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Medikationsmanagement

ASS besser abends einnehmen?

Im Medikationsplan einer Patientin ist angegeben, dass die Einnahme von Acetylsalicylsäure 100 mg am Abend erfolgen soll. Ist das sinnvoll?
Lisa Goltz
Jane Schröder
09.10.2020  07:00 Uhr

Acetylsalicylsäure (ASS) ist Teil der Standardtherapie bei instabiler Angina pectoris und nach akutem Myokardinfarkt. Zudem ist sie zugelassen zur Reinfarktprophylaxe, nach arteriellen gefäßchirurgischen oder interventionellen Eingriffen sowie zur Vorbeugung von transitorischen ischämischen Attacken und Hirninfarkten, nachdem Vorläuferstadien aufgetreten sind. Zur Reinfarktprophylaxe wird eine Dosis von 300 mg, für alle anderen Indikationen eine Tagesdosis von 100 mg ASS pro Tag empfohlen. Eine konkrete Empfehlung zum Tageszeitpunkt der Einnahme gibt es derzeit in den Fachinformationen nicht. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass die magensaftresistenten ASS-Formulierungen möglichst mindestens 30 Minuten vor der Mahlzeit beziehungsweise ASS-Tabletten ohne magensaftresistenten Überzug möglichst nach der Mahlzeit mit reichlich Flüssigkeit wie einem Glas Wasser eingenommen werden sollen.

ASS hat durch Acetylierung der Cyclooxygenase eine irreversible thrombozytenaggregationshemmende Wirkung. Dadurch wird die Bildung des Prostaglandins Thromboxan A2 in den Thrombozyten gehemmt, das ansonsten die Thrombozytenaggregation fördert und vasokonstringierend wirkt. Der Effekt hält gewöhnlich für die gesamte achttägige Lebensdauer eines Thrombozyten an. Nach oraler Gabe wird ASS schnell resorbiert. Maximale Plasmaspiegel werden nach 10 bis 20 Minuten erreicht. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt nur wenige Minuten.

Das Risiko für das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse wie Schlaganfall, Herzinfarkt, ventrikuläre Arrhythmien und plötzlicher Herzstillstand ist am Morgen (6:00 Uhr bis 12:00 Uhr) höher als im Verlauf des restlichen Tages. Eine Ursache dafür könnte eine unzureichende Thrombozytenaggregation zu diesem Zeitpunkt sein. Pro Tag werden 10 bis 15 Prozent der Thrombozyten neu gebildet. Die Freisetzung erfolgt nach einem circadianen Rhythmus, vor allem in der späten Nacht und am frühen Morgen. Studien haben gezeigt, dass 95 Prozent der COX-1 aller Thrombozyten inhibiert sein müssen, um eine wirksame Reduktion der Thrombozytenaggregation zu erreichen. Wenn ASS am Morgen eingenommen wird, liegen zu diesem Zeitpunkt etwa 10 Prozent nicht gehemmte Thrombozyten vor. Dies wäre demnach in den frühen Morgenstunden zu wenig, um einen ausreichenden Effekt zu erzielen.

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