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Tipp von der KI
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ASS und Lansoprazol könnten Frühgeburten verzögern

Ein Forschungsteam hat mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) die Auswirkungen verschiedener Arzneistoffe auf das Frühgeburtsrisiko simuliert. Demnach könnten Tetrahydrofolat sowie niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS) plus Lansoprazol ein therapeutisches Potenzial besitzen.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 23.10.2026  11:00 Uhr

Weltweit endet etwa jede zehnte Schwangerschaft mit einer Frühgeburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche. Rund 60 bis 70 Prozent dieser Fälle gehen auf spontan einsetzende vorzeitige Wehen zurück. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Veränderungen des mütterlichen Immunsystems. Während der frühen Schwangerschaft dominieren immunologische Toleranzmechanismen, die eine Abstoßung des genetisch teilweise fremden Fetus verhindern. Gegen Ende der Schwangerschaft verschiebt sich das Gleichgewicht zunehmend in Richtung entzündlicher Prozesse, die schließlich an der Einleitung der Geburt beteiligt sind. Bei spontanen Frühgeburten können diese immunologischen Veränderungen vorzeitig oder fehlreguliert auftreten.

Um mögliche pharmakologische Eingriffsmöglichkeiten zu identifizieren, entwickelte das Team um Dr. Jakob Einhaus von der Stanford University School of Medicine das Modell SIMCO (Simulated Immunome Modeling of Clinical Outcomes). Es kombiniert hochauflösende Einzelzellanalysen mit maschinellem Lernen und ermöglicht die Simulation individueller Immunreaktionen auf verschiedene Arzneistoffe. Auf diese Weise entstehen digitale Zwillinge des mütterlichen Immunsystems, an denen sich potenzielle Behandlungen virtuell untersuchen lassen.

Die experimentelle Grundlage bildeten Blutproben von elf Schwangeren im zweiten Trimenon und acht nicht schwangeren Frauen. Die Forschenden untersuchten die Wirkungen von neun zuvor ausgewählten Arzneistoffen beziehungsweise Wirkstoffkombinationen, darunter Metformin, Pravastatin, Chlorthalidon, Maprotilin, Rifabutin, Lansoprazol, Salicylsäure und 5-Methyltetrahydrofolat. Zusätzlich wurde die Kombination aus Salicylsäure und Lansoprazol getestet. Dabei analysierten sie die Reaktionen von 28 Immunzellpopulationen auf unterschiedliche entzündliche Stimuli und erfassten insgesamt rund 218 Millionen Leukozyten.

Die jetzt im Fachblatt »Science Advances« publizierten Ergebnisse zeigen ausgeprägte zelltypspezifische und teilweise schwangerschaftsabhängige Wirkungen der untersuchten Substanzen. Von den zahlreichen erfassten Veränderungen waren 1872 statistisch signifikant. Rund 95 Prozent dieser Effekte wirkten hemmend auf die untersuchten Immunreaktionen. Besonders häufig betroffen waren naive CD4-positive und CD8-positive T-Zellen sowie Granulozyten und Monozyten.

Überprüfung der initial erhaltenen Daten

Zur Überprüfung der von ihnen gefundenen Daten übertrugen die Forschenden die Ergebnisse auf eine unabhängige Kohorte mit 63 Schwangeren, von denen fünf eine spontane Frühgeburt erlitten hatten. Insgesamt standen 177 Blutproben zur Verfügung. Mithilfe der digitalen Zwillinge simulierten die Forschenden, wie die verschiedenen Arzneistoffe den Zeitpunkt des Geburtsbeginns beeinflussen könnten.

Die stärksten Effekte zeigte 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF), die biologisch aktive Form von Folat. Das Modell errechnete eine mediane Verlängerung der Schwangerschaft um 24,7 Tage. Für das tetrazyklische Antidepressivum Maprotilin ergab sich eine Verlängerung um 18,8 Tage und für die Kombination aus ASS (Salicylsäure) und Lansoprazol um 17,3 Tage. Bei 90,5 Prozent der simulierten Patientinnen sagte das Modell für Tetrahydrofolat eine Verlängerung der Schwangerschaft voraus, bei der Kombination aus ASS und Lansoprazol waren es 87,3 Prozent. ASS beziehungsweise sein untersuchter Metabolit Salicylsäure allein zeigte dagegen nur bei 46 Prozent einen rechnerischen Vorteil.

