Die meisten Schulterbeschwerden haben harmlose Ursachen und sind selbstlimitierend. / © Getty Images/Sneksy
Schulterschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der hausärztlichen Versorgung. Jeder sechste Erwachsene ist pro Jahr davon betroffen. Wie die richtige Vorgehensweise für Allgemeinmediziner bei diesen Patienten ist, hat nun ein Team von Forschenden um Dr. Romi Haas von der Monash University in Melbourne, Australien, anhand einer Literaturanalyse ermittelt. Das Ergebnis ist im Fachjournal »JAMA Internal Medicine« erschienen.
Demnach sind die Schulterschmerzen bei den meisten Patienten nicht durch ein Trauma verursacht und gehen von den Weichteilen rund um das Schultergelenk aus. Am häufigsten liegt die Schmerzquelle im subakromialen (unter dem Schulterdach liegenden) Bereich. Seltener gehen die Schmerzen vom Glenohumeralgelenk aus, etwa bei einer Arthrose oder einer sogenannten Frozen Shoulder (adhäsive Kapsulitis, eine schmerzhafte Entzündung und Schrumpfung der Gelenkkapsel im Schultergelenk).
Wichtig für die Diagnostik sind eine ausführliche Anamnese und die körperliche Untersuchung, bei der Schmerzcharakter und -muster sowie Bewegungseinschränkungen des Patienten erfasst werden. Mit diesen Informationen lassen sich seltene, aber ernsthafte Ursachen ausschließen – darunter Infektionen, Tumorerkrankungen, Brüche oder Schmerzen, die eigentlich aus einer anderen Körperregion (etwa dem Herzen) in die Schulter ausstrahlen.
Sind keine Warnzeichen vorhanden, ist die Behandlung zunächst bei den meisten Patienten ähnlich: Aufklärung über den in der Regel günstigen Verlauf, Linderung der Beschwerden und gegebenenfalls eine vorübergehende Anpassung der Aktivitäten. Anschließend kann zunächst abgewartet werden. Eine frühzeitige bildgebende Diagnostik (Röntgen, MRT oder Ultraschall) ist dagegen ohne relevantes Trauma oder verdächtige Befunde wie Fieber, ungewollten Gewichtsverlust oder eine Tumorerkrankung in der Vorgeschichte meist nicht nötig.
Der Grund: Strukturelle Veränderungen in der Schulter korrelieren häufig nur schlecht mit den Beschwerden. Bildgebung kann daher Zufallsbefunde zutage fördern, ohne die Therapie zu verändern. Laut Haas handele es sich bei solchen Befunden oft lediglich um normale Zeichen des Alterns, ähnlich wie graue Haare oder Falten.
»Unnötige bildgebende Untersuchungen können die Schmerzen einer Person fälschlicherweise auf diese normalen altersbedingten Veränderungen zurückführen und so zu unnötigen Sorgen, Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen führen. Wichtig ist, dass frühzeitige Untersuchungen die langfristige Genesung nicht verbessern.«
Eine fachärztliche Abklärung benötigten vor allem Patienten mit Verdacht auf Infektion, Tumor, Fraktur oder Luxation, mit deutlichen funktionellen oder neurologischen Ausfällen, Hinweisen auf eine systemisch-entzündliche Erkrankung sowie anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden und erheblicher Einschränkung.