Leitlinie »Medikamentenbezogene Störungen«. An der Erstellung war auch die Apothekerschaft beteiligt.
Daniela Hüttemann
20.01.2021  16:30 Uhr

»Zum ersten Mal wurde hier die Evidenz zusammengetragen, ob und wie es zu einem schädlichen Gebrauch und Abhängigkeit im Rahmen einer medizinisch indizierten Therapie oder auch in der Selbstmedikation unter zunächst therapeutischen Dosen kommen kann«, sagte Professor Dr. Martin Schulz, einer der Koautoren und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Die neue S3-Leitlinie richtet sich zwar in erster Linie an den Arzt als Verordner, doch auch Apotheker finden hier Hinweise für den Umgang mit Patienten mit schädlichem Arzneimittelgebrauch. Alle am Medikationsprozess Beteiligten sollen für potenzielle medikamentenbezogene Störungen sensibilisiert, Risikogruppen und -faktoren besser identifiziert und ein sachlicher Umgang mit der Thematik gefördert werden. 

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Daniela Ludwig (CSU) sieht die neue Leitlinie auch als Impuls für die Politik, wie sie bei der Vorstellung dieser und der aktualisierten Leitlinien zu Alkohol- und Nikotinsucht heute sagte. »Wenn wir uns anschauen, welchen Schaden großflächiger Medikamentenmissbrauch beispielsweise in den USA zur Folge hat, ist das für uns ein Warnsignal und die Aufforderung, alles dafür zu tun, dass uns diese Umstände erspart bleiben.«  Sucht sei kein Problem am Rand der Gesellschaft, sondern in allen Bevölkerungsschichten und fast allen Altersgruppen anzutreffen. Manager wie Arbeitslose, Jugendliche wie Senioren, Alleinstehende wie Familienväter seien betroffen.

Medikamentenabhängigkeit sei eine eher stille Sucht, sagte Professor Dr. Ursula Havemann-Reinecke, eine der Leitlinienkoordinatoren. Angaben des epidemiologischen Suchtsurveys ESA aus dem Jahr 2018 zufolge gab es in Deutschland 2018 rund 2,9 Millionen Fälle von schädlichem und abhängigem Medikamentenkonsum in der Gruppe der 18- bis 64-Jährigen. »Je nachdem, welche Medikamente erfasst werden, kann diese Zahl auch höher sein«, so Havemann-Reinecke. Es gebe vermutlich genauso viele Medikamenten- wie Alkoholabhängige.

»Mehr als bei anderen Suchtmitteln besteht bei Medikamenten ein fließender Übergang zwischen bestimmungsgemäßem Gebrauch, nicht-bestimmungsgemäßem Gebrauch (Fehlgebrauch), missbräuchlichem, schädlichem und abhängigem Gebrauch«, erklärte die Suchtmedizinerin und Pharmakologin. Ausgangspunkt sei häufig eine medizinisch indizierte Verordnung. »Am wichtigsten sind eine klare Indikationsstellung und niedrigst mögliche Dosis, aber auch immer wieder zu prüfen, ob das Medikament weiterhin notwendig ist – das ist banal, fällt aber häufig unter den Tisch.«

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