Die Zahlen sind allerdings mit erheblicher Vorsicht zu interpretieren. Sie beschreiben modellierte Effekte auf die vorhergesagte Schwangerschaftsdauer und dürfen nicht mit einer tatsächlich nachgewiesenen Verlängerung der Schwangerschaft gleichgesetzt werden. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass ihr Verfahren vor allem zur vergleichenden Bewertung potenzieller Wirkstoffe und zur Aufklärung immunologischer Mechanismen geeignet ist, nicht jedoch zur präzisen quantitativen Vorhersage individueller Behandlungserfolge.

Besonders interessant sind die molekularen Mechanismen, die das Modell als mögliche Grundlage der geburtsverzögernden Effekte identifizierte. Sowohl Tetrahydrofolat als auch die Kombination aus ASS und Lansoprazol verminderten die simulierte Aktivierung des JAK/STAT-Signalwegs, insbesondere die STAT3-Phosphorylierung in naiven CD4-positiven T-Zellen. Eine reduzierte STAT3-Aktivität könnte die Differenzierung proinflammatorischer T-Helferzellen begrenzen und damit zur Aufrechterhaltung der mütterlich-fetalen Immuntoleranz beitragen.

Pharmakologisch bemerkenswert

Pharmakologisch bemerkenswert ist die Kombination aus ASS und Lansoprazol. Niedrig dosierte ASS wird bereits in der Schwangerschaft eingesetzt, vor allem zur Prävention einer Präeklampsie bei entsprechendem Risiko. Für die Verhinderung spontaner Frühgeburten sind die bisherigen klinischen Ergebnisse dagegen begrenzt und uneinheitlich. Lansoprazol besitzt neben seiner säurehemmenden Wirkung auch immunmodulatorische Eigenschaften. Unter anderem kann der Wirkstoff die durch Lipopolysaccharide ausgelöste Aktivierung des entzündungsfördernden Transkriptionsfaktors NF-κB hemmen.

Die Kombination beider Substanzen zeigte in den Experimenten ein eigenständiges immunologisches Wirkprofil, das sich nicht vollständig aus den Effekten der Einzelwirkstoffe erklären ließ. Bei 79 Prozent der untersuchten Merkmale waren die Wirkungen additiv, bei drei Prozent synergistisch und bei 18 Prozent antagonistisch. Die synergistischen Veränderungen betrafen vor allem den JAK/STAT-Signalweg. Für die Simulation verwendeten die Forschenden als klinische Referenzdosen 81 mg ASS und 30 mg Lansoprazol.

Auch die Ergebnisse zu Folat sind bemerkenswert. Während die Supplementierung von Folsäure in der Schwangerschaft vor allem zur Prävention von Neuralrohrdefekten empfohlen wird, deuten epidemiologische Untersuchungen bereits auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Folatversorgung und Frühgeburtsrisiko hin. Die neuen Daten liefern eine mögliche immunologische Erklärung für diese Beobachtungen. Allerdings wurde im Experiment 5-Methyltetrahydrofolat untersucht, sodass sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf unterschiedliche Folatpräparate, Dosierungen oder Supplementierungsstrategien übertragen lassen.

Für die klinische Praxis ergeben sich aus den Ergebnissen derzeit noch keine neuen Therapieempfehlungen. Weder eine zusätzliche Folatsupplementierung über die etablierten Empfehlungen hinaus noch die Kombination aus ASS und Lansoprazol kann auf dieser Grundlage zur Prävention spontaner Frühgeburten empfohlen werden. Ob die Computersimulationen tatsächlich in eine wirksame und sichere Behandlung münden, müssen erst präklinische Untersuchungen und prospektive klinische Studien zeigen.

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