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Tag der deutschen Einheit

Apotheken zur Wendezeit – Alles auf neu

Schmidt bezeichnet den Einigungsprozess im Fall der Apotheken als »extrem erfolgreich«. Gerade im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, die sich im Nachhinein als aufgekauft und von Westdeutschen abgehängt empfanden, hätten die Apothekerkollegen aus West und Ost von Anfang an sehr kollegial zusammengearbeitet. Gleich nach der Wende habe es erste Partnerschaften mit Landesverbänden und -kammern gegeben, man habe sich gegenseitig besucht, ostdeutsche hätten westdeutschen Kollegen über die Schulter geschaut, es gab Fortbildungen und gemeinsame Reisen. Die Treuhand und der Großhandel hätten ebenfalls umfangreiche Hilfe geleistet beim Aufbau der Selbstverwaltung, erzählt Schmidt.

Auch Hans-Günter Friese erinnert sich lebhaft an diese Zeit. Damals seien ostdeutsche Kollegen auf Einladung in seinen regionalen Kammersitz Münster gereist, um sich westdeutsche Apotheken anzusehen. Übernachtet wurde in den privaten Wohnungen der westfälischen Kollegen. Richtige Freundschaften seien damals entstanden, erzählt Friese, teilweise besuche man sich noch heute gegenseitig.

Dass es um das Apotheken- und das gesamte Gesundheitssystem nicht gut stand, war für Friese schon vor dem Mauerfall abzusehen. Im August 1989 war er Teil einer vom DDR-Ministerium für Gesundheitswesen begleiteten Delegation aus Vertretern der westdeutschen Gesundheitsberufe. Eine Woche lang habe man sich Gesundheitseinrichtungen und auch Apotheken angesehen. »Es war damals schon ein offenes Geheimnis, dass es wirtschaftlich nicht mehr gut läuft in der DDR“« erzählt er. Man sei offiziell um Hilfe gebeten worden, unter anderem sollte es eine große Arzneimittellieferung aus dem Westen geben. Der Mauerfall nur drei Monate später machte die damals getroffenen Vereinbarungen allerdings weitgehend überflüssig.

Ab Ende 1989: Der Aufbau eines neuen Gesundheitssystems

Ab Ende 1989 war Friese dann bei vielen Gesprächen dabei, in denen das künftige Gesundheitssystem in den neuen Bundesländern ausgelotet wurde. Genau wie Schmidt erinnert er sich daran, dass es unter Apothekern nur wenige Gegenstimmen zur Selbstständigkeit gab. Sehr schnell sei die ABDA gemeinsame Interessenvertretung der gesamtdeutschen Apotheker geworden, sehr schnell habe man auch ein Kammer- und Verbandssystem im Osten geschaffen, noch 1990 wurden Präsidenten und Vorstände gewählt. Auch was darüber hinaus anstand – passende Räume für die Standesvertretungen finden, Büroeinrichtungen, Technik für die neuen Vertretungen organisieren – sei innerhalb eines guten Jahres abgeschlossen gewesen. »Der Zufriedenheitsgrad war groß, ich glaube bei uns hat vieles besser funktioniert als in anderen Berufsständen«, so Friese.

Vielleicht auch deshalb, weil die Bedingungen für die ostdeutschen Apotheker außergewöhnlich fair waren. So galt bis 1995 eine Übergangsregelung, die den ostdeutschen Apothekenleitern ein Vorkaufsrecht einräumte. Westdeutsche Apotheker durften in den neuen Bundesländern so lange keine Apotheken kaufen oder übernehmen, lediglich neue gründen. Wer sich die Selbstständigkeit doch nicht zutraute, konnte seine Apotheke übergangsweise von der Treuhand verwalten lassen. Die anderen kamen unkompliziert an Kredite zu fairen Bedingungen, auch gab es Finanzhilfen durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau, den Großhandel und auch durch europäische Institutionen.

